„Wat is en Dampfmaschin? Da stelle mer uns janz dumm und sachen: En Dampfmaschin, dat is ene jroße, runde, schwarze Raum.” Mit diesem berühmten Satz aus dem Film „Die Feuerzangenbowle” begrüßt Professor Bömmel alias Paul Henckels die Hörer von „ Wanhoffs wunderbarer Welt der Wissenschaft”, auch kurz WWWW genannt. Das ist eine Radiosendung, die Thomas Wanhoff produziert. Einmal wöchentlich plaudert der Frankfurter Journalist über alles, was im weitesten Sinne mit Wissenschaft zu tun hat: den Flores-Menschen oder den Orientierungssinn von Tauben, blonde Mammuts oder eine Lange Nacht der Museen. Allerdings wird man die Sendung in keinem Radioprogramm angekündigt finden und nie im Radio hören können.
Denn WWWW ist ein Podcast, und Podcasts gibt es nur im Internet: Radio für jeden Websurfer. Die Hörer, im Fachjargon Podder genannt, können sie abonnieren und auf dem Computer oder auf einem mobilen Abspielgerät anhören. Ein solches hat dem neuen Audioformat auch seinen Namen gegeben: Das Wort „Podcast” ist eine Kombination aus „iPod”, dem beliebten MP3-Player des Computerherstellers Apple, und „Broadcast”, dem englischen Wort für Rundfunkübertragung. Es geht allerdings auch ohne digitale Ausrüstung: Der Dienst „Phonecaster” spielt, der Name verrät es, Podcasts über das Telefon ab.
Podcasting ist ein Teil des neuen, Web 2.0 genannten Internet-Trends, der einen Teil jenes Versprechens einlöst, das die Internet-Pioniere schon vor zehn Jahren gemacht haben: Jeder Webnutzer kann auch mit wenig technischen Kenntnissen und ohne aufwendige Produktionsmittel Inhalte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.
2000 bis 2500 Podcaster tummeln sich allein im deutschsprachigen Teil des Internets. Das deutsche Portal Podcast.de listet rund 3000 verschiedene Audiokolumnen auf. Das inhaltliche Angebot ist so breit gefächert wie die Vorlieben und Interessen der Macher: Von „Nutzwert” bis „Skurril”, von der Philosophie- bis zur Schlagzeugerkolumne fehlt kaum etwas.
Auch die Wissenschaft nicht: Anfangs sei er der einzige deutsche Wissenschafts-Podcaster gewesen, berichtet Wanhoff. Inzwischen hat er Gesellschaft bekommen: „Podcasting bietet uns eine gute Möglichkeit, die Öffentlichkeit über unsere Arbeit zu informieren und sie neugierig auf Wissenschaft zu machen”, sagt Rainer Müller-Müffelmann, Pressereferent für elektronische Medien der Helmholtz-Gemeinschaft in Bonn – der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands. „Wir hatten schon vor der Podcasting-Welle das ,Interview des Monats‘ im Netz. Dann haben wir uns überlegt, wie wir das Angebot verbessern können, um die Leute zu unterhalten”, erinnert sich Müller-Müffelmann. Seit Juni 2006 stellt die Helmholtz-Gemeinschaft regelmäßig ihre Arbeit per Podcasting vor: Im „Helmholtz. Thema” und im „Helmholtz.Interview” , die beide einmal im Monat erscheinen, erklärt etwa ein Klimaforscher vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut die Gefahren, die von den schmelzenden Polkappen ausgehen. In einer anderen Folge erläutert ein Wissenschaftler vom Geoforschungszentrum Potsdam, wie sein Team versucht, das Aufheizen der Atmosphäre zu bremsen. „Witziger und kurzweiliger”, sagt Müller-Müffelmann, gehe es zu, wenn in „ Helmholtz.Schongewusst” Begriffe wie Dendrochronologie oder Photovoltaik unterhaltsam erklärt werden.
Die Helmholtz-Gemeinschaft ist nicht als einzige Wissenschaftsorganisation im Netz aktiv. Die Kollegen von der Fraunhofer-Gesellschaft stellen ihre Arbeit im Podcast „Zukunft erleben – Technik hören” vor. Dort geht es etwa um Roboter im Alltag, Fußbälle, die wissen, ob sie über die Torlinie gerollt sind, und natürlich auch um das Datenformat MP3. Schließlich hat das am Erlanger Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen entwickelte Audiokompressionsverfahren erst den Boom von Tönen im Internet ermöglicht.
Bildungsstätten nutzen Podcasts sowohl für die Außendarstellung als auch für die Lehre. So stellen der Medieninformatiker Karsten Morisse von der Fachhochschule Osnabrück und Petra Gehring, Philosophieprofessorin an der Technischen Universität Darmstadt, ihre Vorlesungen online zur Verfügung. Doch nicht nur Institutionen bieten Wissenschaftliches an: Physik für alle verspricht „Die kleine physikalische Hausapotheke”, die etwa Holographie und Elektronenmikroskope erklärt oder das SETI-Projekt zur Suche nach außerirdischer Intelligenz vorstellt.
Ohrenfutter gibt es nicht nur für Naturwissenschaftler: Die Jura-Doktorandin Laura Dierking aus Münster erklärt in ihrem „ J!Cast” Medien- und Telekommunikationsrecht an aktuellen Fällen. Und der Podcast des Online-Geschichtsmagazins „chronico” lässt Antike, Mittelalter und Renaissance wieder aufleben.
Der Trend hat selbst die Politik erfasst: Anders als beim Web 1.0, das nur schleppend seinen Weg in die Zentralen der Parteien fand, haben Politiker Web 2.0-Techniken früh für sich entdeckt. Vor der Bundestagswahl 2005 veröffentlichten die damaligen Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel (SPD) und Volker Kauder (CDU) Podcasts mit Wahlwerbung ihrer Parteien – zu einer Zeit, als nur eine Minderheit der Deutschen wusste, was ein Podcast ist.
Viele Surfer führen inzwischen eigene Internet-Kolumnen, die sie täglich, wöchentlich oder ganz einfach nach Lust und Laune aktualisieren – sei es als Podcast oder als einfaches Tagebuch, Weblog oder kurz Blog genannt. Um diese Kolumnen formieren sich ganze Nutzer-Communitys, deren Mitglieder untereinander einen regen Austausch pflegen. Denn anders als bei den klassischen Medien müssen die Leser die Inhalte der Autoren nicht einfach konsumieren. Eine Kommentarfunktion unter Blog-Einträgen und Podcast-Episoden ermöglicht, auf die Ergüsse des Autors oder Kommentare anderer Nutzer zu reagieren.
Gemeinsam ist allen diesen Anwendungen, dass sie keine großen technischen Kenntnisse voraussetzen. Wer mit einem Webbrowser umzugehen weiß, kann praktisch alles, was nötig ist, um ein Blog zu führen. Wer ein Mikrofon an seinen Rechner anstöpseln und eine Aufnahme-Software bedienen kann, deren Oberfläche die gleichen Knöpfe aufweist wie ein normaler Kassettenrekorder, ist in der Lage, einen Podcast aufzusetzen.
„Das Schöne am Podcasten ist: Man braucht kein teures Studio und keinen Sendemast. Ein Mikrofon und ein PC mit Internet-Anschluss reichen völlig aus”, erklärt der deutsche Podcasting-Pionier Wanhoff. Um seinen Text aufzunehmen, schließt der Autor, Podcaster genannt, das Mikrofon an seinen Computer an und spricht seinen Text. Die Sprachaufnahme landet auf der Festplatte, von wo aus sie auf die Website des Podcasters übertragen wird. Fertig ist die neue Podcast-Episode.
Nun ist aber nicht jede Audiodatei im Internet gleich eine Podcast-Episode. Auch vor dem Web 2.0 gab es schließlich schon Audioinhalte im Internet. Viele schlummerten auf Webservern, ohne dass ein Hörer sie je gefunden hat. „Das Wichtigste ist, dass die Datei in einem RSS-Feed gelistet ist, damit man sie abonnieren kann”, erklärt Wanhoff den Mechanismus, der die Web 2.0-Anwendungen ausmacht. „Wenn man einen Podcast abonniert hat, erkennt ein Programm auf dem Computer, wenn eine neue Datei bereit liegt und lädt sie automatisch herunter.” Die Hörer („ Podder”) bekommen die Episoden von einer Software, dem so genannten Podcatcher, frei Haus auf ihren Rechner geliefert.
Von dort werden die Audiodateien meist auf einen mobilen MP3-Player übertragen. Denn Podder hören am liebsten unterwegs – genauer gesagt: auf dem Weg zur Arbeit, wie der Münchner Podcaster Axel Wunschel herausgefunden hat. Er hat im Herbst 2005 über seine Website „Podcastumfrage.de” eine Umfrage gestartet, an der sich knapp 2500 Podder beteiligten. Danach hört jeder zweite Befragte seine Podcast-Episoden zwischen Frühstücks- und Schreibtisch.
Wie viele Deutsche Podcasts hören, ist nur schwer zu schätzen. Es kursiere, sagt Wanhoff, die Zahl von vier Millionen Hörern. Genau messen lassen sich Download-Zahlen. Sie variieren allerdings stark: Wer nur seine persönliche Weltsicht oder sein Tagebuch vorträgt, kann kaum erwarten, dass seine Episoden mehr als ein paar Hundert Nutzer finden – von „Schlaflos in München” einmal abgesehen: Annik Rubens, die in diesem Podcast über banale und kuriose Dinge aus ihrem Alltag philosophiert, erreicht nach eigenen Angaben rund 7000 Hörer pro Sendung. Wanhoffs Sendungen – neben dem Wissenschafts-Podcast produziert er die Reihe „Wanhoffs Reisen” – werden im Schnitt 4000- bis 5000-mal heruntergeladen. Die Helmholtz-Gemeinschaft zählte in den ersten drei Monaten etwa 40 000 Abrufe ihrer Sendungen. „This Week In Tech”, der Podcast des in den USA sehr bekannten IT-Journalisten Leo Laporte, verzeichnet wöchentlich sogar rund 300 000 Downloads.
Wenn es um Zahlen geht, geht es meist auch schnell um Geld. Die Möglichkeiten für private Podcaster, mit ihren Kolumnen ein paar Euro zu verdienen, schätzt Thomas Wanhoff allerdings als gering ein. Das sei vor allem eine Frage der Qualität: „Für sehr gute Inhalte sind die Hörer sicher bereit zu bezahlen. Wenn ich als Erster zum Mars fliegen würde, dann würde ich Sendungen darüber nur gegen Geld anbieten”, meint der Podcaster augenzwinkernd.
Doch einige Unternehmen haben Möglichkeiten entdeckt, mit Audioinhalten Geld zu verdienen. Die US-Firma Audible etwa bietet neben Hörbüchern auch Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften übers Internet an, darunter das „Handelsblatt” oder „Brand Eins”. Noch, sagt Nils Rauterberg, Marketingchef von Audible Deutschland, handele es sich um ein Nischengeschäft – „pro Titel und Monat einige Tausend Kunden”. Doch das hat Wachstumspotenzial: Schon heute müssen die Abonnenten nicht mehr ihren Computer hochfahren, um die Nachrichtenlesungen auf ihren MP3-Player zu packen, sondern können sie drahtlos auf ein webfähiges Handy laden. Selbst eine individuell nach Interessen zusammengestellte und zeitlich auf den Arbeitsweg abgestimmte Audio-Zeitung kann sich Rauterberg in absehbarer Zeit vorstellen.
Das hatte schon Web 1.0 versprochen: 1995 entwickelte der Internet-Pionier und Gründer des Media Labs am MIT Nicholas Negroponte die Idee von „Daily Me”, der personalisierten digitalen Tageszeitung.
Werner Pluta arbeitet als freier Technik- und Wissenschaftsjournalist in Hamburg. Er ist ständiger Autor von bild der wissenschaft.
Werner Pluta
Ohne Titel
Caster veröffentlichen keineswegs nur Audiobeiträge auf ihren Webseiten. Vcasts oder Vodcasts – kurze selbstproduzierte Videofilme – sind zurzeit der Renner. Die technische Hürde ist nicht hoch: Praktisch jede Digitalkamera und jedes Mobiltelefon bietet die Möglichkeit, kurze Filmchen aufzunehmen. Und dank wachsender Bandbreiten ist auch das Hoch- und Herunterladen ins oder aus dem Internet kein Problem mehr. Die bekannteste deutsche Vodcasterin ist wohl Angela Merkel, die sich seit Juni 2006 einmal in der Woche per Videoclip ans Wahlvolk wendet.
Ohne Titel
RSS ist so etwas wie der Motor des neuen Web 2.0. Wofür die Abkürzung steht, darüber streiten sich Insider: Die einen behaupten, es bedeute Really Simple Syndication (auf deutsch etwa: „wirklich einfache Verbreitung”), andere bestehen auf „Rich Site Summary” (etwa: „inhaltsreiche Zusammenfassung der Website” ). Unstrittig ist die Funktion dieser Webtechnologie: Mithilfe eines in ein Webdokument eingebundenen RSS-Codes können Nutzer die Inhalte dieser Seite, etwa einen Weblog, abonnieren. Ein spezielles Programm, der RSS-Reader, erkennt neue Inhalte und lädt sie selbstständig auf den Rechner des Abonnenten herunter.
Anfänglich funktionierte das nur mit Text. Als der „Podfather” Adam Curry jedoch begann, mit Audiodateien im Internet zu experimentieren, reichte das nicht mehr aus. Curry kontaktierte daraufhin den Programmierer Dave Winer, einen der Entwickler von RSS. Winer modifizierte RSS so, dass der Standard audio- und videotauglich wurde. Damit war die technische Grundlage für das Podcasting geschaffen.
Wer einen eigenen Podcast ins Netz stellen möchte, kann dafür einen Dienst wie PodHost.de nutzen. PodHost bietet nicht nur Speicherplatz im Web für die Episoden, sie werden auch gleich in einen RSS-Feed – eine Liste abonnierbarer Podcasts – integriert.
Ohne Titel
der ehemalige moderator des Musiksenders MTV und erfolgreiche Internet-Unternehmer Adam Curry hatte im Jahr 2000 die Idee, eine regelmäßige Audiokolumne zu veröffentlichen. Analog zu den – ausschließlich textbasierten – Weblogs sollten die Nutzer neue Einträge abonnieren können. Allerdings kam Curry erst 2004 dazu, seine Audiokolumne zu realisieren. RSS konnte inzwischen multimediale Inhalte erkennen. Was fehlte, war ein Programm, das – vergleichbar einem RSS-Reader – Audiodateien automatisch herunterladen konnte. Flugs brachte sich Curry die Skriptsprache AppleScript bei und programmierte den „iPodder”. So ganz entsprach dieses Werkzeug aber noch nicht seinen Vorstellungen. Also veröffentlichte er es im Internet – damit die programmierende Webgemeinde es verbessere. Podcatcher werden diese Gegenstücke zu RSS-Readern genannt.
Dann konnte es losgehen mit der Kolumne, die Curry „Daily Source Code” taufte. Die erste Ausgabe veröffentlichte er am 13. August 2004. Danach fehlte nur noch ein Name für das neue Hörfutter: „Podcasting” – für die Namensschöpfung soll ein Journalist der britischen Tageszeitung „The Guardian” verantwortlich gewesen sein.
Inzwischen ist „iTunes” von Apple zum beliebtesten Podcatcher avanciert. Ursprünglich als Online-Musikshop gedacht, hat Apple sein Programm 2005 durch eine Podcast-Abo-Funktion erweitert. Sind die damit heruntergeladenen neuen Episoden auf der Festplatte, können sie mit iTunes abgespielt werden. Wer einen „ iPod” – den MP3-Player von Apple – besitzt, kann die Audio-Episoden durch die Software auch gleich vom Rechner auf das Abspielgerät übertragen lassen.
Ohne Titel
· Radiospots im Web liegen im Trend: Rund 3000 deutschsprachige Audiokolumnen stehen zum Download bereit.
· Anhören lassen sie sich über den PC oder unterwegs auf dem MP3-Player.
· Mit einem Mikrofon, PC und Internetanschluss kann jeder seinen eigenen Podcast ins Netz stellen.
COMMUNITY Lesen
Annik Rubens
Podcasting – Das Buch zum Audiobloggen
O’Reilly Verlag, Köln 2006, € 14,90
ISBN 3-89721-459-8
Internet
Deutschsprachige Podcasting-Portale:
www.podcast.de www.myradio.de
Podcasts anhören, abonnieren und selber ins Internet stellen kann man unter:
www.podster.de
Suche nach englischsprachigen Podcasts:
www.podscope.com
Aktuelle News gibt’s unter:
www.tagesschau.de/podcast




