Strampeln ist „in”. Das belegen die Zahlen des Verbandes des Deutschen Zweiradhandels. Demnach rollten im letzten Jahr mehr als fünf Millionen Fahrräder über die Ladenschwelle. Auf jährliche Zuwachsraten von fünf bis sieben Prozent hat sich die Branche längst eingestellt. Dabei geht der Trend zu teuren Rädern, und immer mehr Freizeitradler kaufen ihre Drahtesel beim Fachhändler statt bei Aldi oder im Kaufhaus.
Ein weiterer Trend: Zweiräder ohne Federung, Schaltung oder Gel-Sättel sind weitgehend aus den Schaufenstern verschwunden. Der Drahtesel ist zum High-Tech-Produkt mutiert: Federungen vorne und hinten, Scheiben- oder Hydraulikbremsen und leicht bedienbare Kettenschaltungen gehören bei immer mehr Rädern zum Standard.
Der Grund: Der Radmarkt hat die Käufer aus der gutsituierten Mittelschicht für sich entdeckt, zahlungskräftig und gesundheitsbewußt. Nur wenige der komfortablen City-Räder oder Trekking-Bikes liegen im Preis unter 2000 Mark, in der Regel sind sie sogar noch weitaus teurer. „Die Käufer der ersten Mountainbikes sind heute 40 oder 50″, sagt Eric Bothe, beim US-amerikanischen Fahrrad-Hersteller Scott für das Marketing verantwortlich, „die wollen jetzt gemütlichere Touren fahren und steigen um auf City- oder Trekking-Räder.” Deshalb erweitert Scott sein Angebot an Trekkingbikes auf das Doppelte. Eines von drei Scott-Rädern gehört künftig in diese Kategorie.
Zur Zielgruppe der Anbieter von Komforträdern zählen auch gesundheitsbewußte Radler. „Besonders Stöße auf die Wirbelsäule sind auf Dauer schädlich für den Körper”, meint Georg Stingel, Geschäftsführer der Aktion Gesunder Rücken (AGR) aus Bremervörde. Waldwege mit Stöcken, Steinen und Schlaglöchern sollten daher besonders jene Radler besser meiden, die ohnehin Probleme mit dem Rücken haben – es sei denn, das Fahrrad federt die vielen kleinen Schläge ab. „Mit Stoßdämpfern am Rad werden die Kräfte, die auf die Wirbelsäule wirken, um mehr als ein Drittel abgeschwächt”, lobt Stingel. Um gesundheitsfreundliche Räder zu fördern, vergibt die AGR zusammen mit Rückenschulverbänden neuerdings ein Gütesiegel für das „ergonomische Fahrrad”.
Pluspunkte gibt es etwa für Stoßdämpfer, Gel- oder Luftkissensättel, die sich dem Gesäß anpassen, oder für einen „ Multifunktionslenker”, der es erlaubt, ihn auf unterschiedliche Weise anzupacken – alles auch Komponenten eines Komfortrades. An einem Punkt reibt sich die AGR allerdings mit dem Institut für Rehabilitation und Behindertensport der Sporthochschule Köln. Aufrecht wie eine Kerze sollte der Radfahrer auf dem Fahrrad sitzen, meint die Aktion Gesunder Rücken. So bliebe der Wirbelsäule die meiste Last erspart. Doch sportliche Fahrer schmunzeln über eine solche Maßgabe. Und Sportlehrer Tim Tofaute von der Sporthochschule Köln sagt: „Eine leicht gebeugte Haltung fungiert als eine Art Rückentraining.” Denn die Rückenmuskulatur ist so immer leicht angespannt und kann schnell und dynamisch reagieren.
Im Projekt Wellcom (Motto: Über Komfort zur Wellness) untersuchte Tofaute die Dämpfung von Fahrrädern. Das Ergebnis: Stoßdämpfer am Hinterrad fangen Schläge zu etwa 40 Prozent ab. Auch eine gefederte Sattelstütze kann die Wucht der Schläge um immerhin ein Viertel dämpfen, ein Sattel dagegen nur zu zwei bis fünf Prozent. Zudem schluckt eine Federung keinesfalls – wie vielfach angenommen – die Kraft, die für einen runden Tritt in die Pedale aufgewandt wird. Sinnvoll ist eine Komfortdämpfung daher nach Ansicht Tofautes besonders für „unsportliche Radfahrer” , denen es noch an Fitneß fehlt, sowie für Leute, die Probleme mit den Bandscheiben oder Knochen haben. Sportliche Fahrer hingegen dämpfen Stöße mit ihrem Körper: „Stimmt die Bewegungsstruktur, puffern Arme und Beine Schläge so effektiv wie Stoßdämpfer”, sagt Tofaute.
Noch hat sich das AGR-Siegel nicht durchgesetzt. Bisher klebt es erst auf drei Rädern eines einzigen Herstellers: Riese und Müller aus Darmstadt. Potentielle Kunden, vor allem solche mit Rückenleiden, sehen offenbar bislang keinen Vorteil, wenn das Gütesiegel auf dem Fahrrad prangt.
Das Body-Scanning-Prinzip hilft beim Fahrradkauf. Der Ingenieur Andreas Schuwerth, Geschäftsführer der Ergonomie-Beratungsfirma Logisch Consulting, hat dieses Meßsystem mitentwickelt. „Zusammen mit Ergo- und Physiotherapeuten haben wir uns zum Ziel gesetzt, den Fahrradkäufern auf der Basis von biomechanischen Körperdaten ein Fahrrad quasi auf den Leib zu schneidern”, erläutert er. Die Körpermaße des Kunden werden aufgenommen und mit den Abmessungen der Räder aus Datenbanken abgeglichen, um so für jeden Käufer individuell das Rad aufzuspüren, das – auch ohne Gütesiegel – seinen ergonomischen Ansprüchen gerecht wird.
Mit einem Laserpointer vermessen bislang etwa 350 Fachhändler ihre Kunden, registrieren die Höhe des Beckenkamms, der Hand, der Schulter oder die Schulterbreite. Nach ein paar Minuten sind alle nötigen Daten gespeichert. Der Computer berechnet daraus die idealen Pedal-, Sattel- und Lenkereinstellungen und sucht das passende Rad aus einer Datenbank heraus. In ihr sollen schon bald Trekking- und City-Räder von über 20 Herstellern gespeichert sein.
Für Tim Tofaute bietet der Trend zum Komfortrad die Chance, noch mehr Leute aufs Fahrrad zu bringen. In wenigen Jahren, besagen Prognosen des Zweiradverbandes, werden mehr als die Hälfte aller verkauften Räder Trekking- oder City-Räder – also typische Komforträder – sein. Die Auswahl solcher Räder zwischen 1800 und 5000 Mark ist schon heute riesig. Fahrrad mit Automatik Moderne Kettenschaltungen benötigen eine Unzahl kleiner Zahnräder. Da kommt Shimano, der Spezialist für Fahrradkomponenten, mit der ersten automatischen Kettenschaltung gerade recht – die neue Schaltung Nexave
C 910 sucht selbständig den geeigneten Gang und legt ihn ein. Dazu mißt ein Sensor während der Fahrt die Geschwindigkeit und gibt sie an den Bordcomputer weiter. Der Fahrer outet sich zuvor als „sportlicher”, „normaler” oder „Bergfahrer”, und der Computer stimmt die Wahl der hinteren Ritzelgröße darauf ab. Nur zwischen den zwei vorderen Ritzeln der Gangschaltung muß der Fahrer selbst entscheiden. Eine Sperrklinke sorgt dafür, daß er sich dabei nicht verschaltet. Zudem verhindert der „Tap Fire”-Mechanismus ein langes Gezerre am Schalthebel, bevor die Kette auf das benachbarte Ritzel springt. Zum Wechseln des Kettenblatts genügt es, einen Knopf anzutippen.
Das erste Fahrrad mit dieser „Digital Integrated Intelligence” soll mit 5000 bis 6000 Mark so viel kosten wie ein gebrauchter Kleinwagen – an Raffinesse ist es allerdings kaum zu überbieten. Wer beispielsweise statt mit Automatik im manuellen Modus unterwegs ist und plötzlich beschleunigt, also vorne ein kleines Kettenblatt wählt, sollte auch am Hinterrad das Ritzel wechseln. Das Rad denkt mit und führt die Kette automatisch nach.
Auf dem Display läßt sich erkennen, welche Detaillösungen Shimano für den „Rollce Royce des Radwegs” noch vorgesehen hat: etwa die geschwindigkeitsabhängige Dämpfung. Je schneller man fährt, um so stärker wird gedämpft. Auch über einen Weg mit Kopfsteinpflaster gleitet das Rad hinweg, ohne für den Radler spürbare Schläge weiterzugeben. Die Stärke der Dämpfung, die Geschwindigkeit und der Kettengang komplettieren die Anzeige. Während damit die Elektronisierung des Rads in Europa erst beginnt, ist sie in Japan schon Realität – in Form des „ Entertainment Vehicels” von Shimano: ein Klapprad mit GPS-Navigationssytem, Verbindung ins Internet für Musik und E-Mail, mit Kopfhörer, Elektromotor, Scheibenbremsen und Vollfederung.
Andreas Schmitz





