DNA-MOLEKÜLE KÖNNEN MEHR als nur die Bauanleitungen für lebende Organismen speichern: Mit den vier Nukleinsäure-Bausteinen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin lassen sich in künstlich erzeugter DNA beliebige Informationen verschlüsselt verstecken. Diese Erkenntnis brachte den Bioinformatiker Hilmar Rauhe – damals noch an der Universität Dortmund – vor mehr als einem Jahrzehnt auf eine Idee: Dies war vielleicht ein Weg, um beispielsweise Autos oder Kunstwerke fälschungssicher zu markieren. Etwas präparierte DNA könnte – unsichtbar – einem Autolack beigemischt oder auf ein Gemälde aufgebracht werden. Im Labor wäre es dann anhand einer Probe nur noch biochemische Routine, unter sämtlichen Autos oder Gemälden der Welt das eine Gesuchte zweifelsfrei zu identifizieren (bild der wissenschaft 4/2001, „DNA für Autos und alte Meister”).
2001 gründete Rauhe ein eigenes Unternehmen, die Informium AG – heute in Bergisch Gladbach –, um seine Idee zu vermarkten. Doch in der Praxis zeigten sich zwei Schwierigkeiten: „Die DNA ist nur in einem engen Temperaturbereich stabil, und sie lässt sich nicht zerstörungsfrei in Echtzeit lesen”, bedauert der Bioinformatiker. Daher beschritt er einen alternativen Weg: Informium setzt inzwischen hauptsächlich auf anorganische Marker, etwa Metalloxid-Partikel.
Die Stabilität der anorganischen Substanzen ist der von DNA weit überlegen, und mithilfe einer „ScanDeep” getauften Detektionstechnik geben sie unzerstört und ohne Zeitverzug ihre Information preis. Dieses Know-how bietet Rauhe in zwei Geschäftsfeldern an: als optische Signatur nach Art eines Fingerabdrucks außen an der Ware oder als direkte Kennzeichnung im Material selbst.
Das Fingerabdrucksystem beruht auf Additiven für Druckfarben und Verpackungsbeschichtungen. In der noch flüssigen Druckfarbe beispielsweise verteilen sich die mikroskopisch kleinen Partikel des Additivs zu einem unverwechselbaren, nicht kopierbaren Zufallsmuster, das beim Trocknen der Farbe fixiert wird. Mit einem mobilen ScanDeep-Lesegerät kann man die so gekennzeichneten Objekte jederzeit auf ihre Echtheit prüfen. Der Informium-Chef sieht großen Bedarf für dieses Verfahren bei der Kennzeichnung von Pharmazeutika: „Der Handel mit gefälschten Medikamenten ist für Kriminelle teils lukrativer als der Drogenhandel”, sagt Rauhe.
Daneben hat das Unternehmen ein Verfahren entwickelt, um Produkte vor allem aus dem Automobil- und Maschinenbau unmittelbar im Material zu kennzeichnen – meist handelt es sich um Polymer- oder Verbundwerkstoffe. Doch sogar Metalllegierungen lassen sich direkt in der Schmelze markieren, denn die anorganischen Partikel halten hohe Temperaturen aus. So kann ein Hersteller sämtliche Teile eines Autos – vom Motor bis zu den Reifen – als Originale kennzeichnen. Mehr Details zu seinen Verfahren verrät Bioinformatiker Rauhe nicht, auch über Kunden und Umsatzzahlen schweigt er sich aus. In seinem Gewerbe ist Diskretion Ehrensache.
Hält Hilmar Rauhe eigentlich seine ursprüngliche Idee, künstliche DNA zur Fälscher-Abwehr einzusetzen, für gescheitert? Informium bietet diese Technologie zwar noch an – doch beschränkt sich wegen der oben genannten Probleme der Einsatz auf Nischen, sagt Rauhe. „Die Zahl der möglichen Kombinationen und der Grad der Verschlüsselung sind bei DNA sehr hoch, und es gibt Anwendungsbereiche, in denen die Einschränkungen der DNA keine Nachteile darstellen.” Doch in den anorganischen Markern sieht er die Zukunft – und immerhin werde der Grundgedanke der unsichtbaren verschlüsselten Produkt-Information auch in dieser Marker-Kategorie verwirklicht. Christian Mertens ■





