Istanbul sitzt auf einer tektonischen Zeitbombe. Denn nur rund 20 Kilometer südlich der Stadt liegt die Nordanatolische Verwerfung, an der eurasische und anatolische Erdplatte aneinander vorbeigleiten – eigentlich. Doch unter dem Marmarameer sind die Platten ineinander verhakt: Seit 1766 hat es an diesem rund 150 Kilometer langen Teilstück keine größeren Bewegungen oder Starkbeben mehr gegeben. Entsprechend groß sind die aufgestauten Spannungen. Ein Starkbeben in dieser Region gilt als längst überfällig.

Istanbul liegt an einem Ausläufer der Nordanatolischen Verwerfung, der sich durch das Marmarameer zieht. — © Mikenorton /CC-by-sa 3.0
„Größtes seismisches Risiko in ganz Europa“
„Die Marmara-Verwerfung repräsentiert aktuell das größte seismische Risiko in ganz Europa“, erklären Marco Bohnhoff und seine Kollegen vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam. Sie hatten Ende 2025 die seismische Lage entlang dieser Verwerfung noch einmal im Detail analysiert. Dafür werteten sie Messdaten eines seismischen Überwachungsnetzwerks und mehrerer unter Mithilfe des GFZ dort installierten Bohrloch-Seismometern aus.
Dies bestätigte, dass sich die Spannungen aktuell in einem südwestlich von Istanbul gelegenen Teilstück der Marmara-Verwerfung konzentrieren. „Die Verwerfung muss als kritisch geladen angesehen werden“, sagt Bohnhoff. Den Prognosen zufolge könnte das nächste Beben entlang dieser Verwerfung im Bereich westlich von Istanbul oder unter den Prinzeninseln südlich der Megacity auftreten. Die insgesamt dort aufgestaute Energie würde ausreichen, um ein Starkbeben der Magnitude 7,1 bis 7,4 auszulösen.
Ähnlich komplex wie die San-Andreas-Verwerfung
Doch es könnte noch schlimmer kommen: Entgegen der meisten gängigen Beschreibungen ist die Verwerfung unter dem Marmarameer keine durchgehende Verwerfung. Sie ähnelt eher einem komplizierten Geflecht von Störungen mit vielen Nebenästen und jeweils sehr unterschiedlichen Eigenschaften, wie Bohnhoff auf Basis jüngster Messdaten berichtet. Die Plattengrenze südlich von Istanbul ähnelt demnach in ihrer Struktur der San-Andreas-Verwerfung in Kalifornien.
Das hat Konsequenzen für die Gefährdung der Millionenstadt Istanbul. „Früher oder später werden Spannungen an einer Stelle im Geflecht dieser geologischen Störungen zum Gesteinsversagen führen“, erklärt Bohnhoff. Im günstigsten Fall verursacht dies nur einzelne lokale Beben mittlerer Stärke. „Aber genauso gut kann die Energie überspringen und im Extremfall das gesamte System aktivieren“, so der Forscher. In diesem Fall könnten sich beim Bruch eines Abschnitts auch die Spannungen entladen, die sich in Seitenästen der Verwerfung aufgestaut haben.
Starkbeben mit doppelter Energie
Die Folge einer solchen seismischen Kettenreaktion wäre ein Starkbeben, das deutlich stärker ausfallen würde als bislang für das Marmarameer erwartet. Nach Schätzung von Bohnhoff könnte ein solches Beben eine Magnitude von 7,6 erreichen. Weil die Erdbebenskala logarithmisch ist, bedeutet dies: Istanbul könnte ein Starkbeben drohen, das doppelt so viel Energie freisetzt wie das aktuell vorhergesagte Beben der maximalen Magnitude von 7,4.
Bonhoff vergleicht das Auftreten eines solchen Super-Zyklus-Bebens mit der Situation im März 2011 vor Japan. Damals erreichte das Tohoku-Oki-Erdbeben die vorher nicht für möglich gehaltene Magnitude 9, weil auch dort die Spannungen übersprangen und mehrere Abschnitte der Verwerfung gleichzeitig brachen. Dies löste den ungewöhnlich starken Tsunami aus, der die japanische Küste verwüstete und das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi schwer beschädigte.
Bessere Überwachung nötig
„Wir müssen für Istanbul auch Erdbebenszenarien berücksichtigen, die komplexer sind als unsere bisher betrachteten“, betont Bohnhoff. Für die Millionenmetropole Istanbul hätte ein Starkbeben der Magnitude 7 bis 8 unter dem Marmarameer katastrophale Folgen. Schon beim letzten schweren Erdbeben im Jahr 1766 wurden Häuser zerstört, Hafenanlagen beschädigt und tausende Menschen durch Trümmer und Flutwellen getötet. Heute leben jedoch sehr viel mehr Menschen in diesem Ballungsraum als damals. Entsprechend schwerwiegender wären die Auswirkungen.
„Um die daraus resultierende Gefährdung bestmöglich bewerten zu können, benötigen wir seismische Überwachungstechnik, die direkt auf und innerhalb der Verwerfungszone unter dem Marmarameer installiert ist“, sagt Bohnhoff. Nur so ließe sich mitverfolgen, was sich dort tatsächlich im Untergrund tut – und wie groß die Gefahr für ein solches Super-Zyklus-Beben ist.
Trotz aller Überwachung hat die Seismologie aber ein entscheidendes Manko: „Wir können keinen Zeitraum eingrenzen, in dem so ein Beben auftreten wird, und schon gar keinen konkreten Zeitpunkt“, sagt Bohnhoff. Die Forschung kann zwar zeigen, wo Gefahr droht und wie hoch das Risiko ist. Wann das Gestein jedoch nachgibt und die Verwerfung abrupt aufreißt, lässt sich nicht im Vorhinein sagen. Für die Bewohner von Istanbul bedeutet dies: Sie leben weiter auf einer tektonischen Zeitbombe.
Quelle: Marco Bohnhoff (GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung, Potsdam), Geophysical Journal International, 2026; doi: 10.1093/gji/ggag253; Science, 2025; doi: 10.1126/science.adz0072





