Dr. h.c. Klaus Tschira ist Mitbegründer der SAP AG. Der gebürtige Freiburger (Jahrgang 1940) diplomierte 1966 an der Technischen Universität Karlsruhe in Physik. 1972 verließ er zusammen mit vier Kollegen die IBM und gründete die SAP. Nach der Umwandlung in eine AG war er viele Jahre Mitglied des Vorstands. Mit 12,24 Milliarden Mark (6,25 Milliarden Euro) Umsatz und mehr als 24000 Mitarbeitern gehört dieses Unternehmen zu den größten Softwareherstellern der Welt. 1995 übertrug Tschira einen großen Teil seines Vermögens in die Klaus Tschira Stiftung gGmbH (KTS), deren Hauptziel die Förderung der angewandten Informatik, der Naturwissenschaften und der Mathematik ist. 1997 gründete Tschira das European Media Laboratory, das ebenso wie die KTS in der Heidelberger Villa Bosch arbeitet. Hier erforschen inzwischen 60 Wissenschaftler neue Anwendungen der Informationstechnologie.
bdw: Wie fühlt man sich als Mitbegründer des deutschen Softwarewunders SAP, Herr Tschira?
Tschira: Ganz normal. Trotz des unwahrscheinlichen Erfolges der SAP habe ich stets versucht, auf dem Teppich zu bleiben und nicht abzuheben. Ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen.
bdw: Wussten Sie als 15-Jähriger, was Sie werden wollen?
Tschira: Meine Neigung zu den Naturwissenschaften und der Technik war damals schon klar erkennbar; auch ein gewisses Talent zur Mathematik war bereits unter Beweis gestellt. Astronomie und Raumfahrt faszinierten mich. Eine genauere Zielbestimmung in Richtung auf die Physik gab es erst später. Es fiel mir schwer, mich zwischen Physik, Mathematik, Biologie und Chemie zu entscheiden. Das waren lauter hochinteressante Fächer; die Präferenzen wechselten mit den Lehrern.
bdw: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Lehrer?
Tschira: In Physik hatte ich nur gute.
bdw: Und wie hielten Sie’s mit der Mathematik?
Tschira: Da hatte ich mein entscheidendes Erlebnis in Mönchengladbach, als wir frisch zugezogen waren. Ich kam in eine chaotische Klasse, da gab es nur zwei Schüler, die mit dem Lehrer über die Mathematikaufgaben diskutierten. Die anderen schmissen derweil mit Kreide und Lappen. Mich forderte die Situation heraus und ich lernte das nach, was mir durch meinen Zuzug fehlte. Die Zeugnisnote begann sich bald darauf deutlich zu verbessern – von einer Vier auf eine Zwei. Dieser Erfolg beruhte nicht auf dem pädagogischen Geschick des Lehrers, sondern weil mich dessen Ungeschick herausgefordert hatte. Sie sehen: Gute wie schlechte Pädagogen vermögen etwas zu wecken. Das Schlimme ist das Mittelmaß.
bdw: Wie wurden Sie durch Ihre Eltern unterstützt?
Tschira: Ich wurde früh eingeschult, war stets der Jüngste in der Klasse. Lesen hatte ich schon vor der Schule gelernt. Wir waren zu Hause ziemlich knapp bei Kasse, aber es war selbstverständlich, dass ich aufs Gymnasium gehen durfte. Meine Mutter hätte eher als Putzfrau etwas dazu verdient, als mich von der Schule zu nehmen. Sie kannte sich als ausgebildete Krankenschwester ganz gut aus und förderte meine naturwissenschaftlichen Interessen nach Kräften. Wir hatten drei dicke Wälzer „Die Hochschule des Deutschen Volkes” im Schrank, in braunen Einbänden und noch aus der braunen Zeit. Den Band mit Technik und Naturwissenschaften habe ich einige Male vollkommen durchgearbeitet. Mein Vater war Kaufmann, er hatte die Devise: Ein Kaufmann muss alles können. Ich vermochte nicht einzusehen, warum das nur für Kaufleute gelten sollte. Meine Mutter war vor ihrem frühen Tod lange bettlägerig und ich musste viel im Haushalt helfen. Da erschien es mir immer als willkommene Ausflucht, dass ich noch was zu lernen hätte.
bdw: Um SAP zu gründen, verließen Sie IBM. Aus Frust?
Tschira: Ganz bestimmt nicht aus Frust. Dazu gab es keinen Grund: IBM wuchs, aus damaliger Sicht mutmaßlich ohne Ende, die Arbeit war interessant und abwechslungsreich. Best company to work for. Wir, die späteren SAP-Gründer, machten uns scherzhaft Gedanken um die Karriere-Aussichten: Mit etwa 30 waren wir schon Systemberater, danach gab’s in der Fachlaufbahn noch den Leitenden Systemberater und vier Chefberater, verteilt auf ganz Deutschland. Was sollten wir mit 40 machen? Wir erfanden den Geheimen Systemrat als Lösung, um weiter nach oben zu kommen, ohne ins Management oder in den Vertrieb gehen zu müssen. Als sich die Chance zur Unternehmensgründung bot, ergriffen wir sie.
bdw: Welche Ausbildungsgänge empfehlen Sie Jugendlichen, die in die IT-Branche gehen wollen?
Tschira: Lerne etwas im Hauptfach, was dich interessiert und was man mit IT möglicherweise besser machen kann, und das gründlich, damit du in deinem Fach zu den Spitzenkönnern gehörst. Lerne dazu IT-Grundkenntnisse, damit du mit den IT-Profis reden und mitdenken kannst. Wenn Informatik dein Lieblingsfach ist, umso besser. Aber werde lieber ein guter Patentanwalt oder Finanzmann als ein schlechter Informatiker.
bdw: Wie gut muss jemand in Mathematik sein, wenn er Softwareentwickler werden will?
Tschira: Ich betrachte eine gute Mathematiknote als einen wichtigen Indikator für gute Programmierleistungen, aber nicht als unbedingte Voraussetzung. Eine gute Note in Latein zeigt ebenfalls einen disziplinierten Umgang mit einer formalen Grammatik, gewiss auch eine gute Voraussetzung zum Programmieren. Es ist ja leider nicht jedem Mathematiklehrer gegeben, verborgene Talente zu wecken und zu begeistern.
bdw: Sollten wir in Deutschland Talente mehr fördern?
Tschira: Die Forderung nach Égalité in der französischen Revolution bezog sich auf die Chancengleichheit vor dem Gesetz, als Gegenposition zum Ständestaat. Die Gleichmacherei mit Deckelung von Spitzenleistungen, wie sie bei uns oft noch immer ist, ist volkswirtschaftlich eine Torheit ersten Ranges. Nur die künstlerischen Ausbildungsgänge blieben davon verschont. Wer Musik, Grafik oder Malerei studieren will, muss selbstverständlich vor der Zulassung zum Studium sein Talent beweisen. Den wissenschaftlichen Hochschulen ist die Auswahl der Studierenden nach ihrer Eignung für das gewählte Fach größtenteils verwehrt. Sie müssen die Studenten nehmen, die ihnen die ZVS zuteilt – nach Notenschnitt und Wartezeit. Welch ein Blödsinn! Ein klares Ja zu Elitehochschulen im Sinne der Konzentration auf Begabte sowie zu Studiengebühren, begleitet von großzügigen Stipendienprogrammen statt bürokratischer Mittelzuteilung an die Hochschulen nach Anzahl der Studienplätze. Aber auch eine klare Absage an elitäres Gehabe. Der wahrhaft Gute braucht das nicht.
bdw: Seit Ende der neunziger Jahre sind Sie nicht mehr im aktiven SAP-Management, sondern Sie betätigen sich als Mäzen. Ist das ein schönes Gefühl, wenn man mit Ideen und Geld anderen Menschen weiterhelfen kann?
Tschira: Das Wort Mäzen weckt unbestimmte und möglicherweise falsche Assoziationen. Ich ziehe keineswegs mit meinen Ideen hausierend durch das Land. Viele Leute versuchen, meine Stiftung für ihre Ideen zu gewinnen. Über die Annahme entscheide nicht ich allein, sondern auch ein Kuratorium, die Leiterin der Geschäftsstelle und, wo unsere eigene Sachkenntnis Lücken aufweist – also fast immer – mehrere Gutachter, die wir von Fall zu Fall hinzuziehen.
bdw: Wie wählen Sie Ihre Vorhaben aus?
Tschira: Die Klaus Tschira Stiftung fördert vor allem Forschungsprojekte aus den Bereichen angewandte Informatik, Naturwissenschaften und Mathematik sowie die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit. Unsere Förderschwerpunkte finden Sie im Internet. Für die Auswahl spielt auch eine Rolle, ob das Forschungsergebnis geeignet erscheint, das Ansehen der Naturwissenschaften, der Technik, der Informatik oder Mathematik in den Augen der Öffentlichkeit zu heben.
bdw: Was fördern Sie konkret?
Tschira: Wir fördern keine Unternehmen, das wäre nicht gemeinnützig. In der Regel fördern wir nur Projekte und damit nur indirekt auch Menschen. Zum Beispiel forschen Wissenschaftler des European Media Laboratory in Heidelberg im Auftrag der Stiftung auf verschiedenen Gebieten der angewandten Informatik wie der Bioinformatik oder dem Mobile Computing. In Dresden plant die Stiftung den Bau eines Gründerzentrums für die theoretischen Biowissenschaften. Weiterhin fördern wir das Astronomieprojekt DIVA, bei dem ein Kleinsatellit 35 Millionen Sterne vermessen soll.
bdw: Doch Sie vergeben auch Stipendien.
Tschira: Da wäre erst einmal das Gerda Tschira Stipendium zu nennen, das meine Frau maßgeblich initiiert hat. Hier fördern wir speziell allein erziehende Studierende der Informations- und Wirtschaftswissenschaften, bei denen ein dringend benötigter Auslandsaufenthalt an den Finanzen zu scheitern droht. Beim zweiten Programm handelt es sich um die Weiterbildung von Absolventen gleich welcher Fachrichtung, die sich zusätzlich in Bioinformatik vertiefen wollen. Hier übernimmt die Stiftung die Studiengebühren. Die Weiterbildung läuft parallel zu einer Berufstätigkeit.
bdw: Wofür vergibt die Tschira Stiftung Preise?
Tschira: Einmal gibt es Preise für Dissertationen, deren Autoren sich bemühen, sich allgemein verständlich auszudrücken. Der erste Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft wurde 1997 an der Universität Karlsruhe vergeben. Inzwischen wurde der Preis drei Mal jeweils für die Fachrichtungen Mathematik, Physik, Biologie, Informatik sowie Wirtschaftswissenschaften ausgelobt. Demnächst soll er bundesweit ausgeschrieben werden. Einen zweiten Preis haben wir für Lern-Software geschaffen, die von Schülern für Schüler entwickelt wurde. Er wurde im Mai erstmals vergeben. Bis Juni 2002 haben Schüler noch Zeit, sich um den nächstjährigen Klaus Tschira Preis für Jugendsoftware zu bewerben.
bdw: Ihnen ist es wichtig, dass Wissenschaft verständlich vermittelt wird?
Tschira: Ich halte jeden Forscher dazu an, seine wissenschaftlichen Ergebnisse so aufzubereiten, dass eine größere Öffentlichkeit etwas davon hat. Nobelpreisträger Günter Blobel bringt das auf einen einfachen Nenner: „Wenn ein Wissenschaftler seiner Großmutter nicht erklären kann, was er tut, hat er ein echtes Defizit.” In Deutschland haben wir nachzuholen: Einmal haben wir hier eine Kultur, stolz darauf zu sein, wenn man etwas Unverständliches von sich gibt. Das gilt als gelehrsamer. Ein US-Nobelpreisträger hat kein Problem, ein populärwissenschaftliches Buch zu schreiben – im Gegenteil, das stärkt sein Ansehen. Bei uns tuscheln die Kollegen dagegen: „Der hat etwas Populäres geschrieben, das ist kein seriöser Wissenschaftler mehr.”
bdw: Neben Amerikanern gelten vor allem Inder als besonders begabte Softwareentwickler. Ist da Ihrer Meinung nach etwas dran?
Tschira: Manche Journalisten scheinen wirklich an galoppierender Amerika-Phobie oder -Philie zu leiden. Eine Zeit lang war es in, Amerika als das Mutterland des Computers zu umschreiben, obwohl Konrad Zuse 1936 in Deutschland die erste programmgesteuerte Rechenmaschine auf dem Reißbrett hatte und sie zwei Jahre später auch baute. Lediglich der erste elektronische Rechner stammt aus den USA. Die USA sind ein großer homogener Markt, traditionell kunden- und serviceorientiert und offen für technische Neuheiten. Daher ist die Dominanz der USA auf vielen Teilmärkten der IT fast zwangsläufig. Indien ist ein Resultat konsequenter Förderung von Eliten mit Entwicklungshilfegeldern. Respektabel! Aber ob der Anteil guter Informatiker an der Gesamtbevölkerung höher oder niedriger ist als bei uns – keine Ahnung. Es gibt halt viele Inder, damit auch viele gute Informatiker.
bdw: Gewiss kennen Sie auch den Guru der IT-Branche, Bill Gates.
Tschira: Ich traf ihn einmal bei seinem Besuch der SAP in Walldorf, habe aber sonst keinen Kontakt. Mein Eindruck war, dass er an sich ein bescheidener, eher schüchterner Mensch ist, dem das permanente öffentliche Interesse auf die Nerven geht. Aber er ist schon ein cleverer alter Hase, der seiner Rolle auch gerecht zu werden weiß.
wolfgang hess





