Noch vor einigen Jahren war Plastik ein Außenseiter im Mantel der Flugzeuge. Heute setzen jedoch große wie kleine Flugzeugbauer auf den neuen Werkstoff. “Nicht zweieinhalb, sondern fünf bis zehn Tonnen Kunststoff sollen im nächsten Airbus-Flugzeug verwendet werden”, korrigiert Peter Radden vom Kunststoffhersteller Ticona in Kelsterbach die bisherigen Planungen. 500 bis 850 Reisende sollen in der neuen Maschine transportiert werden können.
Auch Boeing kündigt an, die Grundstruktur von Flügeln und Rumpf des nächsten Flugzeugs hauptsächlich aus Kunststoff fertigen zu wollen. 2008 soll diese Maschine dann startklar sein.
Kleine Flugmaschinen baut das österreichische Unternehmen Diamond Air Technologies in der Wiener Neustadt schon heute ausschließlich ohne Metall in der Außenhülle. “Alle unsere Flugzeuge werden zu 100 Prozent aus Plastik im Verbund mit Glas- oder Kohlefasern gefertigt”, berichtet der technische Geschäftsführer, Christian Trieb. Die Fasern geben dem Plastik die nötige Festigkeit.
Für den Mai erwartet Diamond Air Technologies das Zertifikat für einen neuen Viersitzer aus dem Kunststoff-Fasermix. Den Jungfernflug zu Testzwecken hat das Flugzeug bereits hinter sich. Das Modell wiegt mit etwa einer Tonne weniger als mancher Pkw.
Bei den kleinen Maschinen bestimmt jedoch nicht nur das Gewicht die Wahl des Materials. Trieb nennt weitere Vorteile: “Wir können die Flugzeuge aus einem Guss bauen und ihnen dadurch eine beliebige Form verleihen. Dadurch erreichen wir eine vollkommen glatte Oberfläche. Das senkt den Spritverbrauch.
Die Kunststoffe können jedoch das Aluminium bei großen Passagiermaschinen nicht auf einen Schlag ersetzten. Dort vollzieht sich der Wandel eher Schritt für Schritt. Begonnen hat die Kunststoff-Ära bei den großen Flugzeugen vor einigen Jahren eher durch einen Zufall: Das Seitenruder eines DASA-Flugzeugs war zu klein und sollte nachträglich vergrößert werden. Aus der Not kam die Premiere für das neue Material. Plastik in Verbindung mit Glas- oder Kohlefasern formte zum ersten Mal die Nasenrippen für das Seitenruder bei einer großen Passagiermaschine.
Mittlerweile werden verschiedene Kunststoff-Verbundmaterialien für Flugzeuge angeboten. Ein solches Material stellt auch das Unternehmen Ticona her. Die Kunststoffmischung der Firma ist ein Fünftel leichter als Aluminium und darüber hinaus fester und robuster. So wird der Kunststoffmix durch Eis in der Luft nicht angegriffen, während Metall rostet. Und wo Aluminium beim Zusammenstoß mit einem Vogel Dellen bekommt, bleibt der faserverstärkte Kunststoff heil.
Die Eigenschaften sprechen für den Plastik-Faser-Mix. “Doch die erforderlichen Tests sind langwierig, weil die Sicherheit vorgeht”, meint Peter Radden gegenüber ddp. Trotzdem werden bereits heute riesige Bauteile aus faserverstärktem Kunststoff für den Flugzeugbau geliefert und vor Ort miteinander verschweißt. Bei herkömmlichen Aluminiumplatten müssen die Teile dagegen aufwendig vernietet werden.
Boeing kündigt an, für den neuen Flugzeugtyp große Bauteile aus Europa liefern lassen zu wollen und dazu eigens ein Flugzeugshuttle zu entwerfen. Eins der Unternehmen, mit dem der Flugzeughersteller in Kontakt steht, ist Ticona.
Im kommenden Airbus-Modell sollen 20 Prozent Verbundwerkstoff von Ticona verarbeitet werden. Das eingesparte Gewicht entspricht dem von 150 Passagieren mit Gepäck. “Das ist jedoch noch ausbaufähig. Unser Ziel sind 40 Prozent”, kündigt Peter Radden von Ticona an. Tragende Teile wie die Flügel der großen Flugzeuge ließen sich jedoch auf absehbare Zeit noch nicht komplett aus Kunststoffmischungen bauen.





