Zwei Arten von Säugetieren, die sich aufeinander eingelassen haben wie wenige sonst: beide Fleischfresser und Spitzenprädatoren, beide mit ausgeprägtem Territorialverhalten, beide extrem flexibel, was das Überleben in einer sich wandelnden Umwelt angeht – und beide mit stark ausgeprägtem Sozialgefühl, das sie sogar geschwächte Familienmitglieder durchfüttern lässt. Kein Zufall, so die Schlussfolgerung, dass der vom Wolf abstammende Hund zum treuesten Begleiter des Menschen wurde: „Der sprichwörtliche treue Hund verkörpert eigentlich das Wolfserbe im Hund.“
Von diesem Ausgangspunkt – und mit beeindruckendem Zugriff auf wissenschaftliche Literatur zahlreicher Disziplinen – demontiert Andreas Moser nüchtern und sachlich einen Wolfs-Mythos nach dem anderen. Der Alpha-Rüde, der die anderen Männchen rigoros dominiert? Existiert nicht – Rudel sind immer Familien mit einem Elternpaar. Die „Ur-Angst“ des Menschen vor dem Wolf? Macht aus Evolutionssicht keinen Sinn; wie sowohl archäologische Befunde als auch Studien zum Umgang von Schimpansen mit ihren Todfeinden zeigen, erzeugen diese keinen Dauerstress. Der „böse Wolf“ ist kulturell entstanden.
Höchst erstaunlich sind auch die Fotosequenzen des Tierfilmers Stefano Pollliotto, die ein faszinierend komplexes Sozialverhalten zeigen. Geradezu erregend etwa der Konflikt mit einem Wildschwein, das den Wolfsjungen bedrohlich nahe kommt und bei dem es zwischenzeitlich um Leben und Tod geht – bis schließlich, weil niemand gewinnen kann, der Wolfsvater und das Wildschwein sich mit Blicken und Gesten auf einen Waffenstillstand einigen und beide Parteien abziehen. Die unaufgeregte Art des Buches, seine Kompetenz und Materialfülle scheinen geeignet, die Debatte um den Wolf in Mitteleuropa zu versachlichen. Und ganz nebenbei trotzdem Faszination zu wecken für diese Wölfe, unsere Verwandten. Martin Rasper
Andreas Moser
Wölfe – Sind sie uns zu nah? Eine Recherche zum Wesen von Wölfen, Hunden und Menschen
Hier und Jetzt Verlag, 420 S., € 44,–
ISBN 978–3–03919–659–3





