von DIRK EIDEMÜLLER
Die Quantenmechanik ist voll von Eigentümlichkeiten. So sind Quantenobjekte Welle und Teilchen zugleich, sie können sich zu ein und derselben Zeit an mehreren Orten befinden und durch vermeintlich undurchdringliche Barrieren hindurch „tunneln“. Allerdings: Ab welcher Größe ist etwas ein Quantenobjekt? Wo genau liegt die Grenze zwischen der uns aus der alltäglichen Erfahrung vertrauten, „normalen“ Welt und der verrückten Welt der Quanten? Elementarteilchen wie Elektronen zeigen ein klar quantentypisches Verhalten. Sehr große Moleküle hingegen verhalten sich gemäß der klassischen Physik. Irgendwo im Nanokosmos gibt es also einen – etwas unscharfen – Bereich, in dem die Dinge, je nach den herrschenden Umgebungsbedingungen, einen mehr oder weniger stark ausgeprägten Quantencharakter zeigen.
Interessanterweise gibt die Quantentheorie selbst keine klare Antwort auf die wichtige Frage, wo genau die Quantenwelt beginnt. Wie so oft bei den entscheidenden Fragen in der Naturwissenschaft können hier nur Experimente Aufschluss bringen. Daher hat sich in den letzten Jahren ein Forschungsgebiet entwickelt, das diese Fragestellung mithilfe winziger schwingender Systeme aufzulösen versucht. Die sogenannten Nanooszillatoren sind Anordnungen, die einerseits wie ein übliches Uhrenpendel regelmäßige Schwingungen ausführen – aber andererseits klein genug sind, um Quanteneffekte sichtbar zu machen.
„Damit lässt sich die Quantenphysik in neuen Bereichen überprüfen“, erläutert Lorenzo Dania, der als Postdoktorand im Photoniklabor der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich forscht. „Es ist ein faszinierendes Gebiet der gegenwärtigen Physik herauszufinden, inwieweit die Quantenphysik als Theorie der kleinsten Teilchen auch auf makroskopischen Massen- und Längenskalen gilt“, sagt er. Nanooszillatoren eignen sich deshalb sehr gut für solche Experimente, weil sich Quanteneffekte bei Schwingungen unter anderem dadurch zeigen, dass Überlagerungen von Schwingungen auftreten können. Ein Quantensystem kann also mehrere Schwingungsmoden gleichzeitig haben.
Viele verschiedene Ansätze
In den letzten Jahren wurden sehr unterschiedliche Typen von Nanooszillatoren entwickelt. Einige Arbeitsgruppen haben hauchdünne, trampolinähnliche Membranen hergestellt, die an ihren Rändern aufgehängt sind. Andere Forscher haben winzige Fäden an zwei Seiten eingespannt und dann schwingen lassen. Solche Oszillatoren sind bereits so gut, dass sie fast reibungsfrei schwingen können – aber eben nur fast. Sie erreichen einen Gütefaktor von rund zehn Milliarden: Das bedeutet, dass sie erst nach zehn Milliarden Schwingungsvorgängen ihre Energie verloren haben.
Es ist nicht einfach, mit derartigen Nanooszillatoren noch deutlich bessere Gütefaktoren zu erreichen. „Denn allen diesen Systemen ist es gemein, dass sie irgendeine Form von Befestigung oder Aufhängung benötigen“, erklärt Dania. Und eine solche Aufhängung bietet stets zugleich einen Kontakt zur Umgebung, über den das schwingende System Energie verlieren kann. Ein sehr ausdauernd und stabil schwingender Nanooszillator sollte aber möglichst wenig Energie abgeben. Daher haben die Wissenschaftler nach Alternativen gesucht und kamen dabei vor einigen Jahren auf die Idee, freischwebende Nanokügelchen zum Vibrieren zu bringen. Da man dafür keine Aufhängung braucht, sollten wesentlich höhere Gütefaktoren möglich sein – laut theoretischen Abschätzungen bis zu 100-fach besser als bei bisherigen Nanooszillatoren.





