Jens Soentgen porträtiert in seinem Buch dieses unsichtbare Gasgemisch, ohne das wir nicht existieren könnten. Der Chemiker und Philosoph unternimmt eine erkenntnistheoretische Reise durch die Geschichte der Luftforschung, angefangen in der Antike, als Luft und Winde noch als Gottheiten betrachtet wurden. Die Griechen entsakralisierten und verdinglichten sie. Im Mittelalter und der Klassik begannen die Denker, Luft als Medium, das Interaktion erst ermöglicht, zu betrachten. Von etwas Übermenschlichem wurde sie zuerst zu einem Gegenstand der Alchemie sowie der Natur- und schließlich der Geisteswissenschaften. Atmen, riechen, sprechen, singen: Scheinbar profanen Tätigkeiten, die die Luft erst ermöglicht, geht Soentgen nach.
In fast jedem Kapitel macht er einen Pionier der Forschung zum Protagonisten. Er zeigt, wie deren Innovationen das Verständnis der Luft und die Wissenschaft allgemein voranbrachten. Seine Erläuterungen sind umfangreich, informativ und anekdotisch, führen stets gekonnt auf den Ausgangspunkt zurück, aber dazwischen oft auch sehr weit davon weg. Ein bis zwei Bilder, Lithografien oder Grafiken pro Kapitel illustrieren seine Erläuterungen, etwa zur Luftpumpe oder zu Extremwetterereignissen.
Mit Helen Keller ist nur eine Frau unter den Protagonisten, die aus bekannten Namen wie Paracelsus, Otto von Guericke oder Johann Gottfried Herder bestehen. Und es ist ein sehr eurozentrischer Blick, den Soentgen auf die Luft wirft: Gedanken und Perspektiven etwa von asiatischen Denkern suchen wir vergebens.
Trotzdem ist diese Abhandlung über das uns stets umgebende Gasgemisch, das das Leben und viele Tätigkeiten erst ermöglicht, ein überaus informativer und eindrucksvoller Einblick in die faszinierende Geschichte der Luftforschung und des wohl letzten Allgemeinguts, das der Menschheit geblieben ist. Hans Siglbauer
Jens Soentgen
Luft – Eine Entdeckungsreise zwischen Erde und Himmel
C. H. Beck Verlag, 302 S., € 28,–
ISBN 978–3–406–84422–5





