Eine glatte Eins für die Vorlesung, ein miserables „ Ausreichend” für die Betreuung der Übungen: Professoren an Universitäten müssen seit ein paar Jahren damit leben, dass ihre Studenten über sie urteilen – anonym im Internet. Die Bewertungen kann jeder nachlesen, etwa auf den Seiten von meinprof.de – einer deutschen Website, die 2005 online ging. Anhand von sieben vorgegebenen Kriterien wie „Fairness”, „Verständlichkeit” und „ Spaß” sowie durch einen frei formulierbaren Text können Studenten dort Urteile über ihre Lehrer fällen. Auch Verwaltung und Ausstattung der Hochschule lassen sich benoten. Studienanfänger und Kommilitonen bekommen so Tipps für die Wahl einer Universität oder für den Besuch von Lehrveranstaltungen. Bis Mitte Juli wurden über 300 000 Bewertungen abgeben.
Auch bei Schülern ist der Wunsch groß, ihre Lehrer zu zensieren: Auf der im Januar 2007 gestarteten Website spickmich.de haben sich bisher rund 800 000 Schüler registrieren lassen, die 350 000 Lehrer unter folgenden Aspekten bewerten: „ guter Unterricht”, „motiviert”, „fachlich kompetent”, „faire Noten”, „faire Prüfungen”, „menschlich”, „gut vorbereitet”, „ vorbildliches Auftreten” und „beliebt”. Ab der fünften Klasse können sich Schüler anmelden und Noten vergeben.
Überall im Internet ist es mittlerweile üblich, dass Nutzer subjektive Bewertungen abgeben und der Web-Gemeinde zugänglich machen. Akribisch werden Unternehmen, Dienstleistungen, Hotels und Händler beurteilt, verglichen und diskutiert. Es gibt fast nichts, zu dem nicht ein Meinungsforum existiert, in dem sich die Webnutzer austauschen und auslassen. Doch je mehr Möglichkeiten zur Meinungsäußerung das Internet bietet, umso mehr drängen sich entscheidende Fragen auf: Was ist erlaubt und wo beginnt der Eingriff ins Privatleben? Wann wird die Bewertung zur Beleidigung und Denunziation? Dürfen Namen genannt werden? Welche Konsequenzen haben schlechte Kritiken? Und: Kann man sich darauf verlassen, dass angekreidete Mängel zutreffen?
Die Zensurenseite spickmich.de geriet schon kurz nach ihrer Eröffnung ins Kreuzfeuer: Mehrere Lehrer klagten gegen die Betreiber, weil sie sich in ihrer Privatsphäre beeinträchtigt fühlten. Es folgte ein turbulentes Jahr: Die Macher des Webportals wurden mit Beschimpfungen, Drohungen und Unterlassungsklagen überhäuft. Doch nach einem Urteil des Land- und Oberlandesgerichts Köln vom Januar 2008 ist die Bewertung, die Schüler den eigenen Lehrern geben, rechtlich zulässig. Dabei handle es sich nicht um diffamierende Schmähkritik, argumentierten die Kölner Richter unter Vorsitz von Axel Jährig. Sie urteilten, dass die Zensuren im Web vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sind. „Ein Unterlassungsanspruch ergibt sich weder unter dem Gesichtspunkt einer Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts noch wegen Verletzung datenschutzrechtlicher Bestimmungen”, steht in der Urteilsbegründung. Dem schloss sich das Landgericht Duisburg an und lehnte im April die Klage einer Realschullehrerin ebenfalls ab.
DIE MEINUNGSFREIHEIT HAT GESIEGT
Ähnliche juristische Reibereien hatte es zuvor schon um die Bewertungsseite für Professoren und Universitäten meinprof.de gegeben. Auch hier siegte die Meinungsfreiheit über das Persönlichkeitsrecht: In zweiter Instanz entschied das Landesgericht Berlin, dass sich Hochschuldozenten wegen ihrer herausgehobenen Funktion öffentlicher Kritik stellen müssten.
Die Idee, die Website spickmich.de zu gründen, kam den drei ehemaligen Kölner BWL-Studenten Manuel Weisbrod, Phillip Weidenhiller und Tino Keller während ihres Studiums. Gegen Ende eines Semesters ist es an vielen Universitäten üblich, dass die Professoren Fragebögen austeilen, auf denen man ihre Seminare beurteilen kann. Das Feedback soll den Hochschullehrern helfen, ihren Unterricht zu verbessern.
An den Schulen hängt es dagegen von den Lehrern ab, ob sie sich für Rückmeldungen der Schüler interessieren. Dass viele Schüler Bedarf an Feedback haben, ist an der regen Nutzung der Website zu erkennen – und an deren Pflege: Kurz nach dem Start des Benotungsportals konnten die Pennäler ihre Lehrer noch unter „ sexy” bewerten. Doch die Kritik von Schülern führte zur Abschaffung dieses Bewertungsmaßstabs. „Die Schüler sahen ihn als nicht repräsentativ an”, berichtet Bernd Dicks, bei Spickmich zuständig für Kommunikation. Auch bösartige und ungerechte Äußerungen über Lehrer meldeten aufmerksame Schüler den Machern der Webseiten. Inzwischen werden Zitate und Bewertungen erst freigeschaltet, nachdem Mitarbeiter sie geprüft haben. Das soll unfaire „Frustnoten” vermeiden. Eine Durchschnittsnote für einen Lehrer erscheint ohnehin erst dann, wenn mindestens fünf Schüler ihn derart beurteilt haben.
Dass das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern meist gut ist, belegt die Statistik: Rund 65 Prozent der auf Spickmich bewerteten Lehrer können sich über sehr gute oder gute Schulnoten freuen. „Wir wollen die Lehrer keinesfalls an den Pranger stellen” , sagt Dicks. So gibt es auch ein Ranking der zehn besten Lehrer. „Viele Pädagogen betrachten ihre Benotung als Ansporn”, weiß Dicks. So motivierte einen Physiklehrer sein mäßiges Image auf spickmich.de dazu, die Bewertung zu hinterfragen. Er ließ seine Schüler Kritik und Vorschläge für seinen Unterricht anonym auf Zettel notieren und versuchte, alles umzusetzen. Die Direktorin einer anderen Schule richtete mehr Sprechstunden ein, nachdem Schüler ihr mangelnde Gesprächsbereitschaft vorgeworfen hatten. Rasch verwandelte sich ihre durchschnittliche in eine sehr gute Note. ■
von Sandra Murr
Internet
Homepages der Bewertungsseiten: www.meinprof.de www.spickmich.de
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Bernd Dicks Lehrer Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, € 5,–





