Ohne 3D-Brille räumlich fernsehen – wer wollte das nicht? bild der wissenschaft stellte in der April-Ausgabe 2001 eine Technik vor, die der heimischen Mattscheibe eine zusätzliche Dimension verleiht. Ihr Durchbruch sei „zum Greifen nah” – so lautete auch der Titel des Artikels. Doch es kam anders.
Das Projekt hat turbulente Zeiten hinter sich. Die Jenaer 4D-Vision GmbH, die das Verfahren erfunden hatte, wurde 2003 von der amerikanischen Firma X3D Technologies aufgekauft. Die entwickelte die 3D-Fernseher zunächst unter dem Markennamen „ Opticality” weiter. Heute heißt das Unternehmen nach einer weiteren Umstrukturierung „Newsight”. Für die Internationale Funkausstellung 2005 lieferte Newsight einen Filter, mit dem Grundig ein handelsübliches TV-Gerät ausstattete, um so den Messebesuchern Live-3D-Fernsehen ohne Brille als „Weltneuheit” zu präsentieren.
Auch die Konkurrenz war aktiv: Philips bietet Flachbildschirme an, die nahtlos von normaler in dreidimensionale Bildwiedergabe umgeschaltet werden können und zum Beispiel für Werbevorführungen und für Spielcasinos gedacht sind. „Heute stehen solche professionellen Anwendungen bei uns im Mittelpunkt, aber wir arbeiten auch am 3D-Fernsehen”, sagt Hans Driessen von Philips 3D Solutions. So entwickelt das Philips-Tochterunternehmen neue Rechenvorschriften, um herkömmlich aufgenommene Filme nachträglich mit Tiefeninformationen für die 3D-Wiedergabe versehen zu können.
Namhafte Wettbewerber, eine bewegte Firmengeschichte und die Kooperation mit einem traditionsreichen Partner – das sind typische Begleiterscheinungen, wenn die innovative Technologie einer Gründerfirma auf den Massenmarkt drängt. Aber für Erfolg gibt es keine Garantie – auch diesmal. Ulrich Reimers, Nachrichtentechnik-Professor und Vorstandsmitglied der Dachorganisation „Deutsche TV-Plattform”, verpasst dem Vorhaben eine kalte Dusche: „Das 3D-Fernsehen ohne Brille ist heute noch genauso weit entfernt wie vor fünf oder zehn Jahren.”
Als Vorsitzender des „Technischen Moduls” im Digital Video Broadcasting-Projekt (DVB) ist Reimers verantwortlich für die weltweite Entwicklung und Standardisierung des digitalen Fernsehens über Satellit, Kabel und terrestrische Sendernetze. „ In diesem Gremium ist das Thema 3D noch nicht einmal angekommen”, meint Reimers. Prof. Dietrich Sauter vom Münchner Institut für Rundfunktechnik ergänzt: „Auch in den Überlegungen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten spielt das 3D-Fernsehen momentan keine Rolle.”
Der Grund: Massive Überlastung durch andere Mega-Projekte. Derzeit beschäftigen sich die Fernsehpraktiker unter anderem mit der flächendeckenden Einführung des hochauflösenden Fernsehens (HDTV) und mit dem Internet-Fernsehen. „Wegen der laufenden radikalen Umstellungen bei den Fernsehsystemen in Deutschland sehe ich derzeit keine Perspektiven, um auch noch das 3D-Fernsehen einzuführen”, sagt Reimers. Die Sender müssen zuerst ihre aktuellen Technik-Ausgaben, etwa für HDTV, wieder einspielen. Und die Käufer von Flachbildschirm-Geräten vor der Fußball-WM sind nicht dafür zu begeistern, ihre Geldbörsen jetzt für 3D-Monitore erneut zu öffnen.
Vielleicht macht sich sogar in deutschen Wohnungen als Erstes eine andere 3D-Technologie breit, die mit so genannten Head-Tracking-Systemen arbeitet. Die können sich allerdings nur auf einen einzigen Zuschauer einstellen. Daher hatte man etwa am Berliner Fraunhofer Institut für Nachrichtentechnik stets Anwendungen im Visier, bei denen der Zuschauer vorwiegend alleine vor dem Schirm sitzt und eine hohe Bildqualität besonders schätzt: PC-Arbeitsplätze und Computerspiele. Aus heutiger Sicht hat dieser Markt ein großes Plus: Er ist nicht von der Gunst der Sendeanstalten abhängig. Frank Frick ■





