Wohl der Mehrheit oder Wohl des Fahrers?
Bei einem autonomen Fahrzeug muss die Software von vornherein darauf programmiert werden, sich für eine der Möglichkeiten zu entscheiden. Aber welche? Soll es ausweichen und seinen Fahrer opfern? Unserem Moralkodex nach steht immerhin das Wohl der Vielen über dem eines Einzelnen. Daher müsste theoretisch immer die Wahl getroffen werden, die die wenigsten Todesopfer fordert. Aber was wäre, wenn nur ein Fußgänger vor dem Auto auf die Straße läuft? Ist dann sein Leben mehr oder weniger wert als das des Autoinsassen? “Auch wenn ein solches Szenario unwahrscheinlich erscheint, wird es zwangsläufig vorkommen, wenn erst einmal Millionen von autonomen Fahrzeugen auf den Straßen unterwegs sind”, betonen die Forscher. Sie haben daher in mehreren Online-Experimenten untersucht, welche Lösung knapp 2.000 Testpersonen bei verschiedenen solcher Unfall-Szenarien für richtig halten. Der Clou dabei: Die Wissenschaftler fragten sowohl danach, welche Programmierung die Versuchspersonen allgemein für autonome Autos richtig fänden, als auch, welche Programmierung sie sich für ihr eigenes autonomes Fahrzeug wünschen.
Ging es um die allgemeine Regelung, fiel das Ergebnis sehr eindeutig aus: “Eine deutliche Mehrheit der Teilnehmer zeigte eine moralische Präferenz für ein Vehikel, das auf die Minimierung der Opfer programmiert ist”, berichten Bonnefin und seine Kollegen. Im Szenario mit zehn Fußgängern und einem Autofahrer entschieden sich 76 Prozent dafür, den Fahrer zugunsten der Fußgänger zu opfern. Je höher die Zahl der geretteten Fußgänger, desto mehr waren für diese rationale moralische Entscheidung. Sie vertraten sie selbst dann noch, wenn sie sich vorstellen sollten, dass sie selbst im autonomen Fahrzeug sitzen und im Zweifelsfall geopfert werden würden. Sogar wenn die Teilnehmer im Szenario zusammen mit einem weiteren Familienmitglied im Auto saßen und zum Wohl der Mehrheit sterben würden, war eine knappe Mehrheit dafür, wie die Forscher berichten. Andres sah dies erwartungsgemäß nur dann aus, wenn ein Fahrer einem Fußgänger gegenüberstand: Hier fanden es nur 23 Prozent der Teilnehmer richtig, den Fahrer zu opfern.
Moral endet beim Kauf
Entlarvend waren jedoch die Antworten darauf, ob sich die Versuchspersonen ein Auto mit dieser moralischen Programmierung kaufen würden – oder doch lieber eines, das auf maximalen Schutz der Insassen programmiert war. Das Ergebnis: Selbst im Szenario mit zehn Fußgängern gaben deutlich mehr Teilnehmer an, lieber ein “Selbstschutz-Fahrzeug” erwerben zu wollen. Würde es solche “egoistischen” Autos nicht geben, beispielsweise weil die Regierungen entsprechende Vorschriften erlassen, dann wären nur noch ein Drittel der Teilnehmer bereit, ein solches Auto zu kaufen. “Das zeigt das moralische Dilemma des autonomen Fahrens”, erklären die Forscher: “Obwohl die Menschen sich darin einig sind, dass es für alle besser wäre, wenn die Fahrzeuge auf eine Minimierung der Opfer programmiert sind, ziehen sie es selbst vor, in Autos zu fahren, die sie unter allen Umständen schützen.”





