Sein Lebenslauf liest sich wie aus dem Bilderbuch: Neun Preise hat der Chemiker Andreas Lendlein (37) bereits erhalten, zuletzt den World Technology Network Award im vergangenen November. Er hat an der ETH Zürich und am MIT in Cambridge (USA) geforscht. An der Universität Potsdam hat er die Professur „Materialien in den Lebenswissenschaften” und ist Leiter des Instituts für Polymerforschung am Standort Teltow des GKSS Forschungszentrum Geesthacht GmbH in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren. Hier forscht er über „ Formgedächtnis-Kunststoffe”, die nach einer Verformung zum vorher eingestellten Ausgangszustand zurückkehren, sowie an neuen Materialien für medizinische Implantate. Gab es trotz allem auch einmal Hürden, die zu bewältigen waren? „Das liest sich im Lebenslauf immer so einfach”, sagt der Forscher. „Natürlich gab es Hürden. Man braucht in der Forschung einen langen Atem, insbesondere um gute Erfindungen bis zur Anwendung zu begleiten. Das heißt bei meinen Erfindungen: für medizinische Anwendungen”, sagt Lendlein, der Sprecher des Programms „Regenerative Medizin” in der Helmholtz-Gemeinschaft ist. Er ist überzeugt: „Neben Kreativität und Wissen führen positives Denken und Hingabe zum Erfolg.”
Doch zuerst war es ein Zufall, der die Weichen stellte. „An der ETH Zürich tauchte ein Arzt in der Arbeitsgruppe auf, der auf der Suche nach Biomaterialien war”, erinnert sich Lendlein. „Ich fand das Thema spannend und habe mich spontan dafür entschieden, gut verträgliche und im Körper abbaubare Kunststoffe als Implantatmaterialien zu entwickeln. Daraus entstand dann meine Dissertation, die ich in Zürich schrieb.” Heute steht sein Name auf einer langen Liste von Publikationen, darunter von mehreren Veröffentlichungen in den renommierten Fachblättern Science, Nature und PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America) und auf über 30 Patenten. Sein chirurgisches Nahtmaterial zieht sich selber zum Knoten zusammen, und der Körper kann es nach der Heilung langsam abbauen. Gegenwärtig wird es für klinische Studien weiterentwickelt. Und seine Formgedächtnis-Kunststoffe lassen sich mittlerweile nicht nur durch Wärme, sondern auch durch Licht und magnetische Felder beeinflussen. Sie eignen sich somit für Medikamentendepots, die man in den Körper implantieren und deren Inhalt man je nach Bedarf ferngesteuert ausschütten kann.
Das Interesse an der Chemie begann mit einem Geschenk seines Patenonkels – einem Chemiebaukasten – und hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht”, freut sich Andre- as Lendlein. Abschalten kann er trotz aller Begeisterung für seine Arbeit recht gut und investiert jede freie Minute in seine Familie – seine Frau und die zwei kleinen Töchter von ein und drei Jahren. „Jeder Tag ist eine Herausforderung”, sagt er. „Aber die Familie unterstützt mich und gibt mir Kraft.”





