Diese beiden Abhandlungen verfasste Andreas Rödder von der Universität Mainz. Seine mutigen Darstellungen beginnen damit, was allgemein als “digitale Revolution” bezeichnet wird. So erfährt der Leser, was sich im Jahr 1976 abgespielt hat: Ein Computerspezialist der Firma Hewlitt Packard namens Wozniak gründet mit seinem Freund Jobs in der Garage von dessen Eltern die Firma Apple. Im ersten Jahr ihres Bestehens verkaufen die beiden 200 Computer und verzeichnen 1982 einen Jahresumsatz von mehr als zwei Milliarden Dollar.
Die Welt schrumpft
Die beiden Gründer – und andere Nerds wie Bill Gates – “gelangten wie im 19. Jahrhundert die Stahlbarone und Eisenbahnkönige zu märchenhaftem Reichtum”, wie Rödder seinen Lesern versichert. Er bezeichnet die Verbindung zwischen Kapitalismus und kalifornischer Hippie-Kultur als “Informationskapitalismus” und schwärmt von vielen weiteren technologischen Möglichkeiten. Offenbar – so der Historiker – hat die Menschheit eine neue Stufe der Industriellen Revolution erreicht, die sie der Kombination aus Mikroelektronik und Digitalisierung verdankt und durch die globale Vernetzung mittels Internet gelungen ist.
Völlig neu ist das alles nicht, wie Rödder weiß. Bereits 1943 (!) notierte der Schriftsteller Stefan Zweig: “Die Welt ist verändert, seit es möglich ist, in Paris gleichzeitig zu wissen, was in Amsterdam, Moskau und Neapel und Lissabon in derselben Minute geschieht.” Damals hatten Telegraphie und Elektrizität Raum und Zeit erstmals kräftig zusammenschrumpfen lassen. Das iPhone, das Apple zum wertvollsten Unternehmen der Welt machte, verdichtete dieses Schrumpfen auf die winzige Fläche eines Glasdisplays.
Keine Frage, “die Welt ist verändert” – nicht nur 1943, sondern erst recht 2016. Wenn immer mehr iPhone-süchtige Menschen den aufrechten Gang, die stolze Errungenschaft ihrer Evolution, aufgeben, um zu einer Kopf-unten-Generation zu werden. Man möchte nur gerne verstehen, wie diese Veränderung und mit ihr die erlebte Gegenwart zustande gekommen ist – und denkt, da könnten die Historiker helfen. Das sei doch ihre selbstgestellte Aufgabe, wie eingangs erwähnt. Aber man wird enttäuscht. Zwar schwärmt Andreas Rödder von vernetzten Wirklichkeiten, Hyperkonnektivität und künftigen Dimensionen der Digitalisierung, aber nirgendwo erfährt der Leser, welche Kraft und welches Streben urtümlich hinter all diesen Entwicklungen steckt.
Wo bleibt die Wissenschaft?
Die Gegenwart erklären heißt doch nicht, die Gründung einer Firma zu melden, die dann erfolgreiche Produkte entwickelte und die Welt mit Computern und anderen elektronischen Geräten versorgte. Die Gegenwart erklären heißt doch, das Treiben der Menschen zu verstehen, die als Physiker etwa Halbleiter untersuchten und dabei kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Transistoren konstruierten, mit denen sich erste Chips fertigen und dann zuverlässige Rechenmaschinen bauen ließen.





