Seit 1901 werden herausragende wissenschaftliche Leistungen in Physik, Chemie und Medizin mit den Nobelpreisen belohnt. Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, stiftete diese Auszeichnung, um Errungenschaften mit großer Bedeutung für die Menschheit herauszuheben und zu fördern. Doch ob jemand einen Nobelpreis verliehen bekommt oder nicht, hängt nicht nur von seinen Leistungen und Errungenschaften ab – auch die Umstände müssen stimmen. Das Testament von Alfred Nobel und die Regularien der Nobel-Stiftung geben bestimmte Regeln und Abläufe vor – und in manchen Fällen wurden sie verdienten Kandidaten zum Verhängnis.
Wie wählt das Nobelpreiskomitee die Kandidaten aus?
Das Prozedere sieht vor, dass der Kandidat von anderen vorgeschlagen werden muss. Dafür verschickt das Nobelpreis-Komitee schon gut ein Jahr im Voraus vertrauliche Vorschlagsformulare an ausgewählte Wissenschaftler und Institutionen. Im Februar wählt das Komitee dann aus diesen Vorschlägen die Nominierten. Wer dazu gehört, bleibt jedoch 50 Jahre lang geheim – nur die Preisträger werden bekannt gegeben.
Anschließend werden Experten herangezogen, die das Werk der Nominierten bewerten und die Komitee-Mitglieder bei ihrer Auswahl beraten sollen. Im Verlauf der folgenden Monate finden mehrere Auswahlrunden statt, bis dann schließlich Anfang Oktober die endgültige Abstimmung durch das jeweils sechsköpfige Komitee stattfindet. Die sechs Mitglieder dieses Gremiums – für jeden der drei naturwissenschaftlichen Preise gibt es ein eigenes – sind auf drei Jahre von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften gewählt und gehören der jeweiligen Fachrichtung – Chemie, Physik oder Medizin/Physiologie – an.
Warum Mendelejew leer ausging
Gerade in den Anfängen der Nobelpreise – die ersten Auszeichnungen wurden 1901 vergeben – befolgten die Auswahlkomitees die Bestimmungen im Testament von Alfred Nobel weit wörtlicher als heute. Das kostete gleich mehrere berühmte Wissenschaftler die Auszeichnung.
Einer von ihnen war Dimitri Mendelejew, der Schöpfer des Periodensystems der Elemente. Fast zeitgleich mit dem deutschen Chemiker Lothar Meyer entwickelte er Mitte des 19. Jahrhunderts ein System, das die merkwürdigen „Verwandtschaften“ bestimmter chemischer Elemente erklärt. Anders als Meyer erkannte Mendelejew dabei auch, dass sich aus der resultierenden Tabelle Lücken ergaben. Als dann in den folgenden 15 Jahren diese fehlenden Elemente entdeckt wurden, war dies die Bestätigung für Mendelejews Periodensystem – heute ist es der Standard.
Dennoch hat der russische Chemiker nie den Nobelpreis bekommen. Der Grund: In seinem Testament schrieb Alfred Nobel, dass „diejenigen, die Auszeichnung bekommen sollen, die im vorangegangenen Jahr der Menschheit den größten Dienst erwiesen haben“. Anfang des 20. Jahrhunderts nahm das Auswahlkomitee dies noch wörtlich – und zeichnete damals nur Wissenschaftler aus, deren Leistungen noch nicht lange zurücklagen. Mendelejew erfüllte diese Anforderung nicht.
Das Problem der Theoretiker
Für Forschende, die eine bahnbrechende Theorie aufstellen, ist es schwer, einen Nobelpreis zu erhalten. Denn die Nobelpreis-Komitees zeichnen bevorzugt experimentelle Leistungen aus, weil diese Errungenschaften einfacher nachvollziehbar und in ihrer Bedeutung einzuordnen sind. Viele theoretische Vorhersagen und Modelle gelten zudem erst dann als bewiesen, wenn sie auch experimentell bestätigt wurden.
Ein Beispiel dafür ist der erste Nachweis von Gravitationswellen im Jahr 2016 durch die Physiker der LIGO- und Virgo-Kollaboration. Obwohl diese Erschütterungen der Raumzeit und ihre Entstehungsprozesse schon 100 Jahre zuvor durch Albert Einstein postuliert wurden, gab es den Nobelpreis erst bei ihrem Nachweis.
Ähnlich war dies beim 2012 am Forschungszentrum CERN nachgewiesenen Higgs-Boson: Schon 1964 hatten die Physiker Peter Higgs, Robert Brout und François Englert theoretisch beschrieben, wie das mit diesem Teilchen assoziierte Higgs-Feld allen Elementarteilchen ihre Masse verleiht. Erst 2013, ein Jahr nach dem Nachweis des Higgs-Bosons, erhielten Higgs und Englert den Physik-Nobelpreis. Für Brout kam der Nachweis zu spät: Er war 2011 gestorben und laut Statuten könne Verstorbene keinen Nobelpreis mehr bekommen.
Wenn das Fachgebiet nicht stimmt
Einige Wissenschaftler „verpassten“ den Nobelpreis auch wegen ihres Fachgebiets. Denn Alfred Nobel hatte seinen Preis für die drei Kategorien Physik, Chemie und Medizin vorgesehen. Während heute auch Forschende aus eng verwandten Fachgebieten wie Astronomie oder Molekularbiologie ausgezeichnet werden, war dies lange nicht der Fall. Ein Beispiel dafür ist der US-Astronom Edwin Hubble. Er entdeckte, dass das Licht sich entfernender kosmischer Objekte eine Rotverschiebung aufweist und sich das Universum ausdehnt. Heute wäre dies einen Nobelpreis wert. Doch zu Hubbles Lebzeiten gehörte die Astronomie nicht zu den preiswürdigen Fachgebieten.
Aus ähnlichem Grund ging der US-amerikanische Molekularbiologe Carl Woese leer aus. Er entdeckte anhand von Vergleichen der ribosomalen RNA, dass der Stammbaum des Lebens nicht zwei, sondern drei Hauptäste besitzt: Neben Bakterien und Eukaryoten sind die Archaeen die dritte Domäne des Lebens. Die Analyse der ribosomalen RNA bildet heute die Basis für die molekulare Phylogenie. Trotzdem bekam Woese bis zu seinem Tod im Jahr 2012 keinen Nobelpreis.
…oder das Geschlecht
Ebenfalls benachteiligt wurden lange Zeit Wissenschaftlerinnen: Bei den drei naturwissenschaftlichen Nobelpreisen liegt der Anteil von Frauen zwischen zwei und sechs Prozent – immerhin ist die Tendenz in jüngerer Zeit deutlich steigend. Leer gingen aber so wichtige Forscherinnen wie die an der Kernspaltung beteiligte Physikerin Lise Meitner, die Mitentdeckerin der DNA-Struktur Rosalind Franklin oder die Astronomin Jocelyn Bell Burnell, die die Pulsare entdeckte.





