Fußspuren dreidimensional: Frankfurter Forscher wollen mehr Informationen aus Fährten herauspuzzeln als je zuvor.
Neiiiiin – er hat’s schon wieder vermasselt!” Experimentator Boris Dörrhöfer stöhnt, und Tierpfleger Carsten Knott schlägt in gespielter Verzweiflung die Stirn an die Gitterstäbe. Auch dieses Mal ist die Versuchsperson in dem schmalen, glattgeharkten Sandstreifen durch die eigenen Fußabdrücke zurückgelaufen und hat sie dabei zerstört – also nochmal alles von vorn.
Ludwig, die Versuchsperson, hat sich in eine Ecke gefläzt und drückt einen Ballen Holzwolle an sich wie ein Kind seine Schmusedecke. Der 16 Jahre alte Bonobo lebt im Menschenaffenhaus des Zoos von Frankfurt am Main. Der aus Sand aufgeschüttete Laufsteg, auf dem er klar konturierte Trittsiegel hinterlassen soll, ist quasi der Labortisch eines Experiments. Ludwig tapst für die Wissenschaft. Der Anlaß liegt 3,6 Millionen Jahre zurück. Da spie in Ostafrika, im Norden des heutigen Tansania, der Vulkan Sadiman Aschewolken über die Savanne. Kurz danach verwandelte die Regenzeit das Aschefeld in schwarzen Matsch, in dem jedes Wesen, das hindurchlief, Abdrücke hinterließ. Als die Sonne wieder durch die Wolken brach, erstarrte der Schlamm. Dann brach der Sadiman ein weiteres Mal aus, legte eine neue Ascheschicht über die getrockneten Spuren – und konservierte sie dadurch.
1976 entdeckte in der Nähe des tansanischen Dorfes Laetoli ein Mitarbeiter der Anthropologin Mary Leakey, was seit damals wie in einer Zeitkapsel festgehalten ist: Tausende Fährten von Elefanten, Giraffen, Antilopen und anderen Tieren. Darunter auch eine 25 Meter lange Spur von drei Zweibeinern – eine Sensation: Hier waren zwei erwachsene und ein junger Vormensch der Gattung Australopithecus – vom Typus der berühmt gewordenen „Lucy” – durch die nasse Asche gegangen.
Die erste Untersuchung der „Laetoli footsteps” erbrachte: Schon die affenähnlich aussehenden, maximal 1,20 Meter großen Ahnen der späteren Gattung Homo waren konstant aufrecht gegangen, ohne sich wie Menschenaffen zwischendurch auf den Handknöcheln abzustützen. An den Fußaußenseiten sind die Abdrücke am tiefsten – Anzeichen für einen watschelnden Gang mit einer leichten Rotation in Hüfte und Knien.
Anthropologen in aller Welt studieren seitdem Abgüsse der fossilen Spuren: Was läßt sich möglicherweise an weiteren Details aus diesem einzigartigen Dokument der Menschwerdung herauslesen? Das wollte auch Friedemann Schrenk wissen. Der Professor für Paläobiologie an der Frankfurter Universität, ein Vorreiter des Einsatzes von High-Tech in der Urmenschenforschung, stellte seinem Diplomanden Boris Dörrhöfer die Aufgabe: Mit modernsten Mitteln die Laetoli-Abdrücke erfassen, desgleichen die Fußspuren heutiger Menschen und Menschenaffen. Und dann feststellen, welche Aussagen sich aus dem Vergleich der Daten ableiten lassen. Mittlerweile ist kaum einer aus dem Umfeld des 28jährigen Dörrhöfer ohne sandige Füße davongekommen. Sportvereinskamerad, Vater, Schwägerin, 10jähriger Neffe: Sie alle stapften für die Forschung über einen aufgeschütteten Parcours – mal aufrecht, mal leicht gebückt, mal mit Traglast.
Eine 3D-Topometriekamera der Firma Breuckmann in Meersburg, sonst zum Beispiel von Autoherstellern in der Qualitätskontrolle eingesetzt, registrierte Millimeter für Millimeter die Abdrucktiefen und speicherte elektronisch die dreidimensionalen Daten jedes Meßpunktes. So exakt sind noch niemals Fußabdrücke vermessen worden. Mit Menschen als Testpersonen ist all das nicht schwer. Aber wie überzeugt man Menschenaffen von diesem Experiment – aufrecht und ohne Gebrauch ihrer Handknöchel eine aus Sand aufgeschüttete Versuchsstrecke entlangzulaufen? Denn nur so ist ein Vergleich mit den Laetoli-Spuren sinnvoll.
Schrenk fühlte im Frankfurter Zoo vor und fand in Carsten Knott, dem verantwortlichen Tierpfleger für das Menschenaffenhaus, einen Partner. „Wir machen sowieso ein Routine-Training mit den Tieren, damit sie Abwechslung haben – dazu hat dieses wissenschaftliche Vorhaben gut gepaßt. Forschung gehört zu den Hauptaufgaben eines Zoos, finde ich”, sagt Knott. Und ist sicher: „Die Tiere machen freiwillig mit und haben Spaß dabei.” Für ihn selbst war es vor allem Arbeit. Fünf Monate lang übte er täglich eine Viertelstunde mit verschiedenen Affen, dem Heben eines Stöckchens zu folgen, sich aufzurichten und in dieser Haltung wenigstens ein paar Schritte über einen Sandstreifen zu laufen. Das 120pfündige Gorillamädchen Szasza brillierte dabei als perfekte Testperson: „Die geht bei mir an der Hand wie ein Kind, ich konnte sie daher leicht über den Sand führen”, sagt Knott.
Ganz anders Ludwig. Er macht an seinem großen Tag nichts als Probleme: Der Bonobo hockt sich plötzlich in den Sand, schleift seinen geliebten Holzwolleballen zum Entsetzen der Forscher quer über die frischen Trittsiegel und läßt sich mitten im Versuch auf die Knöchel fallen. „Dabei ist er sonst so zuverlässig und verständig”, murmelt Knott.
Rein in das Gehege, erneut den Sandstreifen glattharken, raus aus dem Gehege. Draußen wartet das Forscherteam und sehnt sich nach einem, nur einem einzigen klaren Fußabdruck. Auf ein Neues: Der Tierpfleger hebt sein Stöckchen, der Bonobo richtet sich auf, Knott geht am Gitter entlang, Ludwig folgt über den sandigen Laufsteg bis ans andere Ende. Geschafft! Der Proband setzt sich und bekommt – wie jedesmal – eine Bananenscheibe und eine Weintraube.
Nach diesem Durchgang ist endlich ein verwendbares Trittsiegel dabei. Ludwig darf in den Nachbarkäfig und sich von der Wissenschaft ausruhen. Dörrhöfer und seine Begleiter bauen die 3D-Kamera auf und scannen den Bonobo-Fußabdruck – ein weiterer Stein im Puzzle der prähistorischen und der aktuellen Primaten-Tapser. Die gespeicherten Spuren lassen sich als farbige Darstellungen ausdrucken. Dörrhöfer legt sie nebeneinander aus: Gorilla, Bonobo, Mensch aufrecht, Mensch leicht gebückt, Mensch mit Last auf dem Rücken, Mensch mit Last auf den Armen. Gefragt, was denn nun der Vergleich ergebe, läßt er sich nicht festnageln: „Das müssen wir erst einmal sorgfältig auswerten, es fehlen auch noch einige Tragevariationen.”
Immerhin läßt er soviel durchblicken: Die Laetoli-Spuren scheinen am meisten denen eines leicht vornüber gebeugten heutigen Menschen zu ähneln. Ge- naueres verrät der junge Forscher nicht. Verständlich: Schließlich will er für seine Diplomarbeit auch etwas zu schreiben haben.
Thorwald Ewe





