Von Juliette Irmer
Die Menopause ist eine biologische Rarität, die Wissenschaftler seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet. Nach heutigem Wissensstand durchlaufen nur sechs von rund 6.000 Säugetierarten das Klimakterium und leben danach noch Jahrzehnte weiter: der Mensch und fünf Zahnwale. Die überwiegende Mehrheit der Tiere pflanzt sich bis zu ihrem Tod fort, um die Chancen zu maximieren, ihre Gene an die nächste Generation weiterzugeben – ein evolutionäres Prinzip.
Die Frage lautet also: Wie und warum hat sich die Menopause entwickelt? Wissenschaftler der Universitäten von Exeter und York sowie dem Whale Research Zentrum haben sich auf die Suche nach einer Antwort begeben. Ihre Ergebnisse, die im renommierten Fachjournal Nature veröffentlicht wurden, sind Teil der jahrzehntelangen Bemühungen, das evolutionäre Rätsel zu lösen.
Frühere Forschungen hatten sich meist auf einzelne Arten konzentriert, in der Regel auf Menschen oder Schwertwale, auch Orcas genannt. Die Studie ist nun die erste, die alle Walarten umfasst, die in die Menopause kommen: Narwale und Belugas, Kurzflossen-Grindwale, Falsche Schwertwale und Orcas. Alle fünf Arten gehören zu den Zahnwalen, dem einzigen Säugetiertaxon, bei dem sich die Menopause mehrmals entwickelt hat. Das bot den Biologen die Gelegenheit, die Theorien zur Entwicklung der Menopause in einem vergleichenden Kontext zu untersuchen.
Live long oder Stop early?
Beim Menschen wurden zwei Wege für die Entwicklung der Menopause vorgeschlagen: erstens die Live-long-Hypothese und zweitens die Stop-early-Hypothese. Die erste Theorie geht davon aus, dass sich die Menopause durch eine Verlängerung der Gesamtlebensspanne entwickelte und die reproduktive Phase konstant blieb. Alternativ könnte sich die Menopause durch eine Verkürzung der Fortpflanzungsphase entwickelt haben, während die Lebensdauer sich nicht veränderte.
Die Forscher verglichen die Lebensspanne von 32 Walarten und fanden heraus, dass die Weibchen der fünf „menopausalen“ Arten rund vier Jahrzehnte länger leben als andere Zahnwale, ein klarer Beleg für die Live-long-Hypothese. Die Weibchen überleben im Übrigen auch die Männchen ihrer eigenen Art. So werden beispielsweise weibliche Orcas um die 80 Jahre alt, während die Männchen in der Regel mit rund 40 Jahren sterben.
„Wir sehen die gleichen Muster in menschlichen Gesellschaften, wo Frauen sich ähnlich lange fortpflanzen wie unsere nächsten Verwandten, die Primaten, aber eine viel längere Gesamtlebensdauer haben“, erklärt der Hauptautor Sam Ellis von der Universität von Exeter. So leben Frauen rund 40 Prozent ihres Erwachsenenlebens postreproduktiv, heißt, sie pflanzen sich in dieser Phase nicht mehr fort. Das steht in krassem Gegensatz zu weiblichen Schimpansen, die sich nur rund zwei Prozent ihres Erwachsenenlebens nicht mehr fortpflanzen.
Bleibt die Frage nach dem „Warum“. Die Seltenheit der Menopause macht klar, dass ihre Entstehung und
damit einhergehend eine längere Lebensdauer an bestimmte Bedingungen geknüpft sein muss.
Die erfahrene Anführerin
Studien haben gezeigt, dass ältere Orca-Weibchen eine besondere Rolle übernehmen: Sie leiten die Familiengruppe, die aus ihren Söhnen und Töchtern sowie dem von den Töchtern geborenen Nachwuchs besteht. Orca-Matriarchinnen sind etwa besonders erfahren darin, Chinook-Lachse aufzustöbern, die Lieblingsspeise der nordpazifischen Orcas. Oder sie lehren im Nordatlantik ihre Familie, wie man ein „Heringskarussell“ bildet und die Fische so einkreist, dass sie nicht mehr entkommen können. Orcagruppen haben unterschiedliche individuelle „Kulturen“. Diese als Gemeinschaft zu leben und zu erhalten ist eine komplexe Aufgabe, die über einzelne Mutter-Kind-Bindungen hinaus und über Generationen hinweg geht: Die gemeinsame Sprache, besondere Nahrungsvorlieben, spezielle Jagdmethoden und andere spezifische Verhaltensweisen geben die (Groß-)mütter an ihre Kinder und Enkel weiter. Dass sie keine eigenen Kälber mehr säugen müssen, gibt ihnen wohl die Zeit und Kraft dafür. Solange die Matriarchin lebt, trennt sich die Orcafamilie normalerweise nicht und es kommen keine fremden Mitglieder dazu – nur zur Paarung
suchen sich die Jüngeren kurz Artgenossen anderer Gruppen. So investiert die Matriarchin durch ihr dauerhaftes Kümmern in die Überlebenschancen ihrer direkten Nachkommen und Enkel – und damit ihrer Gene.
Die neuen Studienergebnisse zeigen, dass Wale und Menschen – obwohl sie 90 Millionen Jahre Evolution trennen – bemerkenswert ähnliche Lebensgeschichten aufweisen. Den Forschern zufolge ist es plausibel, anzunehmen, dass auch beim Menschen der gleiche Selektionsvorteil dazu führte, dass sich die Menopause entwickelte: hilfreiche Großmütter. //





