„Eindeutig nein“, sagt dazu der Leiter einer Forschergruppe der amerikanischen University of Michigan. Mithilfe umfangreicher Meta-Analysen überprüften die Wissenschaftler die Theorie der reinigenden Wirkung des „Dampf-Ablassens“, indem sie die Ergebnisse von 165 Studien mit insgesamt 11.362 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auswerteten. Ihre Befunde sind eindeutig: Für den Nutzen des Herumbrüllens, Tür-Zuschlagens oder Gegenstände-Zertrümmerns konnten sie keinerlei Belege finden. Tatsächlich zeigte sich sogar ein deutlicher die Aggression verstärkender Effekt. Zur selben Auffassung kommen Forscher der Ohio State University, die sich 2024 in einer umfassenden Studie mit dem Phänomen beschäftigt haben. Demnach bringen aggressive Reaktionen nur weitere feindselige Gedanken hervor.
Die Überzeugung, dass derjenige, der sich in stressigen Situationen bewusst zur Ruhe zwingt, obwohl es in ihm kocht und brodelt, seinen Zustand durch sein Verhalten nur unnötig verschlimmert, stammt aus einer Zeit, in der man dachte, heftige Wut würde sich im Körper gleichsam aufstauen. Vor allem das Gehirn sei davon betroffen. Doch das ist nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen schlicht falsch. Es gibt keine einzige psychologische Studie, die den positiven Effekt eines derartigen „Sicherheitsventils“ belegt. Vielmehr ist es so, dass jähzornige Menschen, die schon bei ärgerlichen Kleinigkeiten „aus der Haut fahren“, sich selbst und speziell ihrem Herzen damit schaden. Nach Erkenntnissen von Wissenschaftlern der amerikanischen Johns Hopkins University, die über viele Jahre hinweg erforscht haben, welche Zusammenhänge es zwischen Ärger, Stress und Herzerkrankungen gibt, haben Menschen, die sich bei jeder Gelegenheit maßlos aufregen, ein dreimal höheres Risiko, etwa eine Herzattacke oder einen Schlaganfall zu erleiden, als gelassenere Zeitgenossen. Und in der Lebensmitte werden Hitzköpfe sogar fünfmal so oft von derartigen Herzanfällen heimgesucht wie ruhigere Menschen.
Hinzu kommt, dass sich bestimmte Verhaltensmuster nach aktuellen neurobiologischen Erkenntnissen gewissermaßen im Gehirn eingraben. Sie führen nämlich dazu, dass die Schaltbahnen zwischen Gehirnzellen oder -bereichen dichter und damit intensiver werden. Das führt letztlich dazu, dass ähnliche Anlässe in Zukunft gleichsam vollautomatisch ähnliche Reaktionen bedingen. Derjenige, der dazu neigt, nach einem unerfreulichen Telefongespräch den Hörer auf die Gabel zu knallen oder bei einer Auseinandersetzung mit dem Partner die Faust auf den Tisch zu donnern, tut sich damit nichts Gutes. Besser als „in die Luft zu gehen“ ist es demnach, bewusst „runterzukommen“, ruhig Blut zu bewahren und gegebenenfalls ein Anti-Stress-Programm zu absolvieren. Und gar nicht so selten hilft es sogar schon, langsam ein- und ausatmend bis zehn zu zählen.




