Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Ökologische Nischen sind nicht einfach da, sondern sie entstehen durch eine komplexe, unübersehbare Wechselwirkung von abiotischen wie biotischen Faktoren und werden somit von den Organismen auch selbst auf mannigfaltige Weise mitgestaltet. Daher gibt es zwar stets Gewinner und Verlierer in der Evolution, aber nicht im gleichen Maß. Ist die Biodiversität größer, nehmen Komplexität und Stabilität in der Regel zu. Schwindet die Vielfalt – wie gegenwärtig –, kann sich der Niedergang selbst verstärken. Und im Extremfall kommt es zu einer globalen Katastrophe, die tiefe Einschnitte im Stammbaum des Lebens hinterlässt. Solche turbulenten Ereignisse haben die irdische Bühne immer wieder brachial umgestaltet, unzählige ökologische Nischen zerstört oder freigefegt – und zugleich der Evolution neue Spielräume eröffnet. So geschah es auch am Ende der Kreidezeit vor 66 Millionen Jahren.
von RÜDIGER VAAS
Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Ökologische Nischen sind nicht einfach da, sondern sie entstehen durch eine komplexe, unübersehbare Wechselwirkung von abiotischen wie biotischen Faktoren und werden somit von den Organismen auch selbst auf mannigfaltige Weise mitgestaltet. Daher gibt es zwar stets Gewinner und Verlierer in der Evolution, aber nicht im gleichen Maß. Ist die Biodiversität größer, nehmen Komplexität und Stabilität in der Regel zu. Schwindet die Vielfalt – wie gegenwärtig –, kann sich der Niedergang selbst verstärken. Und im Extremfall kommt es zu einer globalen Katastrophe, die tiefe Einschnitte im Stammbaum des Lebens hinterlässt. Solche turbulenten Ereignisse haben die irdische Bühne immer wieder brachial umgestaltet, unzählige ökologische Nischen zerstört oder freigefegt – und zugleich der Evolution neue Spielräume eröffnet. So geschah es auch am Ende der Kreidezeit vor 66 Millionen Jahren.
Obwohl damals keineswegs nur die Dinosaurier ausstarben – genauer: alle Gattungen, die nicht die Vorfahren der heutigen Vögel waren –, sondern sehr viele weitere Spezies, ist das Ableben der Reptilien aus menschlicher Perspektive besonders wichtig. Man kann es ohne Übertreibung sogar als notwendige naturgeschichtliche Bedingung für unsere Existenz bezeichnen. Denn ohne das Massenaussterben und insbesondere das Ende der dominierenden Saurierspezies hätten sich die hauptsächlich in unscheinbaren ökologischen Nischen fristenden Säugetiere ganz anders entwickelt. Folglich wären aus den damals schon vorhandenen „primitiven“ Primaten niemals Menschen und (andere) Menschenaffen entstanden!
Sicherlich war der große Untergang vor 66 Millionen Jahren nur ein Faktor – allerdings ein wesentlicher – für unser Dasein heute. Gleichwohl stellt sich bei solchen Katastrophen immer die Frage, weshalb manche Spezies aussterben mussten und andere nicht. Warum erwischte es etwa die Dinosaurier, nicht jedoch die Säugetiere?
Hierzu sind keine allgemeingültigen Antworten möglich, weil das komplexe Zusammenspiel der biotischen und abiotischen Randbedingungen im Detail weder bekannt noch voraussagbar ist. Dennoch gibt es inzwischen einige plausible Indizien für Erklärungen. Und Funde verraten immer mehr überraschende Details.
Wie Phönix aus der Asche
Am Unglücksort selbst, dem Chicxulub-Krater, fasste das Leben bald nach der Katastrophe wieder Fuß. Zwar war im weiten Umfeld des Einschlags zunächst alles zertrümmert und sterilisiert. Doch nach und nach wurde dieses tote Land neu besiedelt.
Es klingt beinahe zynisch, aber der kosmische Treffer hatte nicht nur zerstörende Auswirkungen, sondern schuf auch einen neuen Lebensraum. In seiner Folge entstand nämlich ein großes hydrothermales System im Untergrund, in dem eine Mikrobenwelt florierte – und das wesentlich länger und umfangreicher als früher angenommen.
Der Planetoidenabsturz erzeugte nämlich nicht nur einen rund 180 Kilometer großen Krater, sondern auch eine gewaltige Hitzewelle bis tief in die Erdkruste. Anschließend drang Meerwasser aus dem heutigen Golf von Mexiko in das zertrümmerte und aufgeschmolzene Gestein unter dem Einschlagsbecken und schuf ein Netzwerk aus heißen Rissen und Poren – ideale Bedingungen für hitzeliebende Bakterien.
Wo auf der Erde Wasser fließt, besonders warmes, wimmelt es von Leben. Bereits vor zwei Jahrzehnten hatten mehrere Teams anhand von chemischen und geologischen Analysen einer Bohrprobe sowie mithilfe von Computersimulationen gezeigt, dass unter dem Chicxulub-Krater ein hydrothermales System entstanden war, das Zehntausende von Jahren, vielleicht sogar zwei Jahrmillionen aktiv blieb. Tatsächlich scheint es noch größer gewesen zu sein. Solche Systeme wurden bereits in vielen Einschlagskratern auf der Erde nachgewiesen, in einigen davon auch Indizien für Mikroorganismen. Aber Chicxulub barg das größte derartige System infolge eines Einschlags überhaupt, für das es Hinweise gibt. Zu dieser Schlussfolgerung kam eine neue Studie, die ein Team um Annemarie Pickersgill und Evangelos Christou von der University of Glasgow in Schottland Mitte 2026 veröffentlicht hat.
Im Jahr 2016 hatten Wissenschaftler im Rahmen der Expedition 364 des International Ocean Discovery Program Chicxulubs Kraterringwall angebohrt, mehr als 700 Meter unter dem Meeresboden und rund 50 Kilometer vom Mittelpunkt des Impaktkraters entfernt. In den gewonnenen Gesteinsproben wurde ein Feldspat-Mineral gefunden, das reich an Kalium ist. Es entstand, als nach dem Einschlag heißes Wasser durch den Krater zirkulierte. Mithilfe einer Datierung, die auf Argon-Isotopen basiert, wies das Team um Pickersgill nach, dass sich diese Mineralien über einen Zeitraum von mindestens acht Millionen Jahren seit dem Planetoidentreffer gebildet hatten – das Vierfache der früheren Schätzung.
Aktualisierte Computersimulationen, die neben den neuen geologische Daten auch ausgefeiltere Modelle der Wärme- und Flüssigkeitsströmung berücksichtigten, ermöglichte es nachzuvollziehen, wie das hydrothermale System so lange aktiv blieb. Es mussten mehrere Faktoren zusammenwirken: neben dem hochdurchlässigen, zerklüfteten Gestein und der natürlichen geothermischen Energie der Region auch die Restwärme des Meteoritentreffers selbst.
„Die durch den Einschlag entstandenen porösen Gesteine schufen eine Umgebung, in der Mikroorganismen vor Strahlung und extremen Temperaturen geschützt waren“, sagt Pickersgill. „Solche Bedingungen geben dem Leben die Möglichkeit zu gedeihen. Das ist wahrscheinlich bereits vor Milliarden von Jahren auf der Erde geschehen.“ Insofern vertieft Chicxulub sogar das Verständnis möglicher Randbedingungen bei der Entstehung des Lebens, die sehr kontrovers diskutiert werden (BDW 8/2019, „Der Anfang des Lebens“).
Durch die Folgen des Einschlags wurden weltweit bis zu 90 Prozent der damals lebenden Foraminiferen-Arten im Plankton ausgelöscht. Diese Einzeller besitzen winzige Schalen aus Kalziumkarbonat, messen meist nur Bruchteile eines Millimeters und leben nahe der Meeresoberfläche. Weil Zusammensetzung und Beschaffenheit ihrer Schalen von Umweltbedingungen wie Nährstoffangebot, Temperatur und Versauerung beeinflusst werden, kann man daraus Schlüsse auf den Zustand früherer mariner Ökosysteme ziehen.
„Diese Mikrofossilien ermöglichen es, die Artenvielfalt und ihre Veränderungen sehr gut zu rekonstruieren“, sagt Chris Lowery von der University of Texas in Austin. Mit seinem Team analysierte der Mikropaläontologe den Anteil von Helium-3 in den Sedimenten von sechs Orten der Kreide-Paläogen-Grenze in Europa, Nordafrika und dem Golf von Mexiko. Das Isotop lässt darauf schließen, wie viel Weltraumstaub sich angesammelt hat, in dem es hauptsächlich vorkommt. Da dieser mit ziemlich konstanter Rate auf die Erde rieselt, kann er als Zeitmesser für die Sedimentation dienen. Daraus schloss das Team, dass erste neue Foraminiferen-Arten, die teils nur ein paar Zentimeter über der Kreide-Paläogen-Grenze zu finden sind, bereits weniger als 2.000 Jahre nach dem Einschlag auftauchten; zehn bis zwanzig weitere Arten wie Parvularugoglobigerina eugubina traten höchstens 8.000 Jahre später auf. „Es ist unglaublich, wie schnell das geschah“, kommentiert Lowery.
Frühere Forschungen deuteten darauf hin, dass mindestens 30.000 Jahre vergingen, bis neue Foraminiferen-Arten entstanden – so das Resultat von magnetostratigraphischen Messungen. Darüber berichtete 1995 eine einflussreiche Studie. Sie wird jedoch mittlerweile angezweifelt, weil sie auf der Annahme weitgehend gleichmäßiger Sedimentationsraten vor und nach dem Einschlag beruht. Allerdings veränderten sich diese wohl erheblich, weil weniger kalkhaltiges Plankton auf den Meeresboden sank und nach dem Verlust der Landvegetation zugleich mehr erodiertes Material vom Festland in die Meere gelangte.
Evolutionäre Prozesse können unter bestimmten Umständen also sehr schnell auf Umweltveränderungen reagieren, besonders unter extremen Bedingungen. „Der globale Impaktwinter, die Dunkelheit, die Abkühlung – all diese Dinge fanden über Jahrzehnte hinweg statt“, sagt Lowery. „Warum sollten neue Arten 30.000 Jahre brauchen?“
Auf dem Festland und bei Vielzellern ging die Evolution nicht ganz so schnell weiter. Aber auch hier gab es Nutznießer des großen Sterbens. Das waren neben zersetzenden Bakterien vor allem Pilze, die von verrottendem organischen Material lebten. Sie könnten wiederum Säugetieren zu einem Selektionsvorteil nach der Katastrophe verholfen haben. Diese Idee wurde bereits vor Jahrzehnten diskutiert. Sie stieß jedoch auf Skepsis, weil fossil erhaltene Weichteile und Hinweise auf Ernährungsgewohnheiten selten sowie schwer zu deuten sind.
Eine im Mai 2026 veröffentlichte Studie von Rosanna Baker und Arturo Casadevall von der Johns Hopkins University zeigte nun, dass die Rolle der Pilze wirklich nicht zu unterschätzen ist. Damit bestätigte sie Analysen von Vivi Vajda von der schwedischen Universität Lund und Stephen McLoughlin von der australischen Queensland University of Technology in Brisbane. Diese hatten im Jahr 2004 vom Nachweis einer nur etwa vier Millimeter dünnen, fast ausschließlich aus Pilzsporen und -hyphen bestehenden Schicht berichtet, die sie an der Kreide-Paläogen-Grenze in einem Kohleflöz im Greymouth Coalfield an der Westküste der Südinsel Neuseelands entdeckt hatten. (Darüber befindet sich eine artenarme, von Farnsporen dominierte Ablagerung des frühen Paläozäns.)
Baker und Casadevall fanden nun auch eine beträchtliche Zunahme fossiler Sporen und Pilzfäden in Gesteinsschichten des Denver-Beckens in Colorado. Pilzsporen machten dabei mehr als die Hälfte aller Sporen und Pollen aus, gegenüber sonst meistens nur 20 bis 30 Prozent. Ein solcher Pilz-Spike kann sogar als Indikator des Massensterbens selbst interpretiert werden.
Fest steht jetzt, dass zumindest in Nordamerika Pilze schon vor dem Einschlag proliferierten. Aber danach breiteten sie sich explosionsartig aus. Die Pilze florierten, weil sie mit der gedämpften Sonneneinstrahlung und dem kalten Klima gut zurechtkamen – im Gegensatz zu photosynthetisch aktiven Pflanzen. Pilze bevorzugen oft sogar niedrigere Temperaturen und saure Umgebungen. Die Sporen enthielten zudem viel Melanin, das vor den schädlichen Auswirkungen von Ultraviolettstrahlung schützt. „Es wirkt wie eine Rüstung“, meint Baker. Vor allem aber hatten die Pilze ein reichhaltiges Nahrungsangebot, denn es wimmelte damals nur so von abgestorbener organischer Materie. Mit deren Abbau sorgten die Pilze zugleich für Aufbau: für eine Grundlage, auf der sich die Vielfalt des Lebens nach der Katastrophe neu formieren und wieder gedeihen konnte.
Baker und Casadevall vermuten, dass die erfolgreichsten Pilze wahrscheinlich Saprotrophen waren, also Zersetzer, die sich von verrottendem Material ernähren. Die Fossilien legen nahe, dass es sich um ausgestorbene Vertreter des Stammes der Ascomycota (Schlauchpilze) handelte. Zu ihren heute lebenden Verwandten zählen Morcheln, Trüffel, Backhefen, Becher- und viele Schimmelpilze.
„Zusammen mit Berichten über die Ausbreitung von Pilzen nach früheren globalen Katastrophen deuten diese Erkenntnisse darauf hin, dass Pilze oft nach dem Zusammenbruch von Ökosystemen gedeihen können“, schreiben Baker und Casadevall. „Als sich später die Pflanzen erholten, stellte sich das ursprüngliche Gleichgewicht wieder ein, sodass es wieder mehr Pflanzen als Pilze gab.“
Säugetiere als Nutznießer
Die Mikrobiologen spekulieren überdies, dass Dinosaurier weniger widerstandsfähig gegen Pilzinfektionen waren als die frühen Säugetiere. „Angesichts der Fähigkeit von Pilzen, sowohl bei Pflanzen als auch bei Tieren Krankheiten zu verursachen, hat das Auftreten von Pilzvermehrungsereignissen potenzielle Auswirkungen auf die Erholung von Arten, die globale Katastrophen überlebt haben“, meint Casadevall, der diese Hypothese seit 2005 ausarbeitet. Zudem könnten Säuger einen Selektionsvorteil besessen haben, indem sie pilzreiches organisches Material zu fressen und zu verdauen vermochten, während andere Wirbeltiere große Probleme hatten, Nahrung zu finden.
Allerdings sind nicht alle Wissenschaftler von der Hypothese überzeugt. So wird argumentiert, dass Säugetiere ihren Erfolg eher einer Kombination von Merkmalen wie geringer Körpergröße, anpassungsfähigem Verhalten und Fortpflanzungsstrategien verdanken als einem einzelnen ernährungsbedingten Vorteil. Zudem sind Pilze nicht besonders nährstoffreich und reichten allein als Futter für Säugetiere nicht aus. Trotzdem besteht Konsens darin, dass das Überleben nach dem Einschlag nicht nur von der Körpergröße oder dem Lebensraum abhing, sondern auch von der Ernährung.
Bemerkenswert ist, dass es in Nordamerika auch schon vor dem Chicxulub-Einschlag eine Zunahme der Pilzsporen gab, insbesondere etwa 30.000 bis 10.000 Jahre zuvor. Damals waren die enormen Vulkanausbrüche der Dekkan-Trapps im Westen Indiens besonders aktiv, verdunkelten den Himmel und kühlten das Klima ab.
„Die Pilzblüte, die vor dem Einschlag auftrat, belegt, dass die intensive und anhaltende Phase vulkanischer Aktivität in der späten Kreidezeit die Erde bereits vor dem Meteoriteneinschlag belastete“, ist Baker überzeugt. Vielleicht war das Massensterben der Kreidezeit eher ein „Doppelschlag durch Vulkanismus und einen Boliden“ und kein einzelner auslösender Moment, ergänzt Casadevall.
Blut und Wein
Die endkreidezeitliche Katastrophe führte nach den blutigen Verlusten langfristig sogar zu blühenden Landschaften. Dies geschah allerdings unterschiedlich schnell und auf verschiedene Weisen. Die Aussterbe- und Erholungsmuster waren geografisch heterogen. Beispielsweise tauchten bis zu 90 Prozent der vor dem Aussterben vorhandenen Pollen- und Sporengruppen vier bis fünf Millionen Jahre nach dem Einschlag in Patagonien und Neuseeland wieder auf. Im Gegensatz dazu betrug das Aussterben dieser Flora in den nördlichen Great Plains Nordamerikas bis zu 30 Prozent; ihre Vielfalt sowie die der damit assoziierten Insekten dürfte erst im späten Paläozän oder frühen Eozän wieder das Niveau vor dem Aussterben erreicht haben, also erst etwa zehn Millionen Jahre später.
Die enorme botanische Vielfalt in den heutigen Tropen Mittel- und Südamerikas ist auch eine Folge des Bolideneinschlags. Anschließend kam es zu einer großräumigen Entstehung vieler neuer Arten, die aber teilweise bald wieder ausstarben. Das zeigte ein internationales Forschungsteam um Fabiany Herrera vom Field Museum of Natural History in Chicago, Illinois. Es wertete Funde aus Kolumbien, Panama und Peru aus, die zwischen etwa 60 und 19 Millionen Jahre alt sind und deren Nachkömmlinge heute teilweise ausschließlich in den Tropen der Alten Welt vorkommen (etwa die Cayratieae und Leea-Arten). Fossile Traubenkerne aus dem Paläozän Kolumbiens und dem Miozän Panamas lassen zudem vermuten, dass die modernen Kulturreben der Gattung Vitis ursprünglich aus der neuen Welt stammen. Die endkreidezeitliche Katastrophe könnte also die anschließende Ausbreitung und Diversifizierung der Weinrebengewächse begünstigt haben.
Vielfalt des Lebens: Tropische Regenwälder – hier aufgenommen in Ecuador – verdanken ihre Existenz dem Florenschnitt des kreidezeitlichen Massenaussterbens. Zuvor gab es wohl noch keine derart üppigen, geschlossenen Baumkronendächer.
Vom Kahlschlag zur größten Vielfalt
Inzwischen wurde auch deutlich, dass die modernen Regenwälder Südamerikas ihre Zusammensetzung und Struktur dem vernichtenden Einschlag verdanken. Zuvor hatten die Wälder wohl keine geschlossene Blätterdecke, und sie bildeten weniger vertikal differenzierte Lebensräume als heute. Außerdem gab es noch mehr der evolutionär älteren Nacktsamer (Gymnospermen), wie sie gegenwärtig etwa in Nadelwäldern kühlerer Klimazonen vorkommen. Zwar waren die konkurrierenden Bedecktsamer (Angiospermen), die eigentlichen Blütenpflanzen, damals bereits im Aufschwung, doch nach dem Einschlag nahm ihre Vorherrschaft weiter zu. Dies geschah relativ rasch in den Tropen Südamerikas, 3.000 Kilometer vom Einschlagsort entfernt. Das hat eine umfangreiche Studie eines großen Teams um Mónica R. Carvalho vom Smithsonian Tropical Research Institute in Panama nachgewiesen.
„Die Regenwälder der späten Kreidezeit besaßen ein offenes Kronendach und vielfältige Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Insekten. Die Pflanzendiversität ging an der Kreide-Paläogen-Grenze um 45 Prozent zurück und erreichte erst nach etwa sechs Millionen Jahren wieder ihr früheres Niveau“, berichteten die Forscher. „Dann entstand das heute artenreichste terrestrische Ökosystem.“
Carvalho und ihr Team rekonstruierten die Vorgänge, indem sie über 53.000 Pollenvorkommen und fast 7.000 Blattfossilien aus zahlreichen Fundstätten im heutigen Kolumbien analysierten: aus 39 stratigraphischen Abschnitten in Aufschlüssen und Bohrungen. Das Gebiet im Norden Südamerikas befand sich damals nahe am Äquator an der Küste; das Klima war feucht und heiß.
Die vielen Funde erlaubten nicht nur Rückschlüsse auf die Veränderung der Arten, über 1.000 wurden ausgewertet, sondern auch auf die Struktur der Wälder selbst: Mit dem Rückgang der Nacktsamer, überwiegend Araukariengewächse, verwandelte sich der relativ offene Wald zu einem mit geschlossenem Kronendach und einer mehrschichtigen Struktur wie in den heutigen neotropischen Regenwäldern, die von Angiospermen dominiert werden. Die stärker gegliederten Lichtverhältnisse begünstigten wiederum die Entwicklung unterschiedlicher Wuchs- und Lebensformen.
„Die hohe ökologische Vielfalt innerhalb der Angiospermen könnte sie widerstandsfähiger gegen das Aussterben gemacht haben, ebenso möglicherweise ihre größere Fähigkeit zur Verdopplung des gesamten Erbguts“, erwägt das Team spekulationsfreudig. „Es ist bemerkenswert, dass ein einziger historischer Zufall die ökologische und evolutionäre Entwicklung der tropischen Regenwälder veränderte und damit einen wesentlichen Anteil hatte bei der Entstehung des heute artenreichsten Bioms auf der Erde.“
Der globale Süden im Vorteil
Warum manche Arten ausstarben, während andere überlebten, lag auch am Zeitpunkt der Massenextinktion. Sie ereignete sich im Frühling der nördlichen Hemisphäre (das verrieten Wachstumsringe von Fischknochen). Das war für die Flora und Fauna dort besonders ungünstig. Es traf die Zeit der Fortpflanzung und des Wachstums. Auf der Südhalbkugel hingegen bereiteten sich viele Tiere auf den Winter vor. Das könnte ihnen geholfen haben zu überleben. Tatsächlich scheint sich die Fauna dort doppelt so schnell erholt zu haben wie im Norden.
„Es gibt klare Hinweise darauf, dass viele Vorfahren der heutigen Vögel auf der südlichen Hemisphäre am Leben blieben; dasselbe gilt für zahlreiche Krokodile und Schildkröten“, sagt Melanie During von der Universität Uppsala in Schweden. „Außerdem existieren einige Indizien dafür, dass dort frühe Säugetiere in Höhlen überlebten.“ Aber für zuverlässige Schlüsse sind noch mehr Fossilien nötig. „Eine der größten Herausforderungen ist die Ungleichheit der verfügbaren Daten. Es gibt eine enorme Verzerrung zugunsten von Fundorten auf der Nordhalbkugel“, bedauert die Paläontologin.
Fest steht: Es fehlen noch viele Puzzlesteine, um Bilder von der Zeit nach der großen Katastrophe wenigstens zu erahnen. Und auch das wären nur Standbilder aus einem dramatischen Film des Lebens, den zu rekonstruieren viel Spürsinn und hartnäckige Detektivarbeit erfordert. Doch die Implikationen der Einsichten reichen weit über die ferne Vergangenheit hinaus. Denn das Verständnis, wie Organismen ökologisches Chaos nutzen oder aber darin versinken, liefert auch Erkenntnisse für den Artenschutz und für die Vorhersage, welche Arten nach plötzlichen Umweltveränderungen gedeihen könnten. ■
Nicht nur Dinosaurier wurden Opfer des großen Massenaussterbens am Ende der Kreidezeit, sondern auch die kaum weniger populären Ammoniten. Allerdings stimmt das nicht so absolut. Das ergab die Studie eines Teams um Marcin Machalski von der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau. Die Verwandten der Tintenfische mit ihren meist spiralförmigen Gehäusen lebten nämlich noch bis zu rund 100.000 Jahre nach dem Boliden-Einschlag. Das zeigen schon länger bekannt Relikte in den Felsen von Stevns Klint südlich von Kopenhagen. Bislang wurden sie jedoch als sogenannte Zombie-Fossilien gedeutet, die in Wirklichkeit aus einer älteren, tieferen Schicht stammen und durch Turbulenzen nach oben gespült worden sein sollten.
Die Paläontologen analysierten Material aus dem Inneren der Ammoniten, deren Schalen sich längst aufgelöst haben, aber noch in Form von Abdrücken sichtbar sind. Die dänischen Gesteinsschichten oberhalb und unterhalb der Kreide-Paläogen-Grenze unterscheiden sich unter anderem dadurch, dass sich in den älteren Sedimenten viele versteinerte Bryozoen (Moostierchen) befinden, in den jüngeren darüber jedoch Skelettnadeln von Schwämmen. Diese Spikulen sind jedoch auch in neun der zehn untersuchten Ammoniten enthalten; nur eine barg Bryozoen. Die anderen müssen also nach der Einschlagskatastrophe durchs Meer geschwommen sein.
Somit sind die Ammoniten echte Überlebenskünstler. Denn sie waren bereits im frühen Devon vor rund 410 Millionen Jahren entstanden und hatten mehreren Massenaussterben getrotzt, auch dem größten aller Zeiten am Ende des Perms. Damit stellt sich allerdings ein neues Rätsel: Warum sind die Tiere dann ausgestorben, als sich die Fauna und Flora auf der Erde wieder von dem Totschlag aus dem All zu erholen begannen? Und weshalb konnte sich die weitaus weniger artenreiche Gruppe von schalentragenden Kopffüßern, die Nautiloiden, bis heute halten?
Um dies zu klären, hat ein Team um den Evolutionsbiologen Michael Schmutzer von der University of Oxford in England den bislang größten Datensatz zu Kopffüßern der späten Kreidezeit analysiert, darunter Fossilien, die lange in Museen weltweit vergraben waren. Die Auswertung der Informationen zu Körper- und Eiergrößen sowie geografischer Verbreitung stützt nicht, dass letztere der entscheidende Faktor war – die bislang favorisierte Hypothese. Vielmehr könnte es an der Fortpflanzungsstrategie gelegen haben, berichtete Schmutzer auf der Generalversammlung der European Geosciences Union im Mai 2026 in Wien.
Ammoniten legten eine riesige Zahl an Eiern ab und setzten so viele winzige Jungtiere im Ozean aus, von denen jedoch nur wenige das fortpflanzungsfähige Alter erreichten. Nautiloiden hingegen produzierten weniger, dafür aber größere, dotterreichere Eier. So konnten sich diese Embryonen länger entwickeln und größer schlüpfen. Das verschaffte ihnen möglicherweise einen Vorteil, als die marinen Ökosysteme zusammenbrachen und Nahrung knapp wurde. Allerdings waren die wenigen Ammoniten-Gattungen, die das Massensterben überlebten, diejenigen mit den kleinsten Eiern. Es muss also noch einen weiteren Selektionsfaktor gegeben haben. Oder war es schlicht Zufall? „Vielleicht hatten die Ammoniten einfach nur Pech“, überlegt Schmutzer.
Säugetiere und Blütenpflanzen profitierten von der Katastrophe am Ende der Kreidezeit. Überraschende Funde zeigen aber, dass einige schon früher florierten.
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