Die spinnen, die Briten: Melden 1850 ein Patent an für ein Boot, das keine Segel hat, keinen Motor, nicht einmal Ruder, sondern nur von der Kraft der Wellen angetrieben wird. Japanische Forscher um Yutaka Terao vom Fachbereich Schiffbau und Meerestechnik der Universität Tokai in der Hafenstadt Shimizu haben nun die Idee aufgegriffen und weiterentwickelt. Das Ergebnis: Es funktioniert.
Teraos Erfindung, von der bislang nur ein Modell im Maßstab 1:10 in einem Testbecken dümpelt, sieht aus wie ein abgeholzter Katamaran. Am Bug sind zwei Flügelblätter angebracht, die die Kraft der Wellen in Antriebsenergie umwandeln. „Ich nenne die Technik einen ,Wellen verschlingenden Antrieb‘”, sagt der japanische Ingenieur, „weil sie den normalen Wellengang, der bei allen schwimmenden Körpern eine Abdrift verursacht, gewissermaßen verschlingt und nutzbar macht – also als eine Art Anti-Abdrift-Kraft wirkt.” Wie beim Judo wird die Kraft des Angreifers – in diesem Fall der Welle – umgelenkt und gegen ihn selbst eingesetzt.
Als Yutaka Terao die künstliche Wellenanlage einschaltet, ruckelt das Boot im Becken vorwärts. „Sechs Knoten Höchstgeschwindigkeit wird das Boot schaffen”, meint der Forscher. Nun soll die echte „Suntory Mermaid II” gebaut werden. Der drei Tonnen schwere Katamaran wird 9,50 Meter lang und 3,50 Meter breit sein. Beide Rümpfe werden aus Aluminium gefertigt – „ aus recyceltem Aluminium”, wie Terao betont. Damit lässt sich ein Bogen zum Sponsor schlagen: der Firma Suntory. Sie hat der Mermaid II nicht nur den Namen gegeben, sondern auch das Aluminium für die Rümpfe geliefert – recycelt aus Tonnen von leeren Bier- und Coladosen, die Japans führender Getränkekonzern gesammelt hat.
Die Verantwortlichen legen das Projekt in die Hände eines Mannes, der im Land der aufgehenden Sonne als Charles Lindbergh der Ozeane gilt: Kenichi Horie, Abenteurer und Einhandsegler. 1962 überquerte Horie den Pazifik zum ersten Mal solo, bevor er 1996 auf der gleichen Route mit einem solarangetriebenen Boot einen Geschwindigkeitsrekord aufstellte: von Ecuador nach Tokio in 138 Tagen. Der 67-Jährige ist der Erste, der sich bei einer Ozeanüberquerung nur auf die Kraft der Wellen verlassen will. Dabei nimmt er gleich eine Langstrecke ins Visier: von Hawaii nach Japan, etwa 6000 Kilometer. Die Reise mit der Suntory Mermaid II, die sich im Schnitt mit dem Tempo eines flotten Fußgängers bewegt, dauert rund zwei Monate.
Im März 2008 soll es losgehen. Starthafen ist Honolulu, Zielhafen Hino in der Präfektur Wakayama, südlich von Osaka. Der Wellenantrieb ist nicht nur umweltfreundlich – bei dieser Art Antrieb dürften das Stampfen und Rollen des Bootes nur halb so stark sein wie bei einem herkömmlichen Segelschiff. Aus Sicherheitsgründen werden jedoch ein kleiner Hilfsmotor und ein Satz Segel an Bord sein.
Ein paar Details des neuartigen Schiffsantriebs: Die maximale Geschwindigkeit hängt von der Länge des Rumpfes sowie von Größe und Richtung der Wellen ab. Weil beide Flügelblätter unabhängig voneinander schwingen, können sie auch seitwärts auftreffende Wellen in Antriebskraft verwandeln. Gesteuert wird der Katamaran per handelsüblichem Heckruder. Doch: Sechs Knoten Höchstgeschwindigkeit sind nicht gerade viel, wenn man bedenkt, dass ein Containerschiff 27 Knoten schafft, eine moderne Doppelrumpffähre sogar 42 Knoten. Ist damit nicht jede kommerzielle Nutzung von vornherein ausgeschlossen?
„Keineswegs”, ist Yutaka Terao überzeugt. „Wenn man diese Erfindung mit herkömmlichen Antrieben kombiniert – bei Containerschiffen sind es meist Dieselmotoren –, lässt sich der Brennstoffverbrauch um die Hälfte reduzieren.” Tests an Modellen haben gezeigt, dass das realistisch ist. Insofern ist der Hawaii-Japan-Trip für Teraos Team und vor allem für die Mermaid II und ihren innovativen Antrieb ein Härtetest. Am Ende steht entweder ein neues Patent oder die schlichte Erkenntnis: Die spinnen, die Japaner. ■
Gerd F. Michelis





