von HARTMUT NETZ
Naturkautschuk, begehrter Rohstoff für hauptsächlich Autoreifen, stammt bislang so gut wie ausschließlich aus Plantagen in Südostasien – doch vielleicht nicht mehr lange. Denn in Anklam, einer rund 12.000 Einwohner zählenden Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, beschäftigen sich seit 2018 Wissenschaftler mit der Gewinnung von Naturkautschuk aus Löwenzahn. 35 Millionen Euro hat Continental, viertgrößter Reifenhersteller der Welt, in das Forschungszentrum gesteckt. Das erste Serienprodukt aus Löwenzahn-Kautschuk ist bereits auf dem Markt: ein Fahrradreifen, der 2021 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis gewann.
Naturkautschuk ist als Rohstoff so alltäglich und unauffällig, dass man ihn gerne unterschätzt. Daraus hergestellte Produkte, etwa Schnuller, Kondome, Reifen, Schläuche oder Dichtungen, sind zwar unspektakulär, jedoch unentbehrlich. Historisch gesehen war Naturkautschuk einer der wichtigsten Rohstoffe der Industriellen Revolution. Denn mittels Vulkanisation, einem damals entdeckten Verfahren, entsteht daraus Gummi, das wegen seiner außerordentlichen Elastizität zum elementaren Werkstoff globaler Mobilität aufstieg – und es bis heute ist. Es gibt keinen Pkw-, Lkw-, Fahrrad- oder Flugzeugreifen, in dem kein Gummi aus Naturkautschuk enthalten ist.
Ursprung im Amazonasbecken
Der Stoff, der den Reifen erst richtig rund macht, stammt ursprünglich aus dem südamerikanischen Amazonasbecken. Dort wächst der Kautschukbaum Hevea brasiliensis, ein 25 bis 40 Meter hoher Laubbaum. Zur Ernte ritzt man die Rinde und fängt den auslaufenden Milchsaft, Latex genannt, auf. Die in Latex enthaltenen feinen Feststoffpartikel verbinden sich mithilfe von Säure zu einer homogenen Masse, die geräuchert, getrocknet und in Form gebracht als Rohkautschuk in den Handel gelangt.
Für die Indios des Amazonasbeckens war Naturkautschuk bereits in vorchristlicher Zeit ein vielfältig genutzter Rohstoff. Sie fertigten daraus unter anderem wasserdichte Gefäße und regenabweisende Kleidung. Die Europäer dagegen konnten mit Naturkautschuk zunächst nichts anfangen. Rohkautschuk, der bei hohen Temperaturen zerfließt und bei Kälte bröckelt, schien als Werkstoff unbrauchbar. Erst mit der Erfindung der Vulkanisation 1839 – einem Verfahren, bei dem unter Zugabe von Ruß, Hitze und Schwefel aus licht- und luftempfindlichem Rohkautschuk dauerelastisches Gummi entsteht – setzte ein beispielloser Run auf den Rohstoff aus dem Regenwald ein.
Das Zentrum des Kautschukhandels war die brasilianische Dschungelstadt Manaus am Rio Amazonas. Von hier aus wurden Kautschukballen in alle Welt verschifft. Knapp 50 Jahre lang hielt Brasilien das Monopol. Bis die Briten Ende des 19. Jahrhunderts 70.000 Kautschukbaum-Samen außer Landes schmuggelten und damit in ihren asiatischen Kolonien Plantagen anlegten. Heute kommen über 90 Prozent allen Naturkautschuks aus Südostasien. Zwar wachsen im brasilianischen Regenwald immer noch Kautschukbäume, doch gegen die dichtbepflanzten Plantagen Asiens hat die brasilianische Sammelwirtschaft keine Chance. Weltweit werden jährlich rund zehn Millionen Tonnen produziert – mit steigender Tendenz. Über zwei Drittel davon nimmt die Reifenindustrie ab.





