Ob in der Luft- und Raumfahrt oder bei Bauwerken und Maschinen für kalte Regionen: Für viele Anwendungen werden Metalle benötigt, die auch starkem Frost standhalten. Doch die meisten Stähle und Speziallegierungen haben genau da einen Schwachpunkt: Bei Kälte kann sich ihr Kristallgitter nicht mehr entlang sogenannter Versetzungen verschieben und deformieren. Dadurch werden sie spröde und Risse können sich im Material ungehindert ausbreiten.
Zwei Legierungen im ultrakalten Dehnungstest
Doch es geht offenbar auch anders: Forschende um David Cook von der University of California in Berkeley haben zwei Metalllegierungen identifiziert, die diese Sprödigkeit vermeiden und selbst bei extremen Minusgraden bruchfest bleiben. Es handelt sich dabei um eine Niob-Titan-Legierung (Nb70Ti30) und eine etwas komplexere Legierung aus Niob, Titan, Tantal und Hafnium (Nb45Ta25Ti15Hf15). Beide besitzen eine kubisch-raumzentrierte Gitterstruktur (bcc), wie sie auch viele in Technik und Bauwerken verwendete Stähle und Metalllegierungen aufweisen.
Um ihre Legierungen zu testen, kühlten die Forschenden sie mithilfe von Helium auf bis zu 20 Kelvin – minus 253 Grad – ab. Dann unterzogen sie die Proben einem Dehnungstest, während sie deren Struktur und Stabilität mithilfe von Elektronenrückstreuung, Elektronenmikroskopie und Atomsondentomografie analysierten. Dadurch konnten sie präzise ermitteln, welchen Kräften die Metalle bei dieser Kälte noch standhalten und wie sich ihre Kristallstruktur durch die Belastung veränderte.
Keine Sprödigkeit bis minus 253 Grad
Es zeigte sich: Selbst bei Temperaturen von nur 20 Grad über dem absoluten Nullpunkt blieben die beiden Metalllegierungen erstaunlich stabil. „Was uns überrascht hat, ist, dass diese Legierungen selbst bei 20 Kelvin eine bemerkenswert hohe Widerstandsfähigkeit bewahren“, sagt Co-Autor Dong Liu von der University of Oxford. Die Niob-Titan-Legierung hielt bei minus 253 Grad noch einer Zugbelastung von 839 Megapascal stand, bevor sie brach. Bei der Niob-Titan-Tantal-Hafnium-Legierung waren es sogar 938 Megapascal, wie das Team ermittelte.
„Jahrzehntelang wurde der Übergang vom duktilen zum spröden Verhalten als eine grundlegende Einschränkung kubisch-raumzentrierter Metalle betrachtet“, sagt Liu. Doch bei diesen Metalllegierungen ließ sich selbst bei den niedrigsten Testtemperaturen kein messbarer Übergang zu sprödem Verhalten feststellen.
Stark durch Zwillingsbildung im Kristallgitter
Doch was verleiht diesen beiden Legierungen ihre ungewöhnliche Widerstandsfähigkeit? Nähere Analysen enthüllten, dass diese Metalle bei extremer Kälte einen alternativen Weg entwickeln, um Risse abzufangen und Spannungen durch Gitterdeformation abzuleiten. Statt Versetzungen entstehen im Kristallgitter dieser Legierungen sogenannte Zwillinge – Atome lagern sich so um, dass sie spiegelbildliche Strukturen in Nanometermaßstab bilden. Wenn diese Zwillingsbildung auf eine Kristallgrenze stößt, verursacht sie dort Mikrodefekte, die dem Gitter eine Verformung ermöglichen.

Durch die Bildung von Zwillingskristallen im Metallgitter entstehen Mikrodefekte (Micro-kink band), die eine Deformation der Kristallstruktur ermöglichen. Das blockiert Risse und leitet Spannungen ab. — © Crook et al./ Nature, CC-by 4.0
Diese Zwillingsbildung und ihre Folgen sorgen dafür, dass Spannungen im Metall abgeleitet werden und sich beginnende Mikrorisse nicht weiter ausbreiten können. „Dies eröffnet einen unkonventionellen Weg zur Unterdrückung des Übergangs von duktilem zu sprödem Bruch: Durch Zwillingsbildung kommt es zu einer Abstumpfung der Rissspitze“, erklären Cook und seine Kollegen. Dies hemme die Rissausbreitung und diene als effiziente Quelle für Versetzungen.
Die Forschenden vergleichen diesen Prozess mit einer Umleitung im Straßenverkehr: Ist eine Straße durch Eis blockiert, eröffnet die Zwillingsbildung alternative Routen. Sie schafft neue Ausgangspunkte für die Gitterdefekte, die für die Verformung nötig sind.
Neue Ansätze für kältestabile Metallwerkstoffe
Damit hat das Team einen neuen Weg gefunden, um kubisch-raumzentrierte Metalle für extrem kalte Umgebungen herzustellen. „Auf Grundlage dieser Erkenntnisse könnten wir die mikrostrukturellen Bedingungen künftig gezielt so gestalten, dass ein Material bei extremen Temperaturen selbst neue Wege findet, um duktil zu bleiben“, erklärt Cook. Das eröffne neue Anwendungsmöglichkeiten in der die Energieversorgung, beim Transport und in der Luft- und Raumfahrt.
Quelle: David Cook (University of California, Berkeley) et al., Nature, 2026; doi: 10.1038/s41586-026-11065-7





