Er verwandelte den Umlaut seines Geburtsnamen Röscheisen in ein für Amerikaner leichter auszusprechendes „o”, doch US-Bürger ist Martin Roscheisen nicht. Der in München geborene Unternehmer mit österreichischem Pass versteht sich als Kalifornier, der vom Silicon Valley aus den Weltenergiemarkt erobern will. Kurz nach der Jahrtausendwende verkaufte er drei von ihm mitgegründete Internetfirmen und erlöste dadurch mehr als eine Milliarde Dollar. Mit Nanosolar – seiner vierten Firma – tritt Roscheisen in die Fußstapfen seines Urgroßvaters Jakob Heilmann, des Gründers der Isar-Werke. Im Gespräch mit bild der wissenschaft-Chefredakteur Wolfgang Hess und US-Korrespondentin Désirée Karge berichtet Roscheisen ungewohnt offen über seine Ziele.
Sie sind Informatiker und Profi im Internet-Business. Warum haben Sie sich 2002 mit Nanosolar auf etwas gestürzt, wovon Sie eigentlich keine Ahnung hatten?
Als Unternehmer muss man früh dran sein, sonst kommt man unter die Walze. Der US-Solarmarkt stand damals noch am Anfang. Außerdem wollte ich schon immer wissen, warum Solaranlagen eigentlich so teuer sind und warum das nicht zehnmal billiger zu machen ist.
Hatten Sie damals den Riecher, dass es mit den Dotcom-Unternehmen abwärts gehen würde und machten deshalb in Energie?
Oh nein, diese Verkäufe waren ein glücklicher Zufall. Dass wir uns im Energiemarkt umgeschaut haben, war komplett gegen den Trend. Das hat damals im Silicon Valley kaum jemand verstanden. Ich wurde immer gefragt, wann meine nächste gute Software- oder Internet-Idee kommt.
Dabei sind die Leute im Silicon Valley doch offen für gute Ideen.
In etablierten Kategorien schon. So ist die Softwarebranche immer noch die Kernbranche im Silicon Valley und funktioniert so, dass man schon mit wenig Kapital viel Geld machen kann. Beispielsweise investierte das Risikokapitalunternehmen Mike Moritz bloß 1,8 Millionen Dollar, um eine Weltfirma wie Cisco zu schaffen. Wir hingegen wollten ein Fertigungsunternehmen aufbauen. Dazu braucht man deutlich mehr Kapital, als man hier normalerweise zu investieren bereit ist.
Wie ist es Ihnen dennoch gelungen, die halbe Milliarde Dollar an Investitionsgeld für Nanosolar zu besorgen?
Wir konnten viele Leute begeistern und hatten die Gründer von Google mit an Bord. Und wir haben uns im Wettbewerb um staatliche Fördergelder gegen etablierte Konzerne wie General Electric durchgesetzt. In den letzten Jahren hatten wir auch Glück, weil etliche Investoren bemerkten, dass börsennotierte Firmen vielfach überbewertet waren, und sich deshalb eher für private Firmen wie Nanosolar interessierten.
Haben Sie denn noch Geld in der Kasse – oder ist schon alles ausgegeben?
Wir haben noch über 250 Millionen Dollar auf der Bank. Umsatzerlöse fangen an zu fließen. Wir brauchen also derzeit kein neues Geld.
Auf Ihrer Webseite www.nanosolar.com steht, dass Sie milliardenschwere Verträge haben. Wer sind Ihre Kunden, und wie schwer sind die Projekte?
Unsere Kunden sind beispielsweise der französische Energieversorger EDF, das deutsche Unternehmen Beck Energy und der global tätige Versorger AES Solar. Mit diesen und anderen Firmen haben wir langfristige Verträge – teilweise bis 2016 –, und es geht um mehr als vier Milliarden Dollar.
Sie haben also nicht die Solaranlage für den Eigenheimbesitzer im Visier?
Unser erster Markt sind weltweit tätige Energieunternehmen, für die wir mit unseren Modulen die wesentliche Komponente für großtechnische Solarkraftwerke liefern. Diese Kraftwerke haben typischerweise eine Leistung von zwei Megawatt. Aber danach wollen wir auch den Privatmarkt bedienen. Der ist immer noch überteuert. In den USA zahlt man momentan sechs bis acht Dollar pro Watt für ein schlüsselfertig installiertes Solarmodul.
Richtig! Eine 3-Kilowatt-Solaranlage kostet derzeit etwa
20 000 Dollar. Sollten Interessenten da besser noch warten?
Tja, manche Leute können es sich halt leisten. Wir arbeiten an komplett installierten Solaranlagen für zwei bis drei Dollar pro Watt. Ende 2010 sollen unsere ersten Produkte auf den Markt.
Was passiert denn momentan in Ihrer Fabrik hier im kalifornischen San Jose?
Wir produzieren seit Juli Solarzellen für unsere neue Fabrik in Luckenwalde. Dabei bringt es die Serienproduktion auf eine Million Solarzellen pro Monat. In Deutschland werden dann daraus die Module für unsere Großkunden hergestellt.
Wie unterscheiden sich Ihre Module von denen der Konkurrenz?
Die Hauptinnovation liegt darin, diese viel kostengünstiger zu machen. Unsere Module bestehen im Gegensatz zu anderen Dünnschichtmodulen aus zwei Scheiben gehärtetem Glas. Dadurch sind sie gut spannbar, und wir können sie um 70 Prozent länger machen, als das etwa unsere Konkurrenz bei FirstSolar kann. Die größere Modulspanne reduziert auch die Materialkosten für die Rahmen zum Aufstellen um 40 Prozent.
Welchen Wirkungsgrad haben Ihre Zellen?
Wenn man die Folie nimmt und einen Quadratzentimeter anschaut, haben wir Effizienzen von bis zu 16,4 Prozent. Der Wirkungsgrad einer kompletten Solarzelle, die ungefähr 200 Quadratzentimeter groß ist, liegt bei knapp 12 Prozent. Interessant ist, dass dies fast identisch ist mit der Effizienz des Moduls – dass es also zu keinem weiteren Leistungsabfall kommt.
Wirklich? Bei Siliziumzellen gibt es große Unterschiede im Wirkungsgrad von Zellen und Modul.
Das ist korrekt, eine Siliziumzelle mit 17 Prozent Wirkungsgrad liefert im Modul höchstens 13,5 Prozent. Unsere Zellen sind quadratisch und wir können sie dadurch im Modul extrem eng packen. Dadurch gibt es wenig optischen Verlust zwischen den Zellen. Außerdem sind die Solarzellen hinter einem speziellen Glas mit minimierter Reflexion laminiert.
Warum haben Sie eine Modulfabrik in Luckenwalde gebaut? Sie hätten doch das Ganze komplett in den USA errichten können.
Das ist Teil unserer Strategie. Unsere globale Solarzellenproduk- tion ist in San Jose, weil es hier eine ungeheure Talentdichte gibt. Unsere Dünnschichttechnologie ist sehr neu, und ich meine, dass man das nirgendwo anders so rasch und gut hinkriegen könnte. Den europäischen Markt bedienen wir aber besser durch die Solarmodulproduktion in Deutschland.
Welche Rolle spielten Subventionen beim Standort Luckenwalde?
Wir haben bloß am Anfang Fördermittel erhalten. Wichtiger ist die Tatsache, dass der europäische Solarmarkt berechen- barer ist und wir mit Luckenwalde einen hervorragenden Standort gefunden haben.
Gegenwärtig sind die Preise für Solarzellen aufgrund von Überkapazitäten im rasanten Sinkflug. Welche Folgen hat das für Nanosolar?
Für uns war immer die Machbarkeit wichtiger als das Timing bestimmter Märkte. Klar, je billiger das Silizium wird, desto weniger Profitmarge bleibt übrig. Aber im Grunde war mein Mantra immer, dass wir das 1-Dollar-pro-Watt-Modul herstellen müssen – und zwar profitabel. Und nun sagt der Markt, dass wir das schon etwas eher haben müssen als ursprünglich geplant.
Bis wann wollen Sie das erreichen?
Im Grunde haben wir es bereits erreicht. Buchhalterisch ist das aber nicht ganz korrekt, da wir noch nicht bei vollen Kapazitäten fertigen. Dadurch ist der Abschreibungsteil der Produktionskosten höher.
Sie benutzen als Grundstoff eine Art Tinte aus Kupfer, Indium, Gallium und Selen, kurz CIGS. Miasolé und Würth Solar setzen auch auf diese Halbleitermixtur. Sind das Ihre stärksten Konkurrenten?
Das kommt darauf an. Würth hat ein sehr gutes Produkt in Deutschland, das allerdings viel teurer mit konventioneller Technik hergestellt wird, die zudem Hochvakuum benötigt. Würth geht aber auch einen anderen Markt an als wir und wird mit seinen gebäude- integrierten Produkten sicherlich ein gutes Geschäft machen. Wir hingegen sind weltweit das einzige Unternehmen, das beim CIGS-Prozess ohne teure Vakuumprozesse auskommt. Unsere Kosteneffizienz und Skalierbarkeit der Produktion erlauben es deshalb, in den großen Kraftanlagenmarkt zu gehen.
Und das Ganze ist auch wirklich wetterfest?
Oh ja, die Tinte ist so wetterfest, dass das weltgrößte Energieunternehmen EDF denkt, es kann damit Milliardenumsätze machen. Im Übrigen hatten wir Anfang des Jahres eine Prüfung vom TÜV Rheinland. Dabei erwähnten die Inspektoren, dass wir die bisher einzigen Dünnschichthersteller sind, die ihre Tests auf Anhieb bestanden haben.
In Europa treibt die Politik die Entwicklung der Solarenergie voran. Hier in den USA scheint es eher der Markt zu sein, etwa die Engpässe in der Stromversorgung. Haben Sie unterschiedliche Strategien, um diese Märkte zu bedienen?
Der Markt in Europa hat für uns ein besseres Fundament, weil er planbarer ist. Natürlich wächst jetzt in Amerika der Markt auch sehr stark an. Aber der Zugang ist aufgrund der Struktur der Anbieter anders. Sie spielen hier eine zentrale Rolle. In Europa dagegen müssen die Anbieter den staatlich festgelegten Einspeisetarif gezwungenermaßen bedienen. Das macht den europäischen Markt dynamischer.
Gibt es in der Obama-Administration Bestrebungen, ähnliche Einspeisetarife festzulegen, wie sie etliche europäische Staaten haben?
In der neuen Regierung ist viel guter Wille vorhanden. Doch ob und wie Maßnahmen umgesetzt werden, die einen spürbaren Unterschied ausmachen, ist noch ziemlich unklar.
Wo steht Nanosolar in vier Jahren?
Wir haben jetzt eine sehr starke und kostengünstige Technologie-Plattform geschaffen, von der aus wir uns stetig verbessern wollen: intern, indem wir höhere Fertigungsgeschwindigkeiten anstreben, und extern, indem wir neue Produkte anbieten.
Welche Produkte?
Wenn man die Dünnschicht direkt auf die Glasplatte aufbringt, so wie Würth und FirstSolar es machen, dann sind das Zellen- und Produktdesign stark aneinander gekoppelt. Es ist in diesem Fall schwierig, ein Modul kleiner oder größer zu machen. Bei uns ist das modifizierbar. Wir können Glas- Glas-Module fertigen, Glas-Folie- oder Folie- Folie-Module.
Sie sind völlig frei im Design?
Fast. Das Produkt muss natürlich ein sinnvolles Design haben. Dazu kommt, dass unsere Branche und auch wir lange Produktgarantien geben. Aber wir sind frei, was die Größe der Solarzelle oder des Moduls angeht. Unsere Solarzellen sind überdies biegbar und können nicht zerbrechen. Wir können auch ein gewundenes Modul herstellen.
Welchen Einfluss hatte Kalifornien auf Sie als Unternehmer?
Es geht immer um den Anfang. Im Vergleich zu Deutschland gibt es im Silicon Valley eine offene Einstellung gegenüber neuen, manchmal verrückten Ideen. Hier weiß man, dass nur derjenige großes Geld machen kann, der gegen den Strom schwimmt. Und das fördert das kalifornische Unternehmertum. ■





