wissenschaft.de: Wie beurteilen Sie die Energiewende, Herr Professor Thess?
André Thess: Die Energiewende ist der deutsche Beitrag zur Dekarbonisierung der globalen Energieversorgung. Das primäre Ziel ist es aber, weltweit die Emissionen von Kohlendioxid zu reduzieren. National ist gut, doch das reicht nicht: Wir müssen Maßnahmen rund um den Globus ergreifen.
Ist Deutschland damit nur ein Player unter vielen anderen?
Es ist gut, dass Deutschland zum Umbau des Energiesystems einen wichtigen Beitrag leistet. Doch Einschätzungen nach dem Motto: “Wir wollen der übrigen Welt zeigen, wo es lang geht” finde ich nicht angemessen. Wir Deutschen neigen zu einer Art nationaler Besserwisserei. Wir sollten stattdessen alles dransetzen, hier eine europäische Vorgehensweise anzustreben.
Welche Rolle spielen Energiespeicher bei der Energiewende?
Als Energiespeicher-Forscher argumentiere ich in diesem Punkt ganz unbescheiden: Die Dekarbonisierung des weltweiten Energiesystems ohne Energiespeicher wäre in etwa so wie die erste industrielle Revolution ohne Dampfmaschine. Wie wir die Energie von Sonne und Wind in Elektrizität transformieren können, ist physikalisch im Prinzip bekannt. Wir müssen diese Transformation nur noch besser und billiger hinbekommen. Die große Herausforderung besteht für mich in der Entwicklung von leistungsfähigen, preiswerten und zyklenfesten Energiespeichern – deswegen bin ich an das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt gekommen.
Wie könnte die Dampfmaschine in diesem Bereich aussehen?
Die Welt der künftigen Energieversorgung wird deutlich bunter sein als bisher. Bei den Energiespeichern werden verschiedene Technologien nebeneinander bestehen. Unser Institut ist in den beiden großen Technologien “elektrochemische Energiespeicher” – also Batterien, Brennstoffzellen, Elektrolyseure – und sogenannte thermochemische Energiespeicher – also Wärmespeicher und synthetische Treibstoffe – zu Hause: Wir decken damit fast die gesamte Bandbreite der Speichertechnologien ab.
Die eine, große Lösung der Energiespeicherung von Strom wird es dann wohl gar nicht geben?
In Abwandlung des Spruches, dass es in Deutschland 80 Millionen Fußballbundestrainer gibt, kommt es mir oft so vor, dass wir auch 80 Millionen Energieexperten haben, die ganz genau wissen, was bis zum Jahr 2050 mit unserer Energieversorgung zu tun ist. Ich bin zwar Energieexperte, glaube aber nicht daran, dass wir heute vorhersagen können, wie unser Energiesystem dann genau aussehen wird. Wir Forscher tun gut daran, die Technologien in großer Breite zu erforschen. Wir sollten uns aber davor hüten zu behaupten, dass die Lösung in genau dieser oder jener Technologie besteht. Die künftigen Energiesysteme werden vielfältig und vermutlich regional sehr verschieden sein.





