Jack St. Clair Kilby begegnet den Früchten seiner Tätigkeit immer wieder und überall auf dieser Welt. Denn Kilby, 76 Jahre alt und gelernter Elektroingenieur, ist der Erfinder des integrierten Schaltkreises, des Mikrochips. Dieses Jahr zeichnete ihn das schwedische Nobelpreis-Komitee zusammen mit zwei Kollegen mit dem Nobelpreis für Physik aus. 42 Jahre hat es gebraucht, um Kilbys Leistung als Nobelpreis-würdig einzuschätzen.
Doch der Reihe nach: 1958 waren Fernsehen und Radio die großen elektronischen Produkte. Elf Jahre zuvor hatten William Shockley, John Bardeen und Walter Brattain den Transistor erfunden, das Herzstück des elektronischen Zeitalters – dafür erhielten sie schon nach neun Jahren den Nobelpreis. Viele Firmen hatten sich auf den Transistor gestürzt, ihn weiterentwickelt und nach Anwendungen gesucht. Doch daran haperte es noch. Die Lager waren voll, der Absatz stagnierte und die Aktienkurse fielen. Die Zeit war reif für eine technologische Neuerung. Kilby kam 1958 zu Texas Instruments in Dallas.
Sein Arbeitsgebiet: Miniaturisierung elektronischer Bauelemente. Sogenannte Mikro-Module galten damals als „cutting edge” der Forschung in den Elektronikfirmen. Kilby aber dachte an einen anderen Weg: Das bessere Packen der einzelnen Elemente. Zeit, darüber nachzudenken, hatte er während des heißen texanischen Sommers im selben Jahr. Die Firma hatte Betriebsferien, fast alle machten Urlaub. Kilby, als Neuling ohne Anspruch auf Urlaub, saß allein im Labor und suchte nach einem Weg, um Transistoren, Widerstände und Kondensatoren einfach und vor allem billig zu integrieren.
„Ich brauchte rasch eine gute Idee”, schrieb Kilby später, „ sonst hätte ich nach den Betriebsferien an Mikro-Modulen arbeiten müssen.” Schließlich verfiel er darauf, alle Elemente aus einem Stück Silizium herzustellen und die Leitungen im selben Material gleich mit zu verlegen. Sein Prototyp war so groß wie ein kleiner Finger und enthielt einen Transistor, drei Widerstände und einen Kondensator – heutige Chips tragen Milliarden von Komponenten. Der erste integrierte Schaltkreis funktionierte, und im Februar 1959 meldete die texanische Firma ihn zum Patent an. Jack Kilby hat nicht mit einem Nobelpreis dafür gerechnet. „Ich war immer der Meinung, der Preis würde nur für grundlegende physikalische Entdeckungen vergeben”, sagte er am Telefon. „Was ich gemacht habe, war reine Ingenieursarbeit.” Nach Kilbys Maßstäben war das schon ein ausführlicher Kommentar. Der Nobelpreisträger, der nach 40 Jahren in Texas den schleppenden, singenden Zungenschlag des Landes angenommen hat, ist bekannt als Mann knapper Worte – sehr zum Frust von Interviewern und Journalisten.
Eigentlich hätte Kilbys späte Würdigung auch der Erfolg eines anderen Mannes sein müssen: Robert Noyce, amerikanischer Physiker und – als Mitbegründer von Fairchild Semiconductors und später von Intel – einer der Väter des Silicon Valley. Unabhängig von Kilby hatte auch Noyce einen Chip entwickelt und ihn zwei Monate nach Texas Instruments patentieren lassen. Noyce benutzte ein anderes – überlegenes – Herstellungsverfahren, bei dem der Schaltkreis in dünne Halbleiterscheiben eingeätzt wird. Zwischen beiden Firmen entbrannte ein bitterer Streit um die Patente und die Ehre, wer nun der eigentliche Erfinder des Chips sei. 1969 entschied das amerikanische Patentgericht schließlich zugunsten von Noyce. Kilby nennt Noyce, der 1990 starb, einen „persönlichen Freund”, und auch der Patentstreit hat inzwischen eine Sprachregelung gefunden, die beiden Seiten gerecht wird. Danach hat Kilby die grundlegende Struktur des Chips entwickelt und Noyce das Herstellungsverfahren. Dennoch geht Noyce beim Nobelpreis leer aus, denn das schwedische Preiskomitee bedenkt grundsätzlich keine verstorbenen Wissenschaftler.
Anfänglich kaufte vor allem das amerikanische Militär die neuen Mikrochips. Kilby leitete die Entwicklung des ersten militärischen Geräts, das auf Mikrochips beruhte: Die verbesserte Minuteman-Rakete. Den Durchbruch zum Hausgebrauch schaffte der Chip dann mit dem ersten elektronischen Taschenrechner, den Kilby 1967 mit zwei Kollegen für Texas Instruments entwickelte. Auch wenn Kilby zu den Begründern des Informationszeitalters zählt, bezeichnet er sich selbst als „Computeranalphabeten”. Und manche Anwendungen des Chips – etwa elektronische Grußkarten – findet er einfach lästig.
Jack Kilby





