bild der wissenschaft: Mitte 2005 überstieg der Ölpreis erstmals die 50 Dollar-Marke pro Barrel. Inzwischen liegt er bei 75 Dollar. Wie leben die Europäer damit, Herr Mandil?
Mandil: Ich habe den Eindruck, dass sich die europäischen Verbraucher gar nicht bewusst sind, was der jetzige Preis bedeutet. Die Ausgaben für die Energie eines Privathaushalts sind weiterhin relativ gering: Ihr Anteil ist sogar geringer als vor 20 oder 30 Jahren. Für die armen Länder der Welt, die selbst keine Energierohstoffe haben, ist die neue Lage dagegen eine Katastrophe.
bdw: Ist ein Ölpreis unter 30 Dollar endgültig Geschichte?
Mandil: Vorhersagen sind häufig falsch. Und die Internationale Energie Agentur macht keine Vorhersagen mehr, weil das immer wieder als Prognose verstanden wird. Ich persönlich hoffe aber, dass die Preise sinken, doch sicher bin ich mir nicht.
bdw: Öl gibt es genug, sagen Förderfirmen. Die Spitze der Förderung ist bereits erreicht, behaupten Systemanalytiker. Was ist Sache?
Mandil: Die Spitze der Welterdölförderung ist noch nicht erreicht. Denn es gibt beträchtliche Reserven und Vorkommen, die noch nicht angezapft sind. Sie liegen meist in schwierig zugänglichen Regionen: in der Tiefsee, in der Arktis oder in Regionen, die für die internationalen Ölgesellschaften nicht frei zugänglich sind. Dazu gehören Länder des Nahen Ostens und Russland. Und genau hier entwickelt sich dann doch ein Problem. Internationale Ölgesellschaften wie Exxon, Shell, BP oder Total dürfen in bestimmten Zonen kein Öl mehr fördern. Die Welt könnte also immer mehr von arabischen und russischen Ölfördergesellschaften abhängig werden. Wenn sich daran nichts ändert, wenn der Monopolismus zunimmt, könnten wir in den nächsten 10 bis 20 Jahren bei den internationalen Ölunternehmen doch den Gipfel der Förderung erreicht haben.
bdw: Gegenwärtig verbraucht die Welt pro Jahr so viel Energie, wie – umgerechnet – in 15 Milliarden Tonnen Steinkohle steckt. Namhafte Experten gehen davon aus, dass sich dieser Jahresverbrauch in unserem Jahrhundert vervier- oder sogar verfünffachen könnte. Welche Auffassung vertritt die Internationale Energie Agentur?
Mandil: Wir kommen auch auf diese Zahlen. Sie zeigen, was passieren wird, wenn die gegenwärtigen Verhaltensweisen beibehalten werden. Hier handelt es sich also um eine Extrapolation und nicht um eine Vorhersage.
bdw: Die IEA wurde im November 1974 als Reaktion der OECD auf die durch die OPEC verursachte Ölkrise gegründet. Was sind für Sie die drei größten Erfolge der IEA?
Mandil: Unser größter Erfolg ist, dass wir unseren Auftrag immer erfüllt haben: sicherzustellen, dass die Industrienationen nie wieder unter einem Versorgungsmangel an Öl leiden. Zuletzt konnten wir unsere Leistungsfähigkeit nach den Hurrikanen von 2005 unter Beweis stellen, die über wichtige Ölfördergebiete hinwegfegten. Durch unsere strategischen Vorräte war die Versorgung der Industrieländer auch nach diesen Naturkatastrophen gewährleistet. Unser zweiter Erfolg ist, dass wir schnell erkannt haben, wie wichtig Energie-Effizienz ist. Ohne unsere Vorarbeit hätte Frau Merkel für den G8-Gipfel in Heiligendamm, der diesem Thema gewidmet war, weniger Substanz gehabt. Stolz bin ich auch auf den dritten Erfolg. Als unsere Agentur gegründet wurde, waren wir ein Club der reichen Industrieländer. Heute sind wir allgemein respektiert – auch von OPEC-Ländern. Und wir unterhalten gute Beziehungen zu Ländern wie China, Mexiko, Indonesien oder Südafrika, die kein Mitglied der IEA sind.
bdw: Wer kann die IEA mit Studien beauftragen?
Mandil: Das Arbeitsprogramm wird vom Verwaltungsrat bestimmt, der sich aus Vertretern der 26 und bald 28 Mitgliedsstaaten zusammensetzt. Zusätzlich dazu hat die EU-Kommission eine beratende Funktion. Im Klartext heißt dies: Wir sind kein Consultant. Wenn wir Studien machen, dann sind sie im Interesse aller Mitgliedsstaaten. Verantwortlich für den Inhalt bin ich. Andererseits verpflichten die Studien die Mitgliedsländer zu nichts. Es kommt durchaus vor, dass ein Mitgliedsland mit unseren Veröffentlichungen nicht einverstanden ist.
bdw: So wie jetzt Deutschland? Die Internationale Energie Agentur hat in einer soeben veröffentlichten Studie die Energiepolitik Deutschlands kritisiert.
Mandil: Wir haben die Einstellung zur Kernenergie, die Struktur des Energiemarktes sowie die Kosten für die Photovoltaik kritisiert. Solche Analysen gehören zu unseren Aufgaben. Wir sind auch da, um Kritik und Empfehlungen auszusprechen.
bdw: Die EU wird für ihre Mitgliedsstaaten immer verpflichtender. Ist es da kein Anachronismus, wenn jeder Staat seine eigene Energiepolitik betreibt?
Mandil: Europa braucht ganz dringend eine gemeinsame Energiepolitik, andererseits müssen aber auch nicht alle energiepolitischen Entscheidungen auf EU-Ebene getroffen werden. Als großes Problem wird immer wieder der einverträgliche Energiemix dargestellt. In der Tat gibt es Länder, die die Kernenergie befürworten, andere lehnen sie ab, manche sind für erneuerbare Energien, andere dagegen. Für mich stellt das kein Problem dar. Auch in Frankreich gibt es Regionen wie die Bretagne, die Piccardie, das Limousin, in denen die Bevölkerung die Kernenergie ablehnt. Dennoch haben sich diese Regionen mit der kernenergiefreundlichen Energiepolitik Frankreichs arrangiert.
bdw: Sie meinen, man sollte bestimmte Energieerzeugungsarten dort vorantreiben, wo sie Mehrheiten haben? Kernenergie in Frankreich oder Belgien, Braunkohle in Deutschland, Windenergie in Deutschland oder Spanien?
Mandil: Es ist äußerst wichtig, dass die EU einen echten Binnenmarkt bekommt. Dazu sind zwei Dinge nötig: Wir brauchen leistungsfähigere Überlandleitungen, um Energie von einem Land zum anderen zu transportieren. Zweitens brauchen wir gleiche Marktbedingungen. Strom ins Ausland zu verkaufen, darf nicht schwieriger sein als im Inland.
bdw: Können Sie das verdeutlichen?
Mandil: In Frankreich stammen 75 Prozent des Stroms aus Kernkraft, in Deutschland etwa 30 Prozent. Im zeitlichen Durchschnitt arbeiten die französischen Kernkraftwerke aber zehn Prozent weniger als die deutschen. Denn die französischen Kernkraftwerke produzieren so viel Strom, dass man sie in Zeiten schwachen Bedarfs herunterfährt. Wenn wir einen echten europäischen Binnenmarkt hätten, könnten die französischen Kernkraftwerke ununterbrochen laufen und überschüssige Energie etwa nach Deutschland exportieren. Deutsche Braunkohlekraftwerke wiederum könnten ihre Energie bei hohem Bedarf etwa nach Frankreich verkaufen. Die Kraftwerke würden dadurch rentabler, in Europa würde weniger Kohlendioxid erzeugt, und die Kunden bekämen preisgünstiger Strom.
bdw: Kernenergie ist weltweit nicht mehr der Renner. Seit Jahren sind etwa 440 Kernkraftwerke in Betrieb, etwa 20 sind im Bau, weitere 30 geplant.
Mandil: Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl 1986 wurde der Ausbau der Kernenergie in der Tat weltweit gestoppt. Neben dem Unglück hatte der Ausbaustopp noch weitere Gründe: Er traf mit dem Preisverfall für fossile Energieträger zusammen. Jeder hatte den Eindruck, dass wir wieder in einer Zeit des Überflusses leben. Man hat deshalb in neue Anlagen kaum noch investiert. Ein anderer Grund war die revolutionäre technische Entwicklung hin zu kombinierten Gas- und Dampfkraftwerken. Durch sie konnte der Wirkungsgrad von fossil befeuerten Kraftwerken von knapp 45 auf fast 60 Prozent gesteigert werden.
bdw: Neuerdings wird wieder verstärkt von Ausbau der Kernenergie geredet. Wagen Sie eine Prognose, wie viele Kernkraftwerke bis 2015 neu am Netz sein werden?
Mandil: Etwa 30 neue Kernkraftwerke dürften weltweit 2015 neu am Netz sein, vor allem in China, Russland und Indien, möglicherweise zu dem Zeitpunkt oder etwas später auch einige in den USA. Aufschwung der Kernenergie heißt nicht nur Neubau, sondern auch Verlängerung der Laufzeiten sowie die bis zu 20-prozentige Leistungssteigerung bestehender Kraftwerke durch moderne Dampferzeuger und Turbinen.
bdw: Gerade China setzt auf den Ausbau der Kernenergie. Wie sicher sind diese Kraftwerke?
Mandil: Sie gehören alle zur dritten Generation und entsprechen damit dem europäischen, japanischen und US-Standard. Ich glaube nicht, dass China mit der Sicherheit spielt.
bdw: Der Weltstrombedarf wird sich in den nächsten Jahrzehnten vervier- bis verfünffachen. Selbst bei einem moderaten Ausbau der Kernenergie dürfte deren Anteil am gesamten Stromaufkommen zurückgehen. Das heißt: Die Kernenergie verliert weiter an Bedeutung.
Mandil: Sie haben recht, die Kernenergie wird nur einen kleinen Teil des Weltenergiebedarfs decken. Anderseits müssen wir uns bewusst sein, dass der steigende Weltenergiebedarf mit weniger CO2-Emission verbunden sein soll. Um das zu erreichen, müssen wir vor allem eine deutlich bessere Energie-Effizienz bei der Energie-Erzeugung und -Nutzung erreichen. Wir brauchen die Erneuerbare Energie, wir brauchen die Kernenergie. Dennoch werden wir künftig noch mehr fossile Energie zur Bedarfsdeckung heranziehen müssen.
bdw: Small is beautiful – Großkraftwerke sind ein Auslaufmodell, glauben viele Deutsche und sagen, der dezentralen Energieversorgung gehört die Zukunft. Was ist Ihre Auffassung?
Mandil: Ich stehe der dezentralen Erzeugung aufgeschlossen gegenüber. Sie kann große Fortschritte machen – wenn sie preislich attraktiver wird. Gegenwärtig wird sie noch häufig stark subventioniert, um überhaupt wettbewerbsfähig zu sein. Doch auch bei einem massiven Ausbau der dezentralen Versorgung brauchen wir ein funktionierendes Netz – als Sicherheit, wenn die Sonne nicht scheint oder kein Wind da ist oder die Anlage aus Wartungsgründen stillliegt. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, um Energie zu erzeugen. Wir müssen jede davon nutzen.
bdw: Welche Perspektive sehen Sie konkret für die Windenergie?
Mandil: Wenn man die Kosten für CO2-Emissionsrechte mit einbezieht, ist die an Land erzeugte Windenergie heute schon vielfach wettbewerbsfähig. Dennoch wird sie immer nur einen Teil der Stromversorgung bereitstellen können. Windenergiekonverter im Meer haben darüber hinaus noch weitere Vorteile: Die Bevölkerung stößt sich an ihnen weniger, und die Stromerzeugung ist kontinuierlicher als an Land. Allerdings ist die Offshore-Technik noch sehr teuer. Ehe man sich ins Offshore-Geschäft stürzt, sollte erst einmal überlegt werden, wie man den Preis senken kann.
bdw: In den USA und in Spanien schießen große solarthermische Kraftwerke aus dem Boden. Durch sie lässt sich Sonnenstrom deutlich günstiger produzieren als über Photovoltaik. Ist das das Ende für die Solarzellen-Technologie, die gerade in Deutschland boomt?
Mandil: Bei der Photovoltaik hat man in Deutschland das Pferd von hinten aufgezäumt und zu rasch in sehr teure und nicht ausgereifte Einrichtungen investiert. Das war Geldverschwendung. Wir hätten erst die technologischen Prozesse verbessern sollen. Bei der Solarthermik gibt es derzeit vielversprechende Lösungen. Ob die Kosten wirklich so heruntergefahren werden können, wie die Protagonisten sagen, wird sich zeigen.
bdw: Welche erneuerbaren Energien sind für Sie in den kommenden zehn Jahren am vielversprechendsten für Mitteleuropa?
Mandil: An erster Stelle steht eindeutig die Wasserkraft. Auf Platz zwei ist für mich die Windkraft. Platz drei nimmt die passive Solarenergienutzung ein – also Wärmeerzeugung und Heizung durch Sonnenkollektoren. Biobrennstoffe sehe ich auf dem vierten Platz.
bdw: Wie wird sich die Energieversorgungsstruktur der OECD-Staaten Ende des nächsten Jahrzehnts von der heutigen unterscheiden?
Mandil: Wenn sich die Mitgliedsländer auf eine bessere Energiepolitik besinnen, wird sich die Versorgungsstruktur stark wandeln. Wir werden dann pro Energiedienstleistung sehr viel weniger Energie als heute verbrauchen, deutlich mehr erneuerbare Energie erzeugen, etwas mehr Kernkraft haben. Sollten wir mit der Technologie der CO2-Abscheidung deutlich vorankommen, werden sie vor allem die Industrienationen nutzen. Denn sie könnten vom Verkauf von CO2-Emissionsrechten am meisten profitieren.
bdw: Zum Energiesparen werden wir seit vielen Jahren aufgefordert. Der große Sprung ist noch keinem Industrieland gelungen. Muss man das Ziel ähnlich durchsetzen wie jetzt das Rauchverbot in öffentlichen Einrichtungen – durch strenge gesetzliche Vorgaben?
Mandil: Energiesparen klingt nach leiden: Es ist kälter in der Wohnung, man hat eine schlechtere Beleuchtung, man ist weniger mobil. Energie-Effizienz klingt viel freundlicher, man hat ja auch den gleichen Service wie bisher. Der Unterschied ist: Man nutzt die Energie besser. Ohne das Eingreifen des Staates werden wir aber kaum Fortschritte bei der Energie-Effizienz machen. Ich denke dabei weniger an Verbote als an Standardisierungen und Normen. Durch solche Maßnahmen würden Energiefresser als solche gebrandmarkt: Geräte, die zu viel Strom verbrauchen, ließen sich dann nicht mehr verkaufen. Gebäude ohne moderne Energie-Effizienz könnten gar nicht mehr gebaut werden.
Das Gespräch führte Wolfgang Hess ■
Ohne Titel
nach der Ölkrise von 1973/1974 wurde die IEA, die Internationale Energie Agentur, von den Industriestaaten gegründet. Sie ist eine unabhängige Organisation innerhalb der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung).
· Sie zählt 26 Mitgliedstaaten, die sich seit 1980 verpflichten, langfristige Ölreserven – für mindestens 90 Tage – zur Überbrückung von Versorgungsengpässen anzulegen. Im Notfall sind die Mitglieder verpflichtet, ihre Ölvorräte aufzuteilen.
· Sie beschäftigt rund 150 Experten und Statistiker mit der Analyse der Energiemärkte und erstellt Studien wie den monatlichen Ölbericht.
· Ihr oberstes Organ ist ein Verwaltungsrat, der aus Beamten auf Ministerebene der 26 Mitglieder besteht. Unterstützt wird der Rat durch sechs ständige Gruppen und Ausschüsse, die je einen bestimmten Verantwortungsbereich haben, darunter Notstandsfragen, Ölmarktinformationen, Energieforschung und Entwicklung. Außerdem gibt es Beratungsorgane, die sich mit dem Themenfeld Kohle- und Ölindustrie auseinandersetzen. So unterhält die IEA eine Abteilung, die für sämtliche Energieträger deren effektiven CO2- Ausstoß berechnet.
Lange Zeit hat sich die IEA hauptsächlich mit dem Energieträger Öl befasst. Heute, im Zeichen des Klimawandels, setzt sie sich für Versorgungssicherheit, wirtschaftliche Entwicklung und Nachhaltigkeit im Energiebereich ein.





