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Kristalle für mehr Sonnenstrom
Perowskite gelten schon lange als eine interessante Klasse von Materialien. Die Kristalle, die in der Natur recht häufig als Mineralien vorkommen, weisen aufgrund ihrer speziellen inneren Struktur ganz besondere Eigenschaften auf. In der Natur kommen sie recht häufig als Mineralien vor. Sie enthalten typischerweise…
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von DIRK EIDEMÜLLER
Perowskite gelten schon lange als eine interessante Klasse von Materialien. Die Kristalle, die in der Natur recht häufig als Mineralien vorkommen, weisen aufgrund ihrer speziellen inneren Struktur ganz besondere Eigenschaften auf. In der Natur kommen sie recht häufig als Mineralien vor. Sie enthalten typischerweise Kalzium und Titan, haben eine kubische Kristallform und schwarze bis rotbraune Farbe.
In der Industrie kommen Perowskite bislang nur in wenigen Anwendungen zum Einsatz – zum Beispiel in keramischen Kondensatoren. Doch das könnte sich bald dramatisch ändern. Denn Perowskite ermöglichen eine einzigartige Kopplung von Licht und elektrischem Strom. Schon seit einigen Jahren sind verschiedene Arten von Perowskit-Solarzellen in der Entwicklung, die nicht nur eine hohe Stromausbeute versprechen, sondern auch günstig herzustellen sind (siehe bild der wissenschaft 4/2021, „Hocheffizient und vielseitig“).
Denn im Gegensatz zu den gängigen Solarzellen aus kristallinem Silizium lassen sich Perowskit-Solarzellen aus einer sehr dünnen Schicht herstellen. Das spart Material, und auch die Produktionsmethoden sind nicht so aufwendig wie bei herkömmlichen Zellen. Während Silizium bei hoher Temperatur vorsichtig aus der Schmelze gezogen werden muss, lassen sich Perowskite einfach dreidimensional drucken oder aus einem Gas heraus abscheiden.
Allerdings: Das große Problem von Perowskit-Solarzellen besteht darin, dass die heute genutzten Perowskit-Kristalle nur recht kurzlebig sind und vor allem Feuchtigkeit schlecht vertragen. Nur durch eine optimiertes Materialdesign und eine ausgeklügelte Kombination von Schutzschichten lässt sich ihre Lebensdauer erhöhen. Deshalb spielen solche Solarzellen bislang kaum eine Rolle auf dem Markt.
Forschen nach Versuch und Irrtum
Bei der Forschung und Produktentwicklung herrscht derzeit häufig noch das Prinzip von Versuch und Irrtum: Die Wissenschaftler rühren ein neuartiges Perowskit an oder probieren verschiedene Produktions- und Beschichtungsverfahren aus. Danach prüfen sie das dabei entstandene Material hinsichtlich seiner Eigenschaften. „Erstaunlich viele Eigenschaften von Perowskiten sind wissenschaftlich bislang nur schlecht verstanden“, sagt Thomas Kircharzt, der mit seinem Team am Forschungszentrum Jülich an diesem Material arbeitet.
Das grundlegende Prinzip ist bei Zellen aus Perowskit dasselbe wie bei konventionellen Silizium-Solarzellen: Das einfallende Sonnenlicht überträgt seine Energie auf ein Elektron in dem Material und löst es von dem Atom, in dem es gebunden war. Dabei entsteht eine Elektronen-Leerstelle, ein sogenanntes Loch. Das negativ geladene Elektron und das positiv geladene Loch wandern dann hin zu unterschiedlichen Elektroden und erzeugen so eine elektrische Spannung, die sich nutzen lässt.
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Aus verschiedenen Gründen sind Perowskite für die Photovoltaik besonders interessant: Erstens können sie einen anderen Wellenlängenbereich des Sonnenlichts anzapfen als Solarzellen aus Silizium. Zweitens lassen sich diese Absorptionseigenschaften über eine geschickte Wahl des Materials sogar gezielt einstellen. Und drittens lassen sich Perowskit-Solarzellen als dünne Schicht produzieren und überdies mit anderen Materialien kombinieren.
Es purzeln die Rekorde
„Man kann verschiedenartige Perowskite miteinander verbinden oder Perowskit mit Silizium, dann erhält man sogenannte Tandem-Solarzellen“, erklärt Kirchartz. „Diese können einen deutlich höheren Wirkungsgrad erzielen als herkömmliche Solarzellen aus nur einem Material.“ Bei konventionellen Silizium-Solarzellen liegt der theoretisch maximale Wirkungsgrad – also der Anteil der Energie des Sonnenlichts, die sich in elektrischen Strom umwandeln lässt – bei rund 30 Prozent. Industriell hergestellte Zellen erreichen rund 20 Prozent oder etwas mehr.
„Tandem-Solarzellen, bei denen Perowskit auf das Silizium aufgebracht wird, können die Grenze von 30 Prozent knacken“, sagt Kirchartz. So gelang es Forschern am Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) Ende 2022, eine solche Tandem-Solarzelle mit einem Wirkungsgrad von 32,5 Prozent zu entwickeln. Die besondere Innovation bei dieser Zelle bestand in einer geschickten Modifikation der Oberfläche. Das verringerte Elektronenverluste an den Grenzen zwischen den verschiedenen Materialien und sorgte für die bis dato höchste sogenannte Leerlaufspannung und den besten Wirkungsgrad einer solchen Tandemzelle.
Der Berliner Rekord wurde seitdem bereits mehrmals wieder übertroffen: Zuerst konnte ein Team der saudi-arabischen King Abdullah University of Science and Technology einen Wirkungsgrad von 33,7 Prozent erreichen. Und im November 2023 stellte dann der chinesische Solar-Konzern Longi eine Silizium-Perowskit-Solarzelle mit 33,9 Prozent Wirkungsgrad vor.
„In jüngster Zeit gibt es außerdem vermehrt Bestrebungen, sogar drei verschiedene Materialien miteinander zu kombinieren“, sagt Bin Chen, der als Juniorprofessor an der Northwestern University in Evanston unweit von Chicago an solchen Materialien arbeitet. Eine interessante Möglichkeit sind Dreifach-Zellen, die aus einer Lage Silizium mit zwei verschiedenen Typen von Perowskit bestehen. „Gegenwärtig haben solche Zellen noch Wirkungsgrade unter 30 Prozent, aber theoretisch liegt ihr Potenzial bei über 50 Prozent“, stellt Chen fest.
Die bisherigen Rekorde sind beeindruckend. Allerdings gelten sie für sogenannte Labor-Solarzellen. Das sind meist aufwendig hergestellte Solarzellen im Miniaturformat von ungefähr einem Quadratzentimeter Größe, die auf maximale Leistung getrimmt sind und nicht auf Praxistauglichkeit, Langlebigkeit und einen niedrigen Preis. Doch für eine erfolgreiche Kommerzialisierung spielen diese Faktoren eine viel entscheidendere Rolle als der Wirkungsgrad.
Die Stabilität im Visier
Bin Chen und seine Kollegen arbeiten deshalb zurzeit in erster Linie daran, ihre Perowskit-Werkstoffe noch stabiler zu machen. „Die dauerhafte Stabilität und Zuverlässigkeit von auf Perowskit basierenden Solarzellen sind im Augenblick noch die größten Hindernisse auf dem Weg zur Kommerzialisierung“, meint Chen. „Silizium-Paneele bieten typischerweise eine garantierte Lebensdauer von 20 Jahren oder mehr, während Perowskite meistens nicht länger als rund ein Jahr durchhalten.“
Das Team an der Northwestern University, zu dem Chen gehört, hat kürzlich eine Perowskit-Solarzelle vorgestellt, die auch bei hohen Temperaturen von 65 Grad Celsius über mehrere Monate ihre Leistungsfähigkeit zu 95 Prozent beibehielt. Das verdankt sie einer besonders guten chemischen Stabilisierung durch schützende Schichten. Der Wirkungsgrad dieser Labor-Zelle lag bei 26 Prozent. Das ist im Bereich der besten Silizium-Solarzellen. Künftig wollen die Forscher das Material aber nochmals deutlich stabiler machen. Sie zielen auf Perowskit-Solarzellen, die nach jahrelangem Betrieb bei 85 Grad Celsius immer noch mehr als 80 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit behalten.
Innovative Produkte in Sicht
Der britische Hersteller Oxford Photovoltaics – ein Spin-off-Unternehmen der Oxford University – scheint zumindest einige der dringendsten Probleme auf dem Weg zur Kommerzialisierung schon gelöst zu haben: Die Firma, die auch eine Pilotlinie in Brandenburg betreibt, versucht mit Unterstützung durch Investoren Perowskit-Silizium-Tandemzellen auf den Markt zu bringen. Diese Zellen sollen deutlich höhere Wirkungsgrade als herkömmliche Silizium-Solarzellen haben und eine lange Lebensdauer aufweisen. Es ist spannend für die Firma, ob sie sich mit diesem innovativen Produkt auf lange Sicht am heiß umkämpften Solarmarkt durchsetzen können wird.
Derzeit arbeitet das Unternehmen gemeinsam mit Forschern des Freiburger Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE an sogenannten Vollformat-Tandem-Modulen: Module in der bei kommerziellen Produkten üblichen Größe. Dabei sind viele Verfahrensfragen zu klären, die für die industrielle Massenfertigung relevant sind: So entwickeln die Wissenschaftler in dem Projekt spezielle Klebetechniken und Niedertemperaturprozesse, die besonders schonend für die Zellen sind.
Doch nicht nur in der Fertigungstechnik, sondern auch in der Grundlagenforschung geht es voran. Denn es ist immer noch kaum verstanden, warum sich Perowskite überhaupt so gut für Solarzellen eignen. Hier haben neue Messungen des Teams von Thomas Kirchartz interessante Einsichten ergeben. Denn in Halbleitern wie Silizium werden Elektronen, die durch das Sonnenlicht freigesetzt wurden, teils im Material wieder eingefangen und können deshalb nicht zum Stromfluss beitragen.
„Wir haben untersucht, inwieweit es solche Einfangprozesse auch in Perowskiten gibt“, berichtet Kirchartz. Dazu nutzten die Wissenschaftler die sogenannte Photolumineszenz – die Abstrahlung von Licht in einem Material, das zuvor angeregt wurde. Dabei schießen die Forscher zunächst mit einem Laser auf die Probe – die Solarzelle oder Perowskit-Schicht. Anschließend wird geprüft, wie sich die Intensität der Photolumineszenz mit der Zeit abschwächt.
Millionen von Messungen
„Die Photolumineszenz ist proportional zum Quadrat der Elektronenkonzentration“, sagt Kirchartz. „Daher können wir aus der Photolumineszenz bestimmen, wie schnell die Elektronen wieder im Material eingefangen werden.“ Die Wissenschaftler haben diese Messung rund 1.000 Mal pro Sekunde wiederholt – und das über Stunden. Insgesamt machten sie Millionen einzelner Messungen, um möglichst klare Daten zu erhalten.
Die Messungen brachten eine überraschende Erkenntnis, erläutert Kirchartz: „Die Perowskite folgen nicht den üblichen mathematischen Gesetzmäßigkeiten, wie man sie von den meisten Halbleitermaterialien kennt.“ Oft sorgen Defekte im Material dafür, dass Elektronen wieder eingefangen werden. Diese Defekte sind Unregelmäßigkeiten, etwa Fehlstellen oder Fremdatome im Kristallgitter. Beim Herstellen des Kristalls kommen sie unweigerlich vor. Doch bei Perowskiten schlägt dieser Effekt weniger stark zu Buche als bei normalen Halbleitern. „Die Elektronen sind besser davor geschützt, wieder eingefangen zu werden“, erläutert der Forscher. Wenn es gelänge, dieses besondere Verhalten noch zu verbessern, dann könnten noch bessere Solarzellen in Reichweite kommen.
Doch Perowskite eignen sich nicht nur als Solarzellen. Wie andere Halbleiter, die ebenfalls Licht und elektrische Energie verknüpfen, können sie auch als Lichtquelle dienen. Die Entwicklung der Leuchtdioden (LED-Technik hat sehr energiesparende Lampen hervorgebracht. Wenn dasselbe mit Perowskiten gelänge, ließen sich daraus hauchdünne Lichtquellen per 3D-Druck erzeugen.
„Unser Team hat in der Vergangenheit bereits an Perowskit-LEDs gearbeitet“, berichtet US-Forscher Chen. „Doch mittlerweile haben wir das reduziert, weil die Lebensdauer von Perowskit-LEDs noch zu gering ist – noch kürzer als bei Perowskit-Solarzellen.“ Die Forscher hoffen zwar, mit ähnlichen Schutzschichten wie bei den Solarzellen die Lebensdauer erhöhen zu können. Aber zunächst steht die Solar-Technologie im Fokus.
Allerdings: Ein belgisches Team hat kürzlich eine Perowskit-LED („PeLED“) vorgestellt, die sogar Laser-Qualität aufweist: Ihr Material, das sich aus mehreren Schichten zusammensetzt, verträgt zehntausendfach höhere Stromdichten als organische LEDs. Bei so hohen elektrischen Strömen kann das stimulierte Aussenden von Laserlicht beginnen. Damit könnten künftig nicht nur Lichtquellen aus PeLED möglich werden, sondern sogar ultradünne Laser. Zwar müssen auch deren Schichten erstmal haltbar gemacht werden, doch die Forschung an Perowskiten zeigt: Die ungewöhnlichen Kristalle bieten etliche aussichtsreiche Optionen für die Zukunft.
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