„UPS, IST JA WIE IM KINO HIER”, wundert sich die 14-jährige Nadine und rempelt im Halbdunkel ihre jüngere Freundin Lilo an. Während die sich leise schimpfend das Bein reibt, haben die Augen der beiden Zeit, sich an die Szene aus nachtblauen Schatten und Lichtflecken anzupassen. Der Raum, den sie gerade betreten haben, liegt mitten im Deutschen Museum in München. Er ist umgeben von hohen hellen Museumssälen voller Brücken, Schiffe, Turbinen und weiterer Großmonumente des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Doch dieser Raum, an dessen Eingang „Deutscher Zukunftspreis” steht, ist weder hoch noch hell. In ihm stehen auch keine Riesenmaschinen. Er wirkt geheimnisvoll, finden Nadine und Lilo und gehen gespannt auf Entdeckungsreise.
Auf einem Laufband an der linken Längswand erscheinen Schriftzüge und übergroße Schwarz-Weiß-Porträts von Gesichtern. Zehn kantige schwarze Blöcke sind über den Raum verteilt – es könnten Felsbrocken in einer mondbeschienenen Landschaft sein oder Altäre in einem alten Tempel. Bildschirme in den Blöcken schneiden helle Fenster in die feierliche Schwärze. „ Projektinseln” haben die Ausstellungsmacher um die Museumskuratorin Sabine Gerber-Hirt, den Berliner Designer Christoph Held und Christiane Pudenz vom Büro Deutscher Zukunftspreis die Blöcke getauft. Jede Projektinsel ist jeweils einem Preisträger-Team der zehn vergangenen Jahre und dessen Thema gewidmet.
In der Mitte setzen sich ein heller Block, der das Archiv des Preises mit umfassenden Informationen beherbergt, und ein ebenso hell eingefasster Bildschirm von den zehn schwarzen Findlingen ab – ein zentrales Modul. Als die Mädchen darauf zusteuern, läuft ein Videoclip an: Bundespräsident Horst Köhler höchstpersönlich begrüßt freundlich die Besucher und skizziert Sinn und Zweck des Deutschen Zukunftspreises. Der soll nämlich – erstens – Forscher und Entwickler hierzulande würdigen, die es geschafft haben, wissenschaftliche Ideen bis an die Schwelle zum marktreifen Produkt und zum wirtschaftlichen Erfolg zu bringen. Und der Preis soll, zweitens, junge Leute ermuntern, selbst den Weg zu berühmten Wissenschaftlern einzuschlagen.
GENAU AM RICHTIGEN PLATZ
Dass Horst Köhler hier in Erscheinung tritt, ist kein Zufall. Es war 2006 sein ausdrücklicher Wunsch, diese Ausstellung – Untertitel immerhin: „Preis des Bundespräsidenten für Technik und Innovation” – im Deutschen Museum zu installieren. Wolfgang Heckl, Physik-Professor an der Universität München und Generaldirektor des Deutschen Museums, erfüllt das mit Stolz: „ Die Entscheidung des Bundespräsidenten, mit der Ausstellung zum Deutschen Zukunftspreis hier eine ,Hall of Fame des deutschen Erfindertums‘ einzurichten, unterstreicht die Bedeutung der Kommunikation von wissenschaftlichen Themen in die Öffentlichkeit.” Und natürlich den Rang des Deutschen Museums als einem der drei renommiertesten Technikmuseen der Welt, neben Paris und London.
Um die richtige Kommunikation mit den Ausstellungsbesuchern hat sich das Macher-Team heftig die Köpfe zerbrochen. „Unser Problem war”, erklärt Sabine Gerber-Hirt, „angesichts der Verschiedenheit der Exponate und der Themen eine durchgängige gemeinsame Formensprache zu finden.” Tatsächlich könnten die ausgezeichneten Innovationen unterschiedlicher nicht sein: zum Beispiel ein Fluoreszenz-Lichtmikroskop (2006), ein Piezo-Injektor für Verbrennungsmotoren (2005), Flüssigkristalle für Fernsehbildschirme (2003) oder ein Verfahren zur Herstellung von Biokatalysatoren für die gezielte Synthese spiegelsymmetrischer Moleküle (2002). „Wir haben lange nach einem Passepartout gesucht, nach einem gemeinsamen optischen Rahmen, der den Exponaten ihre Individualität lässt, aber sie in ein gemeinsames Ganzes einbindet”, sagt Gerber-Hirt.
VOM PENTAGRAMM ZUM RECHTECK
Das ist gelungen. Ein Lichtband am Übergang zwischen Wänden und Decke säumt den gesamten Raum. Die Inszenierung aus Schatten und Licht, in der die Projektinseln liegen, trägt dazu bei, die Teile zum Ganzen zu fügen. Und auch die Projektinseln tun dies: Obwohl jede von ihnen ein Unikat ist, sind sie alle nach demselben Prinzip aufgebaut. Die Grundform ist stets ein unregelmäßiges Pentagramm, aus dem die kantigen Blöcke hochwachsen und schließlich zu Rechtecken werden. Auf diese Weise wollte Designer Christoph Held den typischen Weg von der Idee zum Produkt nachzeichnen: Das unklare, unfertig wirkende Pentagramm symbolisiert den noch unausgegorenen kreativen Einfall, der im Verlauf des Projekts immer konkreter wird und am Ende – in Gestalt eines klaren Rechtecks – ins marktfähige Produkt mündet.
Rechteckig ist auch der Multimedia-Terminal an jeder Projektinsel. Über drei Tasten – „Projekt”, „Potenzial” und „ Preisträger” – kann der Besucher einen Kurzfilm über das Thema des betreffenden Preises abrufen, ferner Informationen über dessen wirtschaftliche Bedeutung sowie kurze Videofilme, in denen die Ausgezeichneten selbst das Wort haben. Sie philosophieren über Begriffe wie „Kreativität”, „Erfolg” oder „Glück” und verraten damit etwas über sich selbst. So unterschiedlich die persönlichen Äußerungen der Preisträger in den zehn Projektinseln sind – bei der Frage, was für den Erfolg wichtig ist, wird mehrere Male, in wechselnden Worten, dieselbe Eigenschaft benannt: „Hartnäckig sein.” „Nie aufgeben.” „Stetigkeit zeigen.” „ Dranbleiben, nicht beirren lassen.” Aus diesem Holz muss offenbar geschnitzt sein, wer es in die Hall of Fame schaffen will.
So gesehen stehen Lilos Chancen, irgendwann den Deutschen Zukunftspreis zu gewinnen, nicht schlecht. Denn auch sie lässt nicht locker. „FC Schalke”, ruft sie wieder in den Telefonhörer, der zur Projektinsel „Maschinen lernen Alltagssprache – Computer als Dialog- und Übersetzungsassistenten” gehört. Sie und Nadine stehen vor Berti. Das ist ein Avatar, eine virtuelle Person, die nur in den Mikroprozessoren eines Rechners existiert. Auf einem Großdisplay an der Wand ist der Avatar in einem ebenfalls virtuellen Fußballstadion zu sehen, dargestellt als junger Mann in gestreifter Jacke und offenem weißem Hemd. Sein Job: Dialogassistent.
BERTI BEANTWORTET FUSSBALL-FRAGEN
Jede Projektinsel verfügt über ein Experiment oder ein Modell, das den Besucher zum Spielen oder Staunen bringen soll und dadurch ans Preisthema und dessen informelle Ebene heranführt. Berti ist das spielerische Element dieser Projektinsel – ein Computerprogramm, das die menschliche Sprache versteht. Ein Team um den Saarbrückener Informatik-Professor Wolfgang Wahlster, Preisträger des Jahres 2001, hat ihn entwickelt und darauf trainiert, gesprochene Fragen aus dem Themengebiet „ Fußball-Bundesliga” zu verstehen und sinnvolle Antworten zu geben.
Berti weiß zu jedem Verein die Spielergebnisse des letzten Wochenendes und den Punktestand – normalerweise. Im Moment scheint er allerdings etwas formschwach. „Von welchem Verein wünschen Sie Informationen?” fragt er. „FC Schalke!” schmettert Lilo. Keine Antwort. „Frag ihn doch mal nach den Bayern”, zischt Nadine ihr ins Ohr. Lilo tut’s. Und tatsächlich, jetzt weiß der Dialogassistent Bescheid: „FC Bayern gegen Mainz 05 – eins zu zwei.” „Siehst du”, trumpft Nadine auf. „Der Berti ist halt Münchner und liebt nur diesen Club.” Kuratorin Sabine Gerber-Hirt kennt den Kampf mit der Technik, die nicht immer perfekt funktioniert, zur Genüge. „Das Deutsche Museum hat nun mal 1,4 Millionen Besucher im Jahr”, sagt sie, „und nicht alle gehen zart mit den Exponaten um. Wir haben einen erheblichen Aufwand für Wartung und Reparaturen.”
JEDES JAHR EIN NEUER STAR
Aber kleine Schönheitsfehler tun Nadines und Lilos Spielfreude keinen Abbruch. Und: Wenn sie das nächste Mal ins Deutsche Museum gehen, werden sie wieder Neues bestaunen können. Nicht nur, weil jedes Jahr der jeweils aktuelle Träger des Deutschen Zukunftspreises mit seiner ausgezeichneten Innovation in die Hall of Fame Einzug hält. Ende 2009 wird auch ein neu geschaffener Museumsbereich eröffnet: das Zentrum Neue Technologien (ZNT), das mit der Dauerausstellung zum Deutschen Zukunftspreis eine inhaltliche und räumliche Einheit bildet.
Das letzte Highlight des heutigen Besuchs erlebt Nadine an der Projektinsel „Biologische Katalysatoren”. Nach dem Druck auf die Taste „Preisträger” hört sie sich an, was Maria-Regina Kula, eine der beiden Laureatinnen, in die Kamera spricht – und stupst plötzlich ihre Freundin in die Rippen: „Hast du das mitgekriegt? Wenn das so ist, krieg’ ja vielleicht auch ich mal den Preis!” Da hat Frau Kula was Schönes angerichtet mit ihren aufrichtigen Worten: „Für die Umsetzung einer neuen Idee ist Glück wichtiger als Fleiß.” ■
von Thorwald Ewe
KOMPAKT
· Im Deutschen Museum präsentiert eine Ausstellung Arbeit und Persönlichkeit der Träger des Deutschen Zukunftspreises.
· Zehn Projektinseln und ein Archiv-Modul bieten Information und spielerischen Anreiz.





