Die rund 160 Kilometer nördlich von Luxor gelegenen Nekropole Abydos war eine der wichtigsten Totenstädte des alten Ägypten. Hier ließen sich vor rund 5000 Jahren die ersten Könige des geeinten Ägypten bestatten. Als Archäologen Anfang des 20. Jahrhunderts die meist aus mehreren Kammern bestehenden Grabanlagen freilegten, stießen sie neben den Königsgräbern auf hunderte weitere Tote, meist in einfachen Sarkophagen und jeweils eigenen kleinen Grabkammern.
In diesen „Nebengräbern“ fanden sich meist nur wenige Grabbeigaben – einfache Keramikgefäße, aber auch einige höherwertige Objekte wie Kupferutensilien, Feuersteinmesser, Elfenbeinkämme, Projektilspitzen oder kleine Elfenbeinfiguren. Inschriften auf einigen Sarkophagen legen nahe, dass diese Menschen zu Lebzeiten zum Hofstaat des Pharaos gehörten. Unter ihnen waren Beamte der mittleren und höheren Ebene, Kunsthandwerker und Hofdamen.

Grundrisse der Königsgräber der ersten Dynastie in Abydos. In den vielen kleinen Kammern wurden Angehörige des Hofstaats des jeweiligen Pharao bestattet. — © Roselyn Campbell / Frontiers in Environmental Archaeology, CC-by 4.0
Waren diese Toten Menschenopfer?
Doch wie kam es zu diesen massenhaften Beibestattungen? Schon der Archäologe Flinders Petrie, der in den 1920er Jahren viele dieser Nebengräber in Abydos ausgrub, sah in den Toten einen Beweis für Menschenopfer im alten Ägypten. „Bei dieser Opferung von Untergebenen wurden Personen aus dem engsten Umfeld eines Herrschers nach dessen Tod getötet“, berichtet Roselyn Campbell von der Purdue University in den USA. „Eine solche Tötung von Gefolgsleuten gab es in vielen Kulturen, weil man glaubte, dass die Opfer dem Herrscher im Jenseits weiter dienen würden.“
Gleichzeitig demonstrierten solche Menschenopfer von Personen aus dem Hofstaat die Bedeutung und Macht des verstorbenen Herrschers – und es galt vermutlich als Treuebeweis und große Ehre, seinem Herrn in den Tod zu folgen. „Manche dieser Menschen könnten sich freiwillig für den Tod entschieden haben, um ewiges Leben oder Ehre zu erlangen, während andere dazu ausgewählt oder sogar gezwungen wurden“, erklärt Campbell.
Spurensuche an 46 Schädeln
Allerdings ist bis heute strittig, ob auch unter den ersten Pharaonen Ägyptens solche Gefolgschaftstötungen üblich waren. Einige Ägyptologen vermuten, dass die Menschen in den Nebengräbern eines natürlichen Todes gestorben sind und erst nachträglich in die Grabanlage ihres Pharaos gebracht wurden. Tatsächlich wiesen die vor gut 100 Jahren in Abydos gefundenen Toten keine eindeutigen Verletzungen auf – so schien es damals jedenfalls. Andere Forscher halten es dagegen für unwahrscheinlich, dass hunderte Menschen zur gleichen Zeit und passend zum Tod des Pharaos gestorben sein sollen.
„Beide Seiten dieser Debatte haben sich bis heute erhalten, ohne dass die Toten noch einmal genauer untersucht wurden“, berichtet Campbell. Genau dies hat sie nun nachgeholt – zumindest für einige der noch verfügbaren Relikte. Für ihre Studie untersuchte sie 46 Schädel, die 1920 in den Grabanlagen der Pharaonen Djer, Djet und Merneith geborgen wurden. Sie werden heute in einer Sammlung der University of Cambridge aufbewahrt. Die restlichen Gebeine dieser Toten sind in den Gräbern geblieben und wurden wieder zugeschüttet.
Lineare Schädelbrüche sprechen für Gewalt
Die Analysen enthüllten: Entgegen früheren Annahmen zeigen viele Schädel der altägyptischen „Begleittoten“ schwere Verletzungen. Bei 18 der 46 Schädel entdeckte Campbell linienförmige Brüche des Schädelknochens. „Solche linearen Frakturen entstehen, wenn der Schädel von einem großen Objekt getroffen wird oder auf ihn fällt“, erklärt die Archäologin. „Dies ist nicht immer sofort tödlich, führt aber meist zu Bewusstlosigkeit, Hirnblutungen und unbehandelt zum Tod.“ Einige weitere Schädel zeigten auch Verletzungen durch scharfe Objekte.
Diese anatomischen Spuren sprechen für eine absichtliche Tötung dieser Menschen. Denn Kopfverletzungen durch Stürze oder andere Unfälle liegen meist an den Schädelseiten oder am Hinterkopf. Bei den altägyptischen Toten lagen die Brüche aber fast alle am Oberkopf – das sei sehr ungewöhnlich, so Campbell. Zudem hätte es bei einem Unfall auch Brüche und Verletzungen an den Skeletten geben müssen. Doch in den sehr ausführlichen Aufzeichnungen von Petrie finden sich darauf keine Hinweise.
Indiz für Menschenopfer?
Nach Ansicht der Forscherin stützen ihre neuen Befunde die Annahme, dass es im alten Ägypten Menschenopfer gab: Angehörige des königlichen Hofstaats wurden getötet, damit sie ihrem Pharao ins Jenseits folgen konnten. Einige Fragen bleiben aber weiterhin offen. So ist noch ungeklärt, warum nicht alle untersuchten Schädel aus den Nebengräbern Spuren der Gewaltanwendung zeigten. Wie Campbell erklärt, wäre es aber möglich, dass einige dieser Menschen durch Ersticken, Gift oder auf eine andere „spurlose“ Weise getötet wurden - durch Methoden, die keine Verletzungen an den Knochen hinterlassen.
„Dennoch zeigt diese Studie, wie viele neue Erkenntnisse wir über die Vergangenheit gewinnen können, wenn wir ältere Funde mithilfe moderner Methoden und neuer Erkenntnisse erneut untersuchen“, sagt Campbell.
Quelle: Roselyn Campbell (Purdue University, West Lafayette, Indiana), Frontiers in Environmental Archaeology, 2026; doi: 10.3389/fearc.2026.1858940





