Formaler Auslöser für die Entscheidung, das Projekt zu beenden, war eine Mitteilung der Deutschen Telekom AG, daß die Set-Top-Box “nicht abnahmefähig” sei. Telekom-Sprecher Wilfried Seibel: “Der Fertigstellungstermin wurde bereits mehrmals verlängert – ohne Erfolg.”
Die Set-Top-Box am Fernseher wandelt die komprimierten digitalen Bild- und Textinformationen in analoge Signale zurück. Über die Set-Top-Box kann der Nutzer mit einer Fernbedienung Rückmeldungen zum Anbieter senden und zum Beispiel durch einen Warenkatalog blättern oder wie bei einem Videorecorder Filme vor- und zurückspulen.
Die Stuttgarter Telekommunikationsschmiede Alcatel-SEL, Führer eines Konsortiums bestehend aus Hewlett-Packard, Bosch-ANT und Telekom – und gemeinsam mit Sony für die Entwicklung der Set-Top-Box verantwortlich – dementierte die Vorwürfe. Unternehmenssprecher Dr. Theo Wichers räumte zwar Verzögerungen ein, jedoch habe der technisch aufwendige und bisher einzigartige Decoder bereits wenige Tage nach dem verkündeten Stopp des Versuchs einwandfrei funktioniert.
Nicht nur in Stuttgart, auch in anderen Regionen, die ein Multimedia-Projekt planen, hat sich die Telekom als Bremser entpuppt. Zum Beispiel in München und Nürnberg: Das geplante Projekt DVB/Multimedia-Bayern hinkt dem ursprünglichen Zeitplan um ein Jahr hinterher (DVB: Digital Video Broadcasting). 4000 Haushalte und Firmen in München und Nürnberg sollen mit Teleshopping, Telespielen, lokalen Informationsdiensten und Zeitungen versorgt werden. (Verbreitung läuft über das Breitbandkabel der Telekom, der Rückkanal zunächst über die Telefonleitung, Versuchsdauer: 2 Jahre
Gerade im bayerischen Versuch wittert die Telekom Gefahr: Die dort favorisierte Set-Top-Box ist eine Weiterentwicklung der sogenannten Kirch-Box, die Medien-Tycoon Leo Kirch seit letztem Sommer mit seinen digitalen Fernsehprogrammen DF1 vertreibt. Würde sich die Kirch-Box durchsetzen, wäre der Telekom der Zugriff auf das lukrative Anbieter-Geschäft verwehrt.
Mit der technischen Verbreitung ist allerdings noch lange nicht die Akzeptanz gesichert. Auch wenn das Stuttgarter Projekt schon vor dem Start gescheitert ist, so hat es immerhin gezeigt, daß die Nutzer vor ihren Fernsehgeräten keineswegs gierig nach Videos auf Abruf, elektronischen Warenhäuser und interaktiven Schulen sind. Ging man in der baden-württembergischen Landeshauptstadt vor zwei Jahren noch von 4000 Haushalten aus, waren es Anfang 1996 dann tatsächlich nur 1600 Teilnahmewillige. Zum Schluß sollten in der ersten Phase lediglich 100 Haushalte ans Netz gehen.





