Tektonisch gesehen ist der gesamte Mittelmeerraum ein Flickenteppich: Die Nordwanderung Afrikas hat die Plattengrenze zu Eurasien in unzählige Fragmente zerbrochen. Im Laufe dieser Kollision wurden auch Überreste alter Mikrokontinente und ozeanische Krustenstücke in die Tiefe gedrückt. Bis heute sorgen die Verschiebungen dieser Plattenstücke für wiederkehrende Erdbeben und aktive Vulkane in der Mittelmeerregion.
Rätsel um den Apennin und seine Beben
Dies gilt auch für Italien: Dort erstreckt sich der rund 1200 Kilometer lange Gebirgszug des Apennin einmal längs durch den „Stiefel“. Dieses Gebirge entstand, als die ozeanische Kruste des urzeitlichen Tethysmeeres unter einen nach Süden ragenden Vorsprung der europäischen Landmasse gedrückt wurde. Wie für eine solche Subduktionszone typisch, wird dabei die oben liegende Kruste an ihrer Vorderseite gestaucht und angehoben – dies schuf den Apennin. Dahinter dünnt die Kruste jedoch aus und kann Senken und Brüche bilden.
Diese Subduktion und ihre Folgeerscheinungen galten bislang als Hauptursache für die häufig auftretenden Erdbeben im Umfeld der Apenninen. Doch einige Phänomene in dieser Region passen nicht ins Bild und ließen sich mit gängigen tektonischen Modellen nicht erklären. Ein Team um Stefano Tavani von der Universität Florenz hat deshalb noch einmal Daten zu seismischer Aktivität und Untergrundbewegungen rund um die Apenninen ausgewertet und mit tektonischen Modellen abgeglichen.
Abschälung auf breiter Front
Dabei zeigte sich: Unter dem Apennin versinkt die urzeitliche Tethysplatte nicht als Ganzes im Erdmantel, sondern sie wird aufgespalten. Dabei löst sich die untere, dichteste Schicht der Erdkruste vom Rest – sie wird abgeschält wie mit einem Hobel. „Diese Delaminationsfront erzeugt eine abrupte geometrische und mechanische Diskontinuität“, berichten die Geologen. Die abgelöste Kruste sinkt zusammen mit dem zum Erdmantel gehörenden Rest der festen Lithosphäre in die Tiefe.
Die oberen Krustenschichten bleiben bei dieser Abschälung dagegen in Oberflächennähe, weil sie ohnehin weniger dicht sind und nun nicht mehr durch die abtauchenden Plattenanteile mit hinuntergezogen werden. Dadurch bekommt der obere Krustenteil mehr Auftrieb. „Dies erzeugt eine lokale, nach oben gerichtete isostatische Kraft, die das Hinterland der Delaminationsfront anhebt“, beschreiben Tavani und sein Team den Effekt. Vor dieser Front senkt sich die Oberfläche dagegen ab, weil sie vom Gewicht der noch intakten subduzierten Erdplatte nach unten gezogen wird.

Schema der tektonisch-geologischen Prozesse: Unter dem Apennin schält sich die untere Erdkruste vom oberen Teil ab. Dies bewirkt gegensätzliche Untergrundbewegungen vor und hinter dieser Delaminationsfront. — © Tavani et al./ Communications Earth & Environment, CC-by 4.0
Motor für die seismische Aktivität
Dieser unterirdische Plattenhobel erklärt die sich widersprechenden Oberflächenbewegungen im Umfeld der Apenninen – und die vielen Erdbeben entlang dieses „Rückgrats“ Italiens. „Die Geometrie dieser Vorgänge spiegelt sich in der Verteilung der seismischen Aktivität wider“, erklären Tavani und seine Kollegen. Nordöstlich der Delaminationsfront – vor dem Abschälen der Kruste – häufen sich durch Stauchung erzeugte Beben. Südwestlich der Frint dominieren dagegen Dehnungsbeben.
Nach Ansicht der Geologen legen ihre Resultate damit nahe, dass die Erdbeben entlang des Apennins nicht allein durch die Subduktion verursacht werden, sondern vorwiegend durch die Abschälung der unteren Erdkruste. „Die Delamination der unteren Kruste ist gegenwärtig der primäre geodynamische Antrieb für die Tektonik und Seismizität des Apennins“, konstatieren sie. Wie sie ermittelten, ist dieser Prozess zudem nicht ortsfest, sondern bewegt sich: Die Delamination schreitet in Richtung Adriaküste voran.
Quelle: Stefano Tavani (Università degli Studi di Firenze, Florenz) et al., Communications Earth & Environment, 2026; doi: 10.1038/s43247-026-04021-w





