Superknoten und Randerscheinungen
Als das Internet in den 1990er Jahren zu wachsen begann, dachte man zunächst, es habe die Merkmale eines typischen Zufallsnetzwerks: Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Knoten in diesem Netz miteinander verknüpft sind, ist dabei überall gleich hoch. Jeder Knoten hat daher auch mehr oder weniger die gleiche Anzahl von Verknüpfungen. Diese Annahmen haben sich allerdings inzwischen als falsch erwiesen, wie Barabási berichtet. “Stattdessen bilden einige wenige Knoten im Netz – Beispiel Google oder Facebook – Zentren mit extrem vielen Verknüpfungen zu anderen Seiten, die große Mehrheit der restlichen Knoten hat dagegen nur wenige Links”, erklärt der Forscher. Damit folgt das Internet dem Prinzip eines skalenfreien Netzwerks, dessen Verknüpfungen dem Potenzgesetz folgen. Egal, wie groß der Ausschnitt ist, den man sich anschaut, immer bleibt das Prinzip gleich: Es gibt einige wenige Superknoten mit fast unendlich vielen Links und viele weniger vernetzte kleinere.
Auch wo neue Verbindungen entstehen, ist in einem solchen Netz keineswegs Zufall. “Neue Seiten verlinken sich eher mit älteren, bereits gut bekannten und stark vernetzten anderen Seiten”, sagt Barabási. Oder mathematisch ausgedrückt: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein neuer Knoten sich mit einem Knoten mit bereits x Links verbinde, sei proportional zu x. Nach diesem Prinzip nehmen Superknoten wie Google, Facebook oder Amazon daher ständig noch an Bedeutung und Vernetzungsdichte zu, während andere, kleinere Sites eher stagnieren.
Kleine Welt mit spezifischen Schwachstellen
In seinen Analysen identifizierte Barabási zudem noch ein weiteres Merkmal des World Wide Web: Ähnlich wie viele soziale Netze, in denen wir uns täglich bewegen, folgt auch das Internet dem “Kleine Welt”-Prinzip. Das heißt: Die Verknüpfungspfade zwischen beliebigen Knoten sind kurz, man benötigt im Durchschnitt nur rund 19 Klicks. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass zwei Seiten, die beide auf dieselbe dritte Seite verlinken, auch untereinander verbunden sind. Obwohl das auf den ersten Blick eher überraschend anmutet, ist es eigentlich nicht verwunderlich, denn damit spiegelt das Internet letztlich eine typische Eigenschaft unseres Verhaltens und unserer sozialen Netzwerke in der realen Welt wider, wie der Forscher erklärt.
Das Wissen um die Feinheiten der Netzstruktur hat nicht nur akademischen Wert, es hilft auch einzuschätzen, wie gefährdet das Internet ist. “Wenn man aus einem normalen Netzwerk einige zufällig ausgewählte Knoten entfernt, zerfallen die meisten schnell in einen Satz kleinerer Unternetze oder sogar isolierter Knoten”, sagt Barabási. Anders in einem skalenfreien Netz wie dem Internet: Bei einem zufälligen Angriff schrumpfe es zwar, falle aber nicht auseinander. Man müsse schon fast alle Knoten entfernen, um dadurch ein solches Netzwerk zu zerstören, meint der Forscher. Allerdings hat die Sache einen großen Haken: Erfolgen die Angriffe nicht zufällig, sondern richten sich gezielt gegen die am stärksten vernetzten Sites, die Superknoten, dann bricht das Netz umso schneller zusammen. “Das ist die Achillesferse solcher skalenfreier Netzwerke – und damit auch des Internets”, erklärt Barabási.
“Das Internet ist der Spiegel der Menschheit – und deshalb müssen wir uns selbst verstehen, wenn wir verstehen wollen, was wir da in den letzten beiden Jahrzehnten erschaffen haben”, kommentieren Shadbolt und seine Kollegen. Die Erforschung des Netzes liefere uns daher umgekehrt auch immer einen Einblick in unsere eigene Natur.





