Die meisten Länder und Volkswirtschaften weltweit sind kapitalistisch geprägt – Geld und Produktionsmittel sind vorwiegend in privater Hand. Doch darüber hinaus wird es schon komplizierter: „Wenn man jemanden fragt, was Kapitalismus ist, fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus“, sagt Erstautor Scott Miller vom Karsh Institute of Democracy an der University of Virginia. „Daher ist es wichtig, zu definieren und zu untersuchen, wie Kapitalismus weltweit tatsächlich funktioniert.“
Kapitalismusvergleich in acht Unteraspekten
Deshalb haben Miller und sein Team nun den ersten globalen Kapitalismus-Index (GCI) entwickelt. Er stuft Länder weltweit in Bezug auf die Leistungskraft und Stabilität ihrer Wirtschaft ein – sowohl insgesamt als auch in acht Unteraspekten. Zu diesen gehören Eigentumsrechte, Marktpolitik, Offenheit des Arbeitsmarktes, Marktwettbewerb, Stärke des Bankensystems, Unternehmensneugründungen sowie der freie Waren- und Kapitalverkehr. Grundlage des Index sind 242 Datensätze für die Zeit von 2008 bis 2025 und 161 Länder weltweit.
Das Ergebnis ist ein Kapitalismus-Index, der sowohl länderspezifische Unterschiede als auch globale Trends aufzeigt. Die Daten sind über eine interaktive Website frei abrufbar. „Für die einzelnen Länder lässt sich mithilfe des Index leichter ermitteln, welche Bedingungen den Kapitalismus fördern und welche nicht“, erklärt Miller. „Für China sehen wir beispielsweise überraschend gute Bedingungen für die Wirtschaft, aber einen zunehmend eingeschränkten Fluss von Gütern und Kapital.“
Schweiz und USA vorne, Deutschland auf Rang 24
Den Analysen zufolge sind die Schweiz, die USA und Hongkong die Top drei im globalen Kapitalismus-Index. Deutschland liegt im Ranking auf Rang 24 – hinter Österreich, aber vor Lettland und Südkorea. Miller und sein Team stufen Deutschland als „wohlhabende Volkswirtschaft mit strukturell schwachem Bankensektor“ ein. Im Jahr 2018 lag die deutsche Wirtschaft im weltweiten Vergleich noch auf Rang 7. Noch immer Top ist Deutschland bei Eigentumsrechten, Verträgen und der Bekämpfung der Korruption: Hier liegen wir auf Rang 2 der 161 untersuchten Staaten.
Das Länderranking im Kapitalismus-Index zeigt auch, wie schnell sich Bedingungen ändern und Positionen verschieben können: So waren beispielsweise Singapur, Hongkong und Dänemark im Jahr 2009 noch die Top 3 im Gesamtindex. Am stärksten verbessert haben sich die Kennwerte für den Kapitalismus in den letzten 16 Jahren für China und die Seychellen, wie die Forschenden berichten. Am meisten verschlechtert haben sich dagegen die Bedingungen in Venezuela und Haiti.

Die Top 10 im globalen Kapitalismus-index im Jahr 2009 und 2025. — © Karsh Institute of Democracy/ University of Virginia
Der globale Kapitalismus-Index zeigt aber auch globale Trends: So haben sich die kapitalistischen Leitindices in den letzten 16 Jahren weltweit allmählich verschlechtert. Insgesamt sind den Analysen zufolge in allen Ländern der Kapitalmarkt und die Bankensysteme die schwächsten und potenziell instabilsten Sektoren. Parallel dazu verstärken sich gegenläufige Entwicklungen in verschiedenen Regionen. Miller und seinem Team zufolge ist Zentralasien dabei eher im Aufwind, in Westeuropa und Mittelamerika lassen eher nach.
Vier Archetypen des Kapitalismus
Interessant auch: Dem neuen Index zufolge gibt es weltweit vier Archetypen des Kapitalismus. Der körperschaftlich (corporate) geprägte Kapitalismus ist stark in den Kapitalmärkten sowie in Stabilität und Wachstum des Bankensektors, dafür aber schwach bei Marktwettbewerb, Arbeitsmarktfreiheit, Marktpolitik und Unternehmensgründungen. Die am höchsten bewerteten Vertreter dieses Archetypus Japan und Südkorea, wie Miller und seinem Team berichten.
Der institutionelle Kapitalismus ist hingegen in den meisten Aspekten der Realwirtschaft wie Marktwettbewerb, Arbeitsmarkt und Unternehmensgründungen stark, zeigt aber deutliche Schwächen im Finanzsektor. In dieser Gruppe führen Norwegen und Westeuropa, auch Deutschland gehört dazu. Der Archetypus des unternehmerischen Kapitalismus hat typischerweise eine starke Marktpolitik und viele Neugründungen, dafür Schwächen beim freien Strom von Gütern und Kapital sowie den Eigentumsrechten. Führende Vertreter sind unter anderem die Schweiz und die USA.
Der vierte Archetypus ist der kommerzielle Kapitalismus. Er ist durch den Vorrang des freien Waren- und Kapitalverkehrs sowie von Eigentumsrechten und Privateigentum gekennzeichnet. Alle anderen Aspekte sind eher negativ ausgeprägt.
Praktische Relevanz
Miller und sein Team sehen in ihrem neuen Index eine gute Möglichkeit, Kerndaten von Volkswirtschaften anschaulich zu transportieren und zu vergleichen. „Dies ist nicht nur ein akademisches Projekt“, sagt Miller. „Der GCI kann für politische Entscheidungsträger und Führungskräfte in der Wirtschaft reale Vorteile bieten, indem er hilft, die Chancen und Risiken von ökonomischen Entscheidungen zu verstehen.“
Der Kapitalismus-Index kann aber auch verraten, welche sozialen Auswirkungen die verschiedenen Formen des Kapitalismus haben und wie beispielsweise Demokratie, Korruption oder Ungleichheit mit Kapitalismus zusammenhängen. Auf der Website des Index kann man Länder in verschiedenen Parametern vergleichen und auch die zeitliche Entwicklung nachvollziehen.
Quelle: Karsh Institute of Democracy, University of Virginia; Global Capitalism Index





