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Digitale Alternativen
Große Technologiekonzerne prägen das digitale Leben. An ihren Produkten scheint bei der Nutzung von Online-Diensten kein Weg vorbeizuführen. Doch wer will, kann umsteigen und freie Angebote verwenden. Hinter einem besonders vielversprechenden Neuling auf diesem Gebiet steht ein Zusammenschluss europäischer…
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von STEFAN MEY
Ganz Gallien ist von den Römern besetzt, heißt es im Comic-Epos „Asterix und Obelix“. Naja, nicht ganz: „Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“ Auch die digitale Welt kennt ein solches unbeugsames Fleckchen. In diesem Dorf des Widerstands entstehen keine klassischen, kommerziellen Produkte, sondern es florieren freie Projekte. Diese gehen respektvoller mit persönlichen Daten um als die kommerziellen Marktführer, sie arbeiten transparenter und binden ihre Nutzer partizipativ mit ein.
Den Internetanschluss teilen
Ohne das Engagement von Menschen wie Elektra Wagenrad wäre die Welt der digitalen Alternativen um einen wichtigen Vertreter ärmer. Das WLAN-für-alle-Netzwerk Freifunk ruft dazu auf, den heimischen Flatrate-Anschluss mit anderen Online-Nutzern zu teilen. Dadurch entstehen kostenlose, solidarische Internetzugänge.
Wer mitmachen will, installiert eine Software auf dem eigenen Router. Diese erzeugt neben dem privaten, passwortgeschützten WLAN ein zweites Netz. Darauf können alle zugreifen, die sich im Sendebereich des eigenen Routers aufhalten. Benachbarte Einzelnetze verbinden sich automatisch miteinander. Um die Reichweite von Freifunk vor Ort zusätzlich zu vergrößern, installieren Freifunk-Aktivisten Richtfunkantennen auf Kirchen- und Rathausdächern.
Elektra Wagenrad hat zusammen mit anderen maßgeblich eine Software namens B.A.T.M.A.N. entworfen – einen Routing-Algorithmus für solche selbstorganisierten Ad-hoc-Netze, in denen Daten zwischen Netzwerkteilnehmern ohne Hierarchie hin und her fließen. Das ist ein bisschen wie das Teilen von Informationen in einem Ameisenstaat: „Wir bauen unsere eigenen digitalen Straßen“, beschreibt die Berliner IT-Aktivistin die Arbeitsweise des Projekts: „Freifunk animiert zum Selbermachen und hebt die kommerzielle Hierarchie von IT-Provider und Endgerät innerhalb eines Netzes auf.“
„Gelebte Solidarität“
Ihre Motivation, bei Freifunk aktiv zu sein, ist typisch für viele Beteiligte freier Projekte. Zum einen mache es ihr Spaß, die Grenzen von Hard- und Software auszuloten und kreativ zu erweitern, berichtet Wagenrad. Schon mit acht Jahren habe sie einen ersten elektrischen Schaltkreis und mit elf dann ein funktionierendes Radio gebastelt. Zum anderen sieht die Berlinerin ihr Engagement als Beitrag zu einer besseren Gesellschaft: Statt an das sozialdarwinistische Alle-gegen-Alle glaube sie an das Prinzip der gegenseitigen Hilfe und ist überzeugt: „Freifunk ist gelebte Solidarität“.
Im deutschsprachigen Raum haben sich inzwischen rund 400 lokale Freifunk-Initiativen gebildet. Viele davon sind in Vereinen organisiert, die etwa „Freifunk Dresden“, „Förderverein freie Netzwerke“ oder „Freifunk Dreiländereck“ heißen.
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Freifunk ist somit eine kleine Massenbewegung – und nur eines von Hunderten Projekten, die die digitale Welt freundlicher und freier machen wollen. Alternativen sind bitter nötig. Die digitale Welt im Jahr 2024 ist eine Maschine zum Sammeln von Daten, zur Überwachung und Entdemokratisierung. Die Regeln für das Zusammenleben auf den großen Plattformen werden nicht gesellschaftlich ausgehandelt, sondern hinter verschlossenen Türen von großen Unternehmen gemacht. Die populären kommerziellen Dienste, Programme und Geräte der dominierenden Konzerne zeichnen alle technisch erfassbaren Aktivitäten auf. Regierungen, das haben die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden im Sommer 2013 gezeigt, greifen diese Daten gerne für eigene Zwecke ab.
Mit Alphabet, Amazon, Apple, Meta und Microsoft beherrschen nur fünf US-amerikanische Konzerne die wichtigsten Märkte. Das gilt beispielsweise für den Bereich der Suchmaschinen, Betriebssysteme, sozialen Netzwerke, Browser, Analysedienste, Onlinewerbung, Cloud-Dienste und App-Marktplätze. Hinzu kommt: Tiktok – der einzige ernstzunehmende, weltweit tätige und nicht US-amerikanische Wettbewerber – macht es kaum besser. Die Videoplattform gehört zum staatsnahen, chinesischen Großkonzern Bytedance.
Ist die Lage also hoffnungslos? Zum Glück nicht – dank eines Universums freier Projekte, an denen Elektra Wagenrad und Tausende andere Menschen mitarbeiten.
Bunter Gegenentwurf
Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist das erfolgreichste und bekannteste Projekt dieser digitalen Gegenwelt. Statt des Internetbrowsers Chrome von Alphabet, statt Safari von Apple oder Microsoft Edge kann man den nichtkommerziellen Firefox-Browser oder den Anonymisierungsbrowser Tor nutzen. Statt WhatsApp steht der Messenger Signal zur Verfügung, statt des Bürosoftwarepakets Microsoft Office das freie LibreOffice und statt Outlook das E-Mail-Programm Thunderbird. Der dezentrale Kurznachrichtendienst Mastodon ist eine Alternative zu X (vormals Twitter), die freie Weltkarte OpenStreetMap zu Google Maps. Und wer nicht Microsofts Windows oder Apples MacOS auf seinem Rechner laufen lassen will, kann einen Vertreter der freien Betriebssystemfamilie Linux installieren.
Freie Inhalte, freie Programme, freie Plattformen, freie Betriebssysteme und vieles mehr umfasst dieser alternative Kosmos (siehe Infokasten „Digitale Alternativen“). Was alle Projekte miteinander verbindet: Es entstehen digitale Gemeingüter unter freien Lizenzen. Diese rechtlichen Regelwerke schreiben vor, dass Inhalte und Programme von allen für alle Zwecke genutzt und weiterentwickelt werden dürfen und dass Software transparent arbeiten muss. Über ein Open-Source-Modell wird der Quellcode – die detaillierte Bau- und Arbeitsanleitung eines Programms – offengelegt. Wie funktioniert diese Welt jenseits klassischer Eigentums- und Konzernlogik und was hält sie zusammen?
Es gibt so etwas wie eine typische Anatomie der digitalen Gegenwelt. Die wichtigste Säule freier Projekte sind ehrenamtliche Communitys. Die Inhalte der Mitmach-Enzyklopädie Wikipedia und der freien Weltkarte OpenStreetMap entstehen in selbstverwalteten Online-Kollektiven. Rund 5.000 Autoren tragen zum Beispiel regelmäßig zur deutschsprachigen Wikipedia bei. Daneben spielen oft gemeinnützige Organisationen eine Rolle. Manchmal findet dort die eigentliche Arbeit statt.
Doch meistens sind sie demütige Diener der jeweiligen Community und kümmern sich um die technischen und materiellen Grundlagen. Die US-amerikanische Wikimedia Foundation stellt mit ihren ungefähr 700 Mitarbeitern die für Wikipedia benötige Software bereit und betreibt die Website wikipedia.org sowie die hinter deren Betrieb stehenden Rechenzentren.
Strukturen wie beim Roten Kreuz
Ein solches Neben- und Miteinander von informellen Bewegungen und organisierten Strukturen sei typisch für freie Projekte, aber nicht digitalspezifisch, meint Leonhard Dobusch, langjähriger Beobachter der freien Digitalszene und Organisationsforscher an der Universität Innsbruck: „Oft entwickelt sich eine Trennung zwischen ehrenamtlichen Community- und hauptamtlichen Organisationsstrukturen. Es wird ausgehandelt, wofür die Community und wofür die Organisation zuständig ist“, erläutert der Wissenschaftler. „Dieses Phänomen lässt sich ähnlich auch in der klassischen Zivilgesellschaft beobachten, zum Beispiel in der Umweltbewegung oder beim Roten Kreuz.“
An der Produktion digitaler Gemeingüter beteiligen sich außerdem Unternehmen. Eine Reihe wichtiger Projekte entsteht in oder mit starker Beteiligung kleiner und größerer Firmen. Aufgrund der freien Lizenzen erwerben diese kein klassisches Eigentum, sondern finanzieren sich über Open-Source-Geschäftsmodelle: Beratung, Support, Cloud-Dienstleistungen oder Zusatzprodukte zur jeweiligen Software. Linux Ubuntu beispielsweise, das meistgenutzte Linux-Betriebssystem für Laien, entsteht im Zusammenspiel zwischen dem US-Unternehmen Canonical und einer weltweiten Community.
Geografische Diversität
Die gemeinnützigen Organisationen und die Unternehmen hinter den großen freien Projekten sitzen – genau wie „Big Tech“ – oft in den USA. Das gilt etwa für Canonical, die Signal Foundation, die Wikimedia Foundation und die Firefox-Mutter Mozilla.
Bei genauem Hinsehen zeigt sich allerdings: Überraschend viel geschieht in Europa, und hier vor allem in Deutschland. Die globale Szene der digitalen Aktivisten trifft sich nicht etwa in New York oder San Francisco. Sie pilgert stattdessen regelmäßig zum Chaos Communication Congress nach Hamburg, zur re:publica nach Berlin und zur Brüsseler Open-Source-Konferenz FOSDEM.
Wikimedia Deutschland ist der mit Abstand größte Landesableger von Wikipedia. Die dezentrale Twitter/X-Alternative Mastodon ist im thüringischen Jena entstanden und wird heute in einer gemeinnützigen GmbH in Berlin weiterentwickelt. Mehr als 30 Prozent des Datenverkehrs der Anonymisierungs- und Anti-Zensur-Technologie Tor laufen über Knoten der deutschen Zivilgesellschaft. Hinter dem Media Player VLC steht ein französischer Verein. Gleiches gilt für die verteilte Video-Plattform Peertube und die Audio-Plattform Funkwhale.
Wie kommt das? Der Innsbrucker Organisationsforscher Dobusch erkennt verschiedene Faktoren: „Ehrenamt hat in Deutschland Tradition. Menschen engagieren sich in der freiwilligen Feuerwehr oder sie leisten eben einen ehrenamtlichen Beitrag zu Wikipedia oder einem freien Softwareprojekt.“ Außerdem spielt natürlich Wohlstand eine Rolle: „Wer gut verdient, hat tendenziell mehr Zeit und Muße für ein Ehrenamt. Hinzu kommt der Zeitwohlstand durch den Sozialstaat“, meint Dobusch: „In Deutschland haben die Menschen deutlich mehr Urlaubstage als in den USA.“
Das Ergebnis einer Abspaltung
Anders als der Name vermuten lässt, ist „The Document Foundation“ kein US-Akteur, sondern eine Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Berlin. Sie ist die Mutterorganisation eines Schlüsselprogramms in der alternativen Digitalwelt: LibreOffice. Der Name steht für ein nichtkommerzielles Bürosoftwarepaket, bestehend aus einem Schreib-, Tabellen- und Präsentationsprogramm.
Das Projekt vereint prototypisch die Werte und Dynamiken der digitalen Gegenwelt. LibreOffice ist das Kind eines „Forks“: einer unblutigen Revolte, zu der es bei freien Projekten immer wieder kommt. Sind Communitys mit der Führung eines Projekts unzufrieden, spalten sie sich ab und entwickeln die jeweilige Software oder die Inhalte unter neuem Namen weiter.
Das Vorgängerprogramm OpenOffice stand unter einer freien Lizenz, gehörte aber zum US-Unternehmen Sun, das die Software gemeinsam mit einer Community entwickelte. Das ging zehn Jahre lang gut, bis Sun im Jahr 2010 vom IT-Konzern Oracle aufgekauft wurde. Der neue Besitzer, so der Eindruck der Community, schien kein Interesse daran zu haben, das Projekt weiter zu unterstützen. Die Community beschloss daher, die Software zu klonen, und entwickelt sie seitdem als LibreOffice weiter.
Die Abspaltung war ein ungewisses Unterfangen, erinnert sich Florian Effenberger, der von Anfang an dabei war: „Wir wussten: Das ist ein großes, anspruchsvolles Softwareprojekt mit sehr vielen Codezeilen. Es gab keine Garantie, dass die Abspaltung klappt und die Stiftung sich tragen wird. Aber wir waren bereit, das Risiko einzugehen.“ Der Geschäftsführer der Document Foundation arbeitet vom bayerischen Kaufbeuren aus. Der formale Sitz der Organisation ist Berlin, doch gearbeitet wird an verteilten Arbeitsplätzen. Effenberger war schon seit 2004 in der OpenOffice-Community aktiv gewesen und hat die Abspaltung aktiv mitgestaltet.
Wohl wissend, wie sensibel die Frage der Machtstruktur in einem freien Projekt ist, habe sich die Community auf die Suche nach einem möglichst fairen und partizipativen Modell gemacht. Mitglied im derzeit 176 Personen starken Mitgliederkuratorium – dem obersten Machtgremium – dürfen laut Satzung alle werden, die den „Stiftungszwecken über mehr als drei Monate nachweisbar Zeit und geistige Arbeit gewidmet“ haben sowie „die Absicht bekundet haben, an der Erfüllung der Stiftungsziele über mindestens ein halbes Jahr aktiv mitwirken zu wollen“. Mitentscheiden darf also, wer sich einbringt. „Wir wollten damals schon in der Struktur der Stiftung fest verankern, dass diejenigen ein Mitspracherecht haben, die auch aktiv beitragen“, berichtet Effenberger.
Alternative Urgesteine
LibreOffice gehört neben Wikipedia, dem Browser Firefox, der Betriebssystemfamilie Linux und dem Anonymisierungsnetzwerk Tor zu den Urgesteinen der alternativen Digitalwelt. Doch ständig kommen neue Projekte hinzu. Der vielversprechendste Neuzugang entstand am Starnberger See. OpenWebSearch kümmert sich um einen großen blinden Fleck der digitalen Gegenwelt. Das kleine Dorf des digitalen Widerstands bietet starke Alternativen zu fast allen Big-Tech-Produkten – bloß ausgerechnet nicht zu Suchmaschinen, den Navigatoren durch die Vielfalt des World Wide Webs.
Die Suchmaschine Google erreicht in Deutschland einen Marktanteil von rund 90 Prozent. Mit großem Abstand folgt, mit 5 Prozent, die Microsoft-Suchmaschine Bing. Andere Anbieter sind nur scheinbare Alternativen. Ecosia, Duckduckgo, Metager, Startpage und Qwant verwenden die Trefferlisten von Google oder Bing, die sie eins zu eins anzeigen oder durch eigene Quellen ergänzen.
Was bisher fehlt, ist ein eigenständiger Suchindex. Ein solcher aktueller Überblick über alle geschätzt rund 400 Milliarden Einzelseiten (Pages) ist nötig, damit eine Suchmaschine in Millisekunden Trefferlisten zu beliebigen Suchanfragen generieren kann. Die Initiative OpenWebSearch.eu will einen solchen Index als öffentliche Dienstleistung zur Verfügung stellen.
Während freie Projekte typischerweise in einem Zusammenspiel von Hackern sowie Angestellten von Organisationen oder Open-Source-Firmen entstehen, ist OpenWebSearch im Kern ein akademisches Unterfangen. Die meisten Beteiligten arbeiten an Universitäten oder anderen öffentlichen Forschungs- und Rechenzentren. Angestoßen hat die Initiative Stefan Voigt, Geograf am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) im bayerischen Oberpfaffenhofen. Als Dachstruktur fungiert der von ihm mitbegründete Verein Open Search Foundation am Starnberger See.
Ein europaweites Projekt
Derzeit arbeitet die Initiative am Prototyp eines Index, ausgestattet mit 8,5 Millionen Euro aus dem Förderprogramm Horizon Europe der Europäischen Union. Bis August 2025 wollen die Beteiligten 50 Prozent des weltweiten Webs indexiert – also durchsucht, kopiert und für die Verwendung durch Suchmaschinen aufbereitet – haben. Dafür haben sich 14 Partner zusammengeschlossen. Michael Granitzer, Informatiker und Inhaber des Lehrstuhls für Data Science an der Universität Passau, ist der Koordinator des EU-Konsortiums.
Einige Partner stellen Rechenkapazitäten zur Verfügung, erläutert Granitzer. Der größte Geldempfänger ist die Bayerische Akademie der Wissenschaften mit ihrem Leibniz-Rechenzentrum in Garching bei München. Auch die in Genf ansässige Europäische Organisation für Kernforschung CERN stellt Rechenkapazitäten zur Verfügung, ebenso das Hochleistungsrechenzentrum CSC in Finnland und das IT4I Innovations National Supercomputing Center der Technischen Universität Ostrava in Tschechien.
An anderen Universitäten wird an einzelnen Bausteinen gearbeitet. So entwickeln Angestellte an Granitzers Lehrstuhl in Zusammenarbeit mit externen Partnern die Crawler-Software. Ein solches Programm ruft Webseiten und deren Unterseiten auf, um die Inhalte zu kopieren und nach Links zu noch nicht erfassten Webseiten zu fahnden.
Starre Verhältnisse aufbrechen
Im Rahmen der Initiative werden sicher auch eigene kleine Suchanwendungen entstehen, ist Granitzer überzeugt. Die Initiative OpenWebSearch.eu will Google und Bing allerdings nicht direkt Konkurrenz machen, sondern anderen dabei helfen, die Verhältnisse aufzubrechen. Ein unabhängiger Suchindex soll entstehen, als Arbeitsgrundlage für externe Akteure: „Wir tragen die Webdaten zusammen, bereiten sie auf und stellen den Index in Form offener Daten zur Verfügung. Auf dieser Grundlage können Andere dann Suchangebote aufbauen, egal, ob nichtkommerziell oder wirtschaftlich ausgerichtet.“
Die aktuelle Förderrunde endet am 31. August 2025. Wie wird es danach weitergehen? „Wir hoffen auf eine Anschlussfinanzierung“, sagt Michael Granitzer. „8,5 Millionen Euro klingt viel. Für ein so großes Vorhaben ist das aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“
Laut Statusbericht des Projekts sind aktuell etwa 1,8 Milliarden Pages in 185 Sprachen indexiert worden. Der Passauer Informatiker schätzt, dass sie damit ungefähr zwei Prozent des weltweiten Webs abdecken. Jeden Tag kommt etwa ein Terrabyte an Daten hinzu. Granitzer kann sich auch vorstellen, dass ein freier Index eine gute Basis für das Anlernen großer Sprachmodelle sein könnte: „Auf dieser Basis könnte eine nichtkommerzielle oder zumindest freie Künstliche Intelligenz entstehen – als Alternative zu den Entwicklungen von Big Tech, die sich mit riesigen Budgets gerade den Markt aufteilen.“
Die Frage nach der Akzeptanz
Es gibt sie also, die freien Alternativen. Allerdings: Werden sie auch angenommen oder handelt es sich um einen eher theoretischen Gegenentwurf? Wikipedia kennen und verwenden fast alle. Der Messenger Signal, der Browser Firefox, die Bürosoftware LibreOffice, die Weltkarte OpenStreetMap und der Mediaplayer VLC sind auch außerhalb technischer Kreise bekannt.
Bei vielen Projekten liegt die Verbreitung jedoch im einstelligen Prozent- oder gar Promillebereich. Die großen IT-Unternehmen verfügen über riesige Entwicklungsabteilungen, leistungsfähige Rechenzentren, Marketingbudgets und haben Ressourcen für Nutzerforschung. Bei den freien Projekten geschieht vieles mit sehr begrenzten Ressourcen oder komplett ehrenamtlich. Vor allem mangelt es oft an der Usability – der Zugänglichkeit auch für Menschen ohne IT-Hintergrund, die einem Programm oder Dienst oft keine zweite Chance geben, sobald etwas hakt.
„IT’s capitalism, baby,“ meint der Innsbrucker Wissenschaftler Leonhard Dobusch: „Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das es schwer macht, in Nicht-Marktlogik zu denken. Es gibt zu wenig funktionierende Vorbilder.“ So gebe es Dutzende oder sogar Hunderte Fördertöpfe und Inkubatoren für Startups, aber nur sehr wenige Fördermöglichkeiten für freie Projekte. Hinzu komme bei vielen Projekten der Netzwerkeffekt: „Wen interessieren schon Features und Datensparsamkeit, wenn es kaum andere Nutzerinnen und Nutzer gibt?“
Die Basis ist klassische Wissenschaft
Allerdings: Auch wenn zahlreiche Projekte bislang ein Schattendasein fristen, ermöglichen sie im wechselseitigen Zusammenspiel doch zumindest eines: Wer das tun will, kann umsteigen. Die Alternativen entstehen durch ehrenamtliche Arbeit an heimischen Computern, in sogenannten Hackerspaces, auf regionalen Stammtischen sowie teilweise auch innerhalb von Organisationen und Unternehmen. Und das derzeit spannendste Projekt basiert auf klassischer europäischer Wissenschaft. Wenn dieses Projekt, die OpenWebSearch-Initiative, sein Ziel erreicht, wird das kleine Dorf des digitalen Widerstands in einigen Jahren noch ein bisschen schlagkräftiger als heute sein.
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