Auf öffentliche Diskussionen um den Bau einer neuen Startbahn reagieren Flughafenanwohner sehr sensibel: Sie werden plötzlich viel lärmempfindlicher, haben US-Forscher herausgefunden. Die Wissenschaftler appellieren an Planer und Behörden, diesen psychologischen Effekt beim Ausbau bestehender Flughäfen nicht zu unterschätzen. Sie veröffentlichten ihre Ergebnisse im “Journal of the Acoustical Society of America” (Ausg. 111, S. 200 ).
1996 ging am kanadischen Vancouver International Airport eine neue Rollbahn in Betrieb. Die Anlieger waren zuvor gegen die Ausbaupläne Sturm gelaufen. Sanford Fidell von BBN Technologies aus Canoga Park/Kalifornien und sein Team hatten im Rahmen einer Studie rund 1.000 Anwohner vor und nach dem Ausbau ganz allgemein zum Thema Lärm befragt. Das überraschende Ergebnis: Zwei Jahre nach der Inbetriebnahme der Startbahn beschwerten sich mit 60 Prozent überdurchschnittlich viele Menschen, die nahe der neuen Einflugsschneise lebten, über lauten Fluglärm. Vor dem Ausbau waren es nur 20 bis 40 Prozent gewesen.
Aufgrund der Ergebnisse früherer Studien zum Thema Fluglärm hatten die Forscher zwar eine Zunahme der Klagen erwartet, aber nicht in diesem Umfang. Die Lärmkommission Federal Interagency Committee on Noise der US-Regierung hatte bereits 1992 eine Hochrechnung aufgestellt, die zeigt, wie Wut und Ärger bei Flughafenanwohnern proportional zu steigendem Fluglärm wachsen. Die Ergebnisse der Studie von Fidell lagen weit über diesen Werten.
Wie die Wissenschaftler vermuten, beruht ein Teil des Grolls über den Flughafen Vancouver offensichtlich auf Gründen, die mit dem Lärm direkt nichts zu tun haben. Nach den erfolglosen Protesten gegen den Startbahnbau hatte die Lärmtoleranz in den umliegenden Gemeinden extrem abgenommen.
Almut Bruschke-Reimer





