Elektroden am Armnerv
Möglich wird dies dadurch, dass seine Prothese elektrische Signale an die Nerven seines Armes sendet. Diese erzeugen nach einer Eingewöhnungszeit im Gehirn ein dem ursprünglichen Sinneseindruck ähnliches Gefühl. Konstruiert haben diese Prothese Daniel Tan von der Case Western University in Cleveland und seine Kollegen. Sie suchten nach einer Methode, Menschen mit einer Prothese auch bestimmte Sinneseindrücke zurückzugeben. Denn vor allem der Tastsinn ist nicht nur wichtig, um Berührungen zu spüren. Diese taktile Rückkopplung hilft auch dabei, einzuschätzen, wie stark unser Griff ist.
Die Prothese funktioniert, indem winzige Elektrodenmanschetten an drei Stellen um wichtige Armnervenbündel implantiert werden. Diese Elektroden könne Muster elektrischer Impulse in insgesamt 20 Kanälen erzeugen und an den Nerven übertragen. Über kleine Leitungen, die aus der Haut ragen, lassen sich diese Elektroden an die Prothese anschließen, wie die Forscher berichten. An den künstlichen Fingern der Prothese sitzen Tastsensoren, die über einen speziellen Algorithmus die empfangenen Reize in elektrische Signalmuster umwandeln und an die Elektroden senden. Spetic, der diese Spezialprothese 2012 bekam, spürte zuerst nur ein unspezifisches Kitzeln. Die Forscher veränderte daraufhin die Algorithmen solange, bis der Patient relativ natürliche Sinneseinrücke fühlte. “Er beschrieb das Gefühl ja nach Reiz als pulsierenden oder konstanten Druck, als Vibration oder Tippen oder als Reiben über eine Textur”, berichten Tan und seine Kollegen.
Fast natürliche Tasteindrücke
Im Laufe der Zeit lernten Spetic und ein weiterer Patient, der das System vor eineinhalb Jahren eingepflanzt bekommen hatte, die von den Elektroden verursachten Gefühle bestimmten Texturen und Tastreizen zuzuordnen. “Das System reaktiviert die Areale im Gehirn, die Tastreize verarbeitet”, erklärt Seniorautor Dustin Tyler von der Case Western University. Zwar erzeugen die elektrischen Impulse nicht genau die gleichen Reaktionen im Gehirn, wie die echten, ursprünglichen Tastreize der verlorenen Hand. Dennoch passt sich das Gehirn so gut an die neuen Signale an, dass es erstaunlich detaillierte und natürliche Sinneseindrücke erzeugt, wie die Forscher berichten. So können Spetic und sein Mitpatient mit ihrer Prothese verschiedene Texturen unterscheiden – und dies selbst dann, wenn sie diese zur gleichen Zeit mit zwei verschiedenen Stellen der künstlichen Hand berühren.
Aber nicht nur das: Das neu gewonnene Tastgefühl verbesserte auch die Funktion der Prothese entscheidend: “Ohne Gefühl können Amputierte ihre Prothese normalerweise nur für grobe Aufgaben wie Festhalten oder abstützen nutzen”, erklären die Forscher. Dank der elektrodenvermittelten Sinneseindrücke schafften die beiden Patienten es nun sogar, extrem diffizile Bewegungen auszuführen. So gelang es ihnen beispielsweise blind, eine Kirsche aufzunehmen und ihren Stiel zu entfernen – eine Aufgabe, bei der es enorm auf die richtige Dosierung der Kraft ankommt. “Wenn das Gefühl angeschaltet ist, ist das kein Problem, fehlt es aber, produziert man ziemlich viel Kirschsaft”, sagt Prothesenträger Keith Vonderhuevel aus Sydney.





