Wurminfektionen sind weltweit verbreitet. Medikamente für betroffene Menschen gibt es nur wenige, da sich die Pharmaindustrie in diesem Bereich wenig Gewinne verspricht. Doch nun gibt es neue Hoffnung.
von MARTINA KELLER
Ibrahim Said kennt die Diagnose gut: Wurminfektion. Der Arzt arbeitet in der Chake-Chake-Klinik auf der tansanischen Insel Pemba, vor der Ostküste Afrikas im Indischen Ozean. Er erlebt, dass Schwangere untergewichtige Babys bekommen. Manche seiner Patienten leiden abwechselnd an Durchfällen und Verstopfung, entwickeln Anämien. Er sieht Kinder mit geschwollenen Bäuchen, die in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung zurückgeblieben sind. In seltenen Fällen werden ihm Menschen gebracht, bei denen die schiere Masse der Würmer einen Darmverschluss verursacht hat. Dann hilft nur noch eine Notoperation.
In der Regel bekommt der Arzt Infizierte aber gar nicht zu sehen, denn das Tückische am Wurmbefall ist: Meist verursacht er wenige und eher unspezifische Beschwerden. Die Menschen fühlen sich abgeschlagen und energielos, sind weniger leistungsfähig – aber sie kennen es nicht anders und nehmen es hin. Todesfälle sind selten, anders als etwa bei Malaria. Auch deshalb zählen Wurminfektionen zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten.
Würmer, die Menschen befallen, gibt es überall auf der Welt, aber in Ländern des Südens sind sie besonders verbreitet. Manche werden über den Boden übertragen, andere durch Süßwasserlarven oder infizierte Kriebelmücken. Wurminfektionen stehen auf der Liste der Weltgesundheitsorganisation für vernachlässigte Tropenkrankheiten neben Viruserkrankungen wie Tollwut und Denguefieber oder bakteriellen Infektionen wie Lepra oder Schlangenbissen.
Was diese Krankheiten alle gemeinsam haben: Vornehmlich Menschen in armen, weniger entwickelten Ländern sind betroffen. Und obwohl weltweit Milliarden von Patienten leiden, bekommen sie wenig Aufmerksamkeit. Es fehlt an Ressourcen für Therapien, Impfstoffe und die Forschung an neuen Wirksubstanzen.
„Wir verwenden seit Jahrzehnten die gleichen Medikamente“, sagt der Arzt Ibrahim Said. Albendazol und Mebendazol heißen die Mittel, die bei den halbjährlichen Massenbehandlungen auf Pemba an Schulen und in Dörfern verabreicht werden. Albendazol ist ein starkes Breitband-Wurmmittel, das gut ins Blut aufgenommen wird und gegen viele Würmer hilft, die in andere Organe wandern. Mebendazol bleibt weitgehend im Magen-Darm-Trakt und tötet dort Darmparasiten. Beide Mittel zerstören die Zellstruktur der Würmer, ohne Transportbahnen können die Tiere keine Nährstoffe mehr aufnehmen, ihnen geht die Energie aus und sie sterben ab.
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In der Veterinärmedizin sind jedoch seit langem Resistenzen gegen die beiden Mittel nachgewiesen. Neuere Studien lassen vermuten, dass diese Gefahr auch beim Menschen droht. Und gegen eine Gattung richten beide Mittel kaum etwas aus: Trichuris trichiura, den Peitschenwurm, mit dem weltweit rund 500 Millionen Menschen infiziert sind. Schon im Labor reagiert der Peitschenwurm nur schlecht auf die bisherigen Mittel. Zudem verhakt er sich mit seinem Kopfteil tief in die Schleimhaut des Dick- und Blinddarms, sodass ihn die Wirkstoffe dort auch kaum erreichen.
Doch nun gibt es Hoffnung. Auf Pemba wird seit November 2025 in der entscheidenden Studie für die Zulassung als Medikament der Wirkstoff Emodepsid erprobt. Eine identische Studie beginnt im Herbst 2026 auf der philippinischen Insel Siargao. Wenn die US-Arzneimittelbehörde FDA die Daten beider Studien als überzeugend bewertet und die Zulassung erteilt, wird Emodepsid das erste neue Medikament gegen Wurminfektionen seit mehr als 40 Jahren. Und das erste, das den Peitschenwurm wirksam bekämpft. Für dieses große Ziel hat Ibrahim Said ein Jahr lang die Rolle des Arztes gegen die des Forschers getauscht.
Auftakt zur Zulassungsstudie
Als Mitverantwortlicher der Zulassungsstudie wurde er 2025 von seiner Arbeit an der Chake-Chake-Klinik in Pembas Hauptort freigestellt. Im August saß er in einem Seminarraum des Public Health Laboratory von Chake Chake, als Teil eines 30-köpfigen Teams aus Ärzten, Pharmazeuten, Fieldworkern, die auf den Dörfern helfen, sowie Fachleuten für das Labor. Für die Männer und Frauen war es ein großer Moment: der Auftakt der sogenannten Site Initiation Study, einer Art Generalprobe für die eigentliche Studie.
Auch Jennifer Keiser war angereist, die Wurmforscherin ist Abteilungsleiterin am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut Swiss TPH und Dozentin an der Universität Basel. Sie leitet die Studie zu Emodepsid auf Pemba, wo sie unter anderem seit fast 15 Jahren forscht. Und nun stand der Höhepunkt bevor. „Es ist ein wichtiger Schritt in der Entwicklung von Emodepsid zum Medikament, und ihr seid Teil davon“, sagte Keiser zum Team. „Ihr könnt stolz darauf sein.“
Ein Besuch am Swiss TPH in Allschwil bei Basel ein halbes Jahr zuvor. Keiser führt durch ihre Abteilung. Der moderne Labortrakt liegt direkt gegenüber dem Großraumbüro mit Schreibtischen und Besprechungsinseln für ihr Team. Und dann ist da noch die Tierhaltung im Keller. Dort leben die wichtigsten Protagonisten für ihre Forschung: Nagetiere, infiziert mit den Parasiten, die auch Menschen befallen – so etwas besitzen nur drei, vier andere Institute weltweit, sagt Keiser.
In den Laboren des Swiss TPH nahm die Geschichte von Emodepsid als Helfer für die Menschen auf Pemba ihren Anfang. Unter dem Markennamen Profender ist Emodepsid bereits seit 2005 für die Entwurmung von Hunden und Katzen zugelassen. Hersteller von Profender war der Bayer-Konzern, inzwischen wird das Mittel von einer anderen Firma vertrieben. Der Wirkstoff Emodepsid blockiert bei vielen Wurmarten die Signalübertragung in den Nerven und Muskeln, was zur Lähmung der Parasiten führt. Sie können sich nicht mehr bewegen, können nicht mehr fressen und sterben.
Der Gedanke, dass Emodepsid auch von Würmern befallenen Menschen helfen könnte, lag nahe. In der für Pharmafirmen wenig lukrativen Tropenmedizin werden häufig Wirkstoffe erprobt, die sich in der Tiermedizin bereits bewährt haben. Auch die bisherigen Antiwurmmittel Albendazol und Mebendazol stammen aus der Veterinärmedizin. Diese Strategie spart Geld, weil wichtige Vorarbeiten schon geleistet sind. Doch der Schritt in die Humanmedizin bleibt groß.
Gemeinnützige Initiative legt die Basis
Die Chance für die Forscherin Keiser kam durch ein Projekt der von „Ärzte ohne Grenzen“ mitgegründeten Initiative Drugs for Neglected Diseases: Die DNDi begann 2014 in Kooperation mit Bayer, Emodepsid als Mittel gegen die Flussblindheit (Onchozerkose) zu untersuchen. Die Krankheit wird von dem Fadenwurm Onchocerca volvulus ausgelöst und durch Bisse infizierter Kriebelmücken übertragen. Die Würmer nisten sich im Unterhautgewebe des Menschen ein, Folgen sind Juckreiz und Gewebeveränderungen. Ein Weibchen setzt täglich Tausende Larven frei, die durch den Körper bis in die Augen wandern. Dort lösen sie Entzündungen aus, die Betroffene mit der Zeit erblinden lassen.
Das bisher gegen Onchocerca volvulus am besten wirksame Wurmmittel Ivermectin tötet die Larven, aber nicht die ausgewachsenen Würmer, sodass diese immer weiter Nachwuchs produzieren. Die Behandlung muss daher wiederholt werden, um den Wurmbefall im Zaum zu halten. Emodepsid, das auch die Würmer selbst attackiert, verspricht bessere Erfolge. Nachdem die ersten Sicherheitstests an gesunden Probanden positiv verlaufen waren, starteten die DNDi-Forscher weitere Onchozerkose-Studien mit Emodepsid, in Ghana und der Demokratischen Republik Kongo, in West- und Zentralafrika. Bis zur Zulassungsstudie dauert es aber noch. Im Unterhautgewebe eingenistete Würmer zu töten ist komplex und langwierig, ebenso wie der Nachweis, dass sie wirklich tot sind.
Der erfolgreiche Sicherheitscheck des Wirkstoffs durch die DNDi-Forscher ebnete aber auch für Jennifer Keiser den Weg für weitere Forschungen. Sie testete den Wirkstoff zuerst an ihren mit den menschlichen Parasiten infizierten Nagetieren. Das Resultat sei „ein Durchbruch“ gewesen, sagt sie. Bereits in niedriger Dosierung zeigte Emodepsid eine Wirksamkeit bei den Würmern, wie die Forscherin sie bei bisherigen Substanzen selbst in hoher Dosierung nie beobachtet habe. „Uns war in dem Moment schon klar, dass das ein neues Medikament für diese Krankheiten werden kann.“
Forschungen in Pemba
Nach den Laborversuchen in der Schweiz begann die Forscherin auf Pemba mit der Phase der klinischen Erprobung am Menschen. Dazu nutzte sie die Emodepsid-Tabletten, die Bayer zwischenzeitlich für die Untersuchungen zur Flussblindheit entwickelt hatte.
An den zwei von ihr konzipierten Studien auf Pemba nahmen insgesamt mehr als 700 Patienten teil. In dieser Phase der Medikamentenentwicklung geht es darum, Informationen zu Verträglichkeit, Dosierung und Wirksamkeit einer Substanz zu sammeln. Die erste Studie untersuchte die Wirksamkeit von Emodepsid in verschiedenen Dosierungen gegen Peitschen- und Hakenwurm im Vergleich mit einem Scheinmedikament und dem Standardmittel Albendazol. „Ich weiß noch, dass mein Doktorand mir gesagt hat: Wir finden kaum Eier beim Follow-up“, erinnert sich Keiser. Noch verbat sie sich jede Euphorie: „Ich dachte bei mir: Super. Aber ich möchte erst die genauen Daten sehen.“ Die zweite Studie verglich die Wirksamkeit von Emodepsid in höherer Dosierung mit der von Albendazol gegen den Hakenwurm.
2023 und 2024 war es so weit: Keiser veröffentlichte die Resultate der Studien in zwei renommierten medizinischen Fachzeitschriften. Emodepsid in einer Dosierung von 30 Milligramm erwies sich gegen den Hakenwurm als dem Standardmittel Albendazol überlegen. Zudem erzielte die Substanz, in der ersten Studie schon ab 15 Milligramm, eine Wirksamkeit gegen den Peitschenwurm, wie man sie noch nie gesehen habe, so Keiser: „Heilungsraten 100 Prozent, Eilast-Reduzierung 100 Prozent.“ Keiser machte weiter.
Emodepsid mit Breitbandwirkung
Im Jahr 2025 erschien das Ergebnis einer in Laos ebenfalls unter Federführung von Swiss TPH durchgeführten Studie zur Wirkung von Emodepsid beim Zwergfadenwurm (Strongyloides stercoralis). Die Larven des Zwergfadenwurms dringen meist beim Barfußlaufen in den Körper ein und wandern von der Haut in die Lunge und dann in den Magen-Darm-Trakt, im Darm reifen sie zu Würmern heran. Die Studie zeigte: Emodepsid bekämpft diesen Spulwurm ähnlich effektiv wie das Standardpräparat Ivermectin. Wieder hatte Emodepsid überzeugt: „Es wirkt gegen mindestens drei Würmer“, sagt Keiser, „ein neues Breitband-Antiwurmmittel.“
Und die Nebenwirkungen? Vornehmlich bei einer höheren Dosierung von 30 Milligramm wurden mitunter Kopfschmerzen, Schwindel oder Sehstörungen dokumentiert, die aber spätestens nach einigen Stunden wieder abklangen. Ins Krankenhaus musste niemand. Sicherheitsbedenken lassen sich daraus nicht ableiten. Doch für die Akzeptanz eines möglichen Medikaments könnten die Befindlichkeitsstörungen bedeutsam sein, sagt Tropenmediziner Michael Ramharter vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, weil sie den Menschen vielleicht Angst machen. Um das Vertrauen in sein Gesundheitssystem nicht zu belasten, müsse sich daher jedes Land fragen: „Wie gut wird dieses Medikament akzeptiert, wenn wir es in der Massentherapie einsetzen?“ Und dann seine Entscheidung treffen.
Die Menschen für die Studie gewinnen
Auch auf Pemba wissen die Studienverantwortlichen, wie wichtig es ist, die Bevölkerung zu überzeugen. Deshalb gehören mehrere einheimische „Fieldworker“ zum Studienteam, Männer wie Amour Khamis, der in Dörfern und Schulen über Wurminfektionen und andere Leiden aufklärt und von Haus zu Haus geht, um Medikamente zu verteilen. Manche Menschen wollten von Therapien gegen die Würmer nichts wissen, sagt Amour Khamis. Sie würden sagen, das sei nur Geschäftemacherei von den Wazungu. Das ist ein Suahili-Wort und heißt so viel wie „Weiße Menschen“ oder „Europäer“. Er antworte ihnen dann: „Das ist kein Geschäft der Wazungu, das ist unser eigenes Programm, sie unterstützen uns.“
Während der Generalprobe für die Zulassungsstudie besucht der Fieldworker die Region Ndagoni im Westen von Pemba. 5.000 Menschen leben hier in zehn Dörfern, sie betreiben Fischfang und bauen Bananen, Mangos oder Maniok an. Die meisten Erwachsenen und fast alle Kinder sind mit Würmern infiziert. Deshalb werden die ersten Probanden der Zulassungsstudie in Ndagoni rekrutiert. Amour Khamis wird von Jennifer Keiser und Said Mohammed Ali, dem CEO des Public Health Laboratory, begleitet. Der Weg der kleinen Delegation führt als Erstes zum Sheha, dem Gemeindeoberhaupt. 50 Versammlungen des Public Health Laboratory habe er bereits besucht, sagt der Mann, er schätze dessen Arbeit: „Sie haben hier Massenbehandlungen durchgeführt, und nie hat es einen ernsthaften Zwischenfall gegeben.“
Dass der Sheha auch die neue Studie mit Emodepsid unterstützen wird, ist das Verdienst von Said Mohammed Ali, dem wichtigsten Partner von Jennifer Keiser in all den Jahren ihrer Forschung auf Pemba. Der über 60-Jährige ist ein nahbarer Mensch, der die Probleme der Leute auf dem Land kennt und ihre Sprache spricht: „Er sucht den Kontakt mit der Bevölkerung, er redet mit ihnen, er nimmt sich Zeit, unsere Projekte zu erklären“, sagt Keiser. Nun trägt der Sheha dem CEO einen Wunsch vor: Die Emodepsid-Studie möge keine einmalige Sache bleiben. Wenn die Forschung beendet sei, solle die Bevölkerung von der besseren Behandlung profitieren, denn die Zahl der Reinfektionen sei hoch.
Warum, das sehen die Besucher wenig später mit eigenen Augen. Sie sind zu Gast bei Amini Rashid Juma, der zu den Bessergestellten im Dorf zählt, was sich schon an der Zahl seiner vielen Kinder erkennen lässt. Der Mann besitzt Hühner, betätigt sich als traditioneller Heiler und baut Bananen, Kassawa und Mangos an – für den eigenen Bedarf und den Verkauf. Eine Latrine besitze die Familie allerdings nicht, sagt Amini Rashid Juma und zeigt hinter einem Vorhang auf ein zugemauertes Betonloch. Sie sei nach den heftigen Regenfällen des vergangenen Jahres zusammengebrochen, nun müsse die Familie nach draußen gehen, um sich zu entleeren.
Amour Khamis ist in den Dörfern auf Pemba unterwegs und klärt die Menschen über Wurminfektionen auf. Er hat um Unterstützung für die Emodepsid-Studien geworben.
Zwar vergraben die Menschen ihre Fäkalien in Löchern, doch bei Regen wird alles hochgespült. Wenn dann eine Mango auf den Boden fällt und gegessen wird oder Kinder barfuß laufen, können sie sich leicht mit Würmern infizieren.
Seine 19-jährige Tochter Fatma kümmert all das nicht. Sie hat schon während ihrer Schulzeit die halbjährlichen Wurmbehandlungen ausgelassen, weil sie Medikamente nicht mag. Die würden ihr Bauchschmerzen machen, sagt sie. Außerdem glaubt sie nicht, dass sie Würmer haben könnte. Da holt Amour Khamis sein Smartphone hervor und zeigt Fatma ein Video. Zu sehen ist eine Notoperation. Der Chirurg hat die Eingeweide eines Patienten freigelegt und schneidet den Darm auf. Lange weiße Würmer quellen heraus und fallen in eine Schale. Fatma hält sich die Augen zu. Amour Khamis schmunzelt. Er fragt, ob Fatma die nächste Therapie vielleicht doch mitmachen wolle.
Die Zulassungsstudie
Das 30-köpfige Team des Public Health Laboratory steht mit der neuen Studie vor einer großen Aufgabe. Zwar hat es bereits bei den Vorläuferstudien zu Emodepsid mitgewirkt, doch eine Zulassungsstudie ist noch mal deutlich komplexer. Emodepsid wird in einer mittleren Dosis von 15 Milligramm im Vergleich mit einer Sechsfachdosis von Mebendazol und einer Scheinmedikation geprüft. Weder Teilnehmende noch Behandler wissen, wer was bekommt. Die Zuteilung der Mittel geschieht nach dem Zufallsprinzip. Die Ansprüche an Datenerfassung, Patientenaufklärung und Dokumentation sind enorm. Selbst für die Fehlerkorrektur in Dokumenten gibt es strikte Regeln.
Bei einem Zoom-Call im Mai 2026 zieht Ibrahim Said Zwischenbilanz: 176 Teilnehmer sind behandelt worden, 139 fehlen noch. Die Studie dauert länger als gedacht, weil es Unterbrechungen gab, etwa durch den Ramadan von Mitte Februar bis Mitte März. Während dieser Zeit konnte das Team keine Probanden behandeln, weil die Menschen tagsüber nichts zu sich nehmen dürfen.
Zudem ist die Logistik anspruchsvoll: Emodepsid muss bei 15 bis 25 Grad Celsius aufbewahrt werden. Um das zu garantieren, transportiert das Team Kühlboxen und kleine Generatoren in die Studienregionen. Im Public Health Laboratory lagern die Medikamete in einem verschlossenen Raum mit Alarmanlage, in dem ein Ersatzgenerator anspringt, falls die Kühlung mal ausfällt.
Auch bei den Behandlungen gibt es Herausforderungen: Probanden müssen wegen möglicher Nebenwirkungen mehrere Stunden nachbeobachtet werden, doch die Menschen haben zu tun und wollen nicht lange herumsitzen. Mancher schämt sich auch, seinen Kot in ein Behältnis abzufüllen – dann geht jemand vom Team los und holt die Proben im Haus des Teilnehmers ab.
Was allerdings sehr erfreulich sei, so Ibrahim Said: Die Menschen würden sich danach drängen, an der Studie teilzunehmen, weil sie Gutes über Emodepsid gehört hätten. Manche hätten sie enttäuschen müssen, weil sie die Einschlusskriterien nicht erfüllten, etwa aufgrund einer chronischen Krankheit. Im Juni 2026 wurden die letzten Patienten der Studie therapiert. Nach einer Nachbeobachtungszeit von 90 Tagen geht die abgeschlossene Studie in die Auswertung.
Dass Emodepsid sich in dieser entscheidenden Studie bewährt, gilt wegen der in den vorherigen Studien belegten hohen Wirksamkeit als nahezu sicher. Wenn es wie geplant klappt, wird das Mittel 2028 nicht nur gegen Peitschenwürmer (Trichuris trichiura), sondern, je nach Daten, auch gegen Spulwürmer (Ascaris lubricoides) und Hakenwürmer (Ancylostomatidae) zugelassen. Als Erstes soll das neue Medikament in Tansania und auf den Philippinen registriert werden. Jennifer Keiser hätte dann etwas erreicht, das nur wenige Forscher in ihrer wissenschaftlichen Karriere schaffen: einen Wirkstoff gegen eine Krankheit zur Marktreife zu bringen.
Sie denkt aber längst weiter. In der Studie auf Pemba wurde Emodepsid an Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren getestet. Schritt für Schritt möchte sie es auch für jüngere Kinder zugänglich machen. Sie leiden am stärksten unter dem Wurmbefall. Doch die ganz Kleinen können keine Pillen schlucken, für sie braucht es einen Sirup oder auflösbare Tabletten. Doch wie schmeckt Emodepsid? Keiser hat schon mal probiert: „Der Geschmack ist absolut neutral.“ Gute Perspektiven also auch für die Kleinsten. ■
Martina Keller ist Medizinjournalistin aus Hamburg. Auf Pemba beeindruckten sie die Lebensumstände der Menschen in den Dörfern.
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