Die sorgenvollen Mienen haben sich verzogen. Stattdessen sieht man bei Vertretern der Mobilfunkbranche seit kurzem wieder strahlende Gesichter. Denn die Verkaufszahlen der letzten Monate fielen besser aus, als die meisten Experten erwartet hatten. So gingen zwischen Juli und September 2002 nach Angaben des US-Marktforschungsunternehmens Gartner Dataquest weltweit über 104 Millionen Handys über die Ladentheke – fast acht Prozent mehr als im dritten Quartal des Vorjahres. Siemens jubelte im Januar über ein sehr gut verlaufenes Weihnachtsgeschäft mit Mobiltelefonen. Auch die Ergebnisse einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach stimmen optimistisch: Zwar besaßen im Herbst letzten Jahres bereits fast 72 Prozent der Deutschen zwischen 14 und 64 Jahren ein Mobiltelefon, doch plant fast jeder dritte von ihnen, sich in der nächsten Zeit ein neues Gerät anzuschaffen.
Einen Anreiz, das alte Telefon durch ein neues Gerät zu ersetzen, sollen vor allem neue Multimedia-Funktionen schaffen: zum Beispiel bis zu 40-stimmige Klingeltöne, brillante Multicolor-Displays sowie die Möglichkeit, bunte und grafisch anspruchsvolle Spiele sowie andere Software aufs Handy zu laden. Vor allem aber setzen Nokia, Siemens und Co ihre Hoffnungen auf Mobiltelefone, mit denen man fotografieren oder gar Videoclips aufnehmen kann. Den Anfang hatte Sony Ericsson gemacht: Seit März 2002 bietet das schwedisch-japanische Firmen-Duo mit dem T68i in Deutschland ein fototaugliches Handy an. Mit einem ansteckbaren Kameramodul kann man damit digitale Bilder aufnehmen, auf dem Display betrachten, bearbeiten und versenden. Konkurrent Nokia legte vier Monate später nach: Mit dem großen und extravaganten Modell 7650 brachte der finnische Marktführer im Juli 2002 das erste Handy mit einer integrierten Digitalkamera auf den deutschen Markt.
Inzwischen buhlen immer mehr Mobiltelefone, mit denen sich digitale Fotos schießen lassen, um die Gunst der Käufer. Ende Januar hatten die Kunden in Deutschland die Wahl zwischen vier Handys mit eingebauter Kamera und fünf Geräten, auf die sich ein Kameramodul stecken lässt. Weitere Modelle von Foto-Handys werden in den nächsten Monaten folgen. Nokia 3650, das ab dem Frühjahr dieses Jahres erhältlich sein soll, bringt als erstes Handy neben einer Digicam auch eine eingebaute Videokamera mit. Bis zu 50 Filmchen von jeweils 15 Sekunden Dauer lassen sich damit aufnehmen und speichern. Noch weiter geht der japanische Mobilfunkanbieter NTT Docomo: Er stellte im November ein Handy vor, das mithilfe eines speziellen 3D-Editors gewöhnliche Fotos in dreidimensionale Bilder verwandeln und diese auf dem Display darstellen kann. Das Telefon mit dem kryptischen Namen SH251iS, dessen Bildschirm von Sharp entwickelt wurde, wird es jedoch zunächst nur in Japan zu kaufen geben.
Während in Europa die Einführung von Foto-Handys jetzt erst so richtig ins Rollen kommt, können die Japaner solche Geräte bereits seit über zwei Jahren kaufen. Und sie nutzen diese Möglichkeit fleißig: Nach einer Marktstudie von Strategy Analytics wurden in den ersten neun Monaten des Jahres 2002 weltweit etwa 9,5 Millionen Kamera-Handys verkauft – davon allein 7,9 Millionen im Land der aufgehenden Sonne. Weltweite Marktführer bei fotofähigen Mobiltelefonen sind durchweg japanische Firmen: Sharp führt mit einem Anteil von rund drei Millionen verkauften Geräten, danach folgen NEC, Panasonic und Toshiba.
Dass Handys mit Digitalkamera auch in anderen Regionen der Erde bald ähnlich beliebt sein könnten, belegen Umfragen. So fragte das britische Marktforschungsunternehmen HPI Research Group im Auftrag von Nokia Handy-Nutzer in elf europäischen, asiatischen und amerikanischen Ländern, welche Fähigkeiten sich die Nutzer dort von ihrem Mobiltelefon wünschen. Das Resultat: Auf Platz eins steht unangefochten das Versenden von SMS-Kurznachrichten – gewünscht von 56 Prozent der Handy-Nutzer. Gleich dahinter auf Platz zwei folgt die Verwendung des Handys als Fotokamera (43 Prozent). Die Möglichkeit, Videoclips mit dem Telefon aufnehmen zu können, wünschen sich immerhin noch 33 Prozent der Befragten.
Voraussetzung für eine sinnvolle Nutzung des Mobiltelefons zum Fotografieren und Filmen sind hochauflösende mehrfarbige Displays. Alle derzeit erhältlichen Geräte besitzen TFT (Thin Film Transistor)-Displays, die sich beispielsweise auch in den Bildschirmen von Notebooks und Flachfernsehgeräten verbergen. Diese speziellen Flüssigkristall(LCD)-Bildschirme enthalten mehrere 10000 Transistoren, die jeden einzelnen Bildpunkt (Pixel) des Displays separat ansteuern. Das erlaubt eine weitaus brillantere und kontrastreichere Darstellung von Bildern, als es mit den bislang üblichen Displays möglich war.
Während die ersten Handys mit TFT-Farbmonitor noch vor wenigen Monaten maximal 256 Farben darstellen konnten, geben die neuesten Kamera-Handy-Displays 65536 Farben wieder. Zwar kann niemand so viele Farbnuancen unterscheiden, doch die Bilder wirken so klarer und realistischer. Der Nachteil der TFT-Displays: Sie sind teuer und verbrauchen relativ viel Strom. Daher müssen die Akkus häufiger nachgeladen werden als bei Handys mit herkömmlichen einfarbigen Bildschirmen. Um den Energiehunger der Mobiltelefone zu verringern, arbeiten die Display-Hersteller weltweit an der Entwicklung von Bildschirmen auf der Basis so genannter OLEDs (organischer lichtemittierender Dioden). Sie bestehen aus Polymeren, die beim Anlegen einer elektrischen Spannung hell und in unterschiedlichen Farben leuchten. Sie sind preisgünstig herzustellen und genügsam in ihrem Energiebedarf. Das bisher einzige Handy mit einem monochromen OLED-Display brachte Motorola vor gut zwei Jahren auf den Markt. Bis zum Sommer dieses Jahres will das japanische Unternehmen Sanyo ein Mobiltelefon herausbringen, das erstmals über einen mehrfarbigen OLED-Bildschirm verfügt – und mit einer integrierten Digitalkamera ausgestattet ist.
Bei der Qualität der Displays gibt es zwischen den einzelnen Kamera-Handys deutliche Unterschiede. So bietet der 35 mal 41 Millimeter große Bildschirm des Nokia 7650 eine Auflösung von 176 mal 208 Pixeln. Das Sony Ericsson T300 und das Siemens S55 – beides Geräte, an die sich eine externe Kamera anflanschen lässt – können dagegen nur mit einer Auflösung von 101 mal 80 Pixeln aufwarten. Die maximale Auflösung der aufgenommenen Bilder reicht bei keinem der aktuell angebotenen Foto-Handys über 640 mal 480 Pixel hinaus. Ein adäquater Ersatz für eine „richtige” Digitalkamera sind die Zwitter aus Handy und Fotoapparat daher bislang nicht. Zwar reicht die Qualität der Bilder aus, um sie per MMS (Multimedia Messaging Service, siehe „Buntes aus dem Handy”, bdw 8/2002) auf ein anderes Mobiltelefon zu senden – etwa als Urlaubsgruß vom Strand oder um einem Freund ein Porträt der neuen Flamme zu zeigen. Wenn man die Fotos auf einem Computer-Monitor betrachtet, erscheinen sie jedoch recht klein, oft unscharf und mit unnatürlichen Farben.
Wer die Schnappschüsse dennoch auf den Rechner schicken will, hat – je nach Handy – die Wahl zwischen einer Übertragung per Infrarot, Bluetooth oder Datenkabel. Einige Kamera-Handys bieten außerdem eine E-Mail-Funktion, mit der die digitalen Bildchen als E-Mail-Anhang via Internet verschickt werden können – etwa, um sie in einem virtuellen Fotoalbum im Web abzulegen. Der Speicher des Mobiltelefons ist bei den meisten Handys schon mit rund einem Dutzend Aufnahmen voll. Mehr Bilder bringt man nur unter, indem man die Pixelzahl verringert – und damit eine schlechtere Bildqualität in Kauf nimmt. Den Speicher zu erweitern ist bisher bei keinem Kamera-Handy möglich.
Mit einer Reihe von Extra-Funktionen buhlen die Handy-Hersteller um die potentiellen Käufer: Die digitalen Schnappschüsse lassen sich mit vorgegebenen Effekten verzieren oder verfremden, die Farben können nachträglich verändert werden, man kann unterschiedliche Kameraeinstellungen für verschiedene Umgebungsbedingungen wählen, ein Zoom erlaubt Tele- und Makroaufnahmen. Einige Geräte haben einen Selbstauslöser oder ein schwenkbares Display für Selbstporträts. Beim GD87 von Panasonic befindet sich unterhalb des Displays ein kleiner Spiegel: Wenn man sich in ihm sieht, ist man im Fokus der Kamera. Als bisher einziges Foto-Handy bietet das Siemens S55 ein Blitzlicht für Aufnahmen bei Nacht oder bei schummeriger Beleuchtung. Als Sucher dient in der Regel das Handy-Display.
Nicht nur die Gerätehersteller, sondern auch die Mobilfunk-Netzbetreiber und Provider erhoffen sich eine Menge von den bunten Bildchen auf dem Handy. Ihre Vision: Selber geknipste oder aus dem Internet auf das Telefon geladene Fotos werden künftig – zum Beispiel zusammen mit einem kurzen Text oder einer passenden Melodie – massenhaft als multimediale Grußbotschaften per MMS durch die Netze geschickt. Das füllt die Kassen, in die der Aufbau der UMTS-Netze große Löcher gerissen hat. Die beiden Marktführer in Deutschland, T-Mobile und Vodafone, versuchen eifrig, ihren Kunden die entsprechenden Angebote schmackhaft zu machen – mit dicken Subventionen für die Kamera-Handys. So schießt Vodafone seinen Vertragskunden beim Kauf eines Panasonic GD87 rund die Hälfte des Preises zu. Ob aber die Nutzer der schicken neuen Kamera-Handys den Netzbetreibern den Gefallen tun werden und ihre digitalen Schnappschüsse emsig und für teures Geld untereinander austauschen, bleibt abzuwarten. Denn immerhin schlägt das Versenden einer einzigen MMS je nach Anbieter und verschickter Datenmenge mit bis zu 1,29 Euro zu Buche.
Ralf Butscher





