Social-Media-Plattformen bieten ihren Nutzern üblicherweise die Möglichkeit, Beiträge mit anderen zu teilen. Meist genügt dazu ein einfacher Klick auf den Share-Button. Auf diese Weise können sich Bilder, Videos oder Nachrichtenartikel innerhalb kürzester Zeit weit verbreiten und im Extremfall viral gehen. Schon frühere Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass viele Nutzer zur Verbreitung von Inhalten beitragen, die sie selbst nicht einmal gelesen haben.
Unkritisches Teilen
Anhand von über 35 Millionen Links, die Menschen in den USA zwischen 2017 und 2020 auf Facebook geteilt haben, hat sich nun ein Team um S. Shyam Sundar von der Pennsylvania State University mit diesem Phänomen beschäftigt. Dazu erfassten die Forschenden, welcher Anteil der Nachrichtenlinks geteilt wurde, ohne dass der jeweilige Nutzer zuvor selbst daraufgeklickt hat – sogenannte „Shares without Clicks“, kurz SwoCs.
Das Ergebnis: „Wir haben festgestellt, dass mehr als 75 Prozent der Links geteilt wurden, ohne zuvor angeklickt worden zu sein“, berichtet das Forschungsteam. Aus Sundars Sicht ist diese Erkenntnis beunruhigend: „Ich bin davon ausgegangen, dass jemand, der etwas teilt, es gelesen und darüber nachgedacht hat, dass er den Inhalt unterstützt“, meint er. Auch für viele Nutzer mögen Inhalte vertrauenswürdiger wirken, wenn sie von Freunden geteilt wurden.
Politische Inhalte häufiger ungelesen geteilt
Im Analysezeitraum fanden in den USA die Kongresswahlen 2018 und die Präsidentschaftswahlen 2020 statt. Um herauszufinden, welchen Einfluss die politische Ausrichtung auf das Teilverhalten hat, werteten die Forschenden zum einen aus, inwieweit sich die geteilten Artikel einem politischen Lager zuordnen ließen. Zum anderen erlaubte ihnen der Datensatz, der von Facebooks Mutterkonzern Meta zur Verfügung gestellt wurde, Rückschlüsse auf die politische Orientierung der einzelnen Nutzer, die Beiträge geteilt haben.
Die Analyse ergab, dass politische Beiträge häufiger ungelesen geteilt wurden als unpolitische – und zwar umso mehr, je extremere Positionen sie vertraten. Das galt insbesondere, wenn sie mit der politischen Ausrichtung der jeweiligen Nutzer übereinstimmten. „Sowohl für konservative als auch für liberale Nutzer galt: Sie leiten einfach Dinge weiter, die oberflächlich betrachtet mit ihrer politischen Ideologie übereinzustimmen scheinen, ohne zu merken, dass sie dabei manchmal falsche Informationen weitergeben,“ sagt Co-Autor Eugene Snyder vom New Jersey Institute of Technology.
Beitrag zur Verbreitung von Falschinformationen
Tatsächlich führten fast 3000 der geteilten Links zu Beiträgen mit Falschinformationen. Aus Sicht der Forschenden kann dieses Ergebnis teilweise erklären, warum immer wieder Falschinformationen viral gehen. „Desinformationskampagnen zielen darauf ab, die Saat des Zweifels in einer Demokratie zu säen – das Ausmaß dieser Bemühungen wurde bei den Präsidentschaftswahlen 2016 und 2020 deutlich“, sagt Sundar. „Wenn Menschen teilen, ohne die Artikel zuvor zu lesen, tragen unwissentlich zu diesen Kampagnen bei.“





