COMPUTERSPIELE AUF DEM PC nutzen meist Tastatur und Maus. Auf dem Tablet kommen hingegen die Finger zum Einsatz. Konsolenspiele funktionieren über sogenannte Gamepads. Was aber, wenn all diese Hilfsmittel überflüssig wären – und man die Spiele allein durch Gedanken steuern könnte? Fachleute nennen eine solche direkte Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer ein „ Brain-Computer-Interface”. BCIs finden bereits in Kliniken Anwendung: Sie lassen gelähmte Menschen Roboterarme steuern oder Texte verfassen. Auf dem Kopf der Patienten befestigte Elektroden messen Hirnströme, die ein Computer in Befehle umsetzt (bild der wissenschaft 8/2004, „Denken statt Klicken”).
Damien Coyle, Informatiker an der University of Ulster in Nordirland, hat die BCI-Technologie für gelähmte Patienten mit Computerspielen verbunden. In einer der Varianten muss der Spieler sich beispielsweise – auf dem Bildschirm – geradeaus bewegen und mit einem Hieb oder Tritt Hindernisse aus dem Weg räumen. „Der Spieler wählt einen von sechs Befehlen, um die Figur zu steuern, indem er sich vorstellt, den linken oder den rechten Arm zu bewegen”, erklärt Coyle.
Ohne Training geht das freilich nicht, betont der Forscher: „ Die Bewegungsvorstellung ist eine Fähigkeit, die erlernt werden muss. Das kann mehrere Stunden dauern. Aber danach ist es möglich, dass der Patient auch andere Technologien mithilfe des BCI nutzt” – etwa einen Rollstuhl, was Schweizer Wissenschaftler erproben (siehe Beitrag ab Seite 98).
Spielen per Gedankenkraft – das könnte auch dem Rest der Bevölkerung Spaß machen, und tatsächlich gibt es bereits derartige Angebote auf dem Spielemarkt. Allerdings erfasst Coyles BCI-System die Hirnströme über Elektrodenkappen, wofür man sich ein spezielles Gel zur Signalverbesserung auf die Kopfhaut schmieren muss. Doch weil das viele Spieler lästig fänden, verwenden die meisten Anbieter von BCI-Spielen Stirnbänder mit eingearbeiteten Elektroden, die angeblich auch ohne Kontaktgel funktionieren.
So brachte etwa die Firma Mattel 2009 „MindFlex” auf den Markt – hier soll der Spieler per BCI ein Gebläse kontrollieren und auf diese Weise einen Ball schweben lassen. Skeptiker testeten daraufhin das MindFlex-Stirnband an Kürbissen und Frisierpuppen. Ergebnis: Der Ball schwebte auch ganz ohne Gehirnaktivität. Es musste lediglich elektrische Leitfähigkeit zwischen den Sensoren gewährleistet sein.
Den BCI-Pionier und Neurobiologen Niels Birbaumer von der Universität Tübingen wundert das nicht: „Unser Team hat sich viele dieser Systeme angeschaut. Die funktionieren alle nicht besonders gut. Bei einem haben wir festgestellt, dass es noch nicht einmal Hirnströme misst.” Stattdessen registrieren die Sensoren oft nur leeres Signalrauschen. Neben der Signalqualität spielt ein weiterer Faktor eine Rolle: die Platzierung der Sensoren. „Elektroden auf der Stirn können durch Augenblinzeln oder Stirnrunzeln gesteuert werden”, versichert Birbaumer, „ Muskelsignale sind viel stärker als Hirnströme.”
Die kanadische Firma Interaxon will Ende 2013 „Muse” auf den Markt bringen. Wiederum per Stirnband sollen die Kunden per Gedanken Spiele steuern, aber auch ihre Konzentration verbessern und Stress reduzieren können. Chris Aimone, Technischer Leiter bei Interaxon, bestätigt auf Anfrage: Muse wird nicht nur Hirn-, sondern auch Muskelströme auswerten.
Fazit: Gedankengesteuerte Spiele aus der Forschung sind derzeit noch zu aufwendig, um Maus und Joystick Konkurrenz zu machen – und kommerzielle Produkte funktionieren meist nicht so wie beworben. Niels Birbaumer sieht daher BCI-Spiele kritisch: „ Normale Spiele funktionieren sehr viel besser und schneller.” Franziska Konitzer ■





