von HARTMUT NETZ
Pünktlich zum meteorologischen Winterbeginn Anfang Dezember wurde es grimmig kalt in Deutschland. Ein mächtiges Hochdruckgebiet über Europa blockierte warme Atlantikluft und ließ Kaltluft aus Ost nach West strömen. Eine Wetterlage, die mit Kälte, Windstille und grauem Wolkenbrei in den Niederungen für die erste kalte Dunkelflaute der Wintersaison 2022/23 sorgte. Und während Frost, Schnee und Eis in vielen Teilen des Landes die Menschen auf eine weiße Weihnacht hoffen ließen, wuchs bei den Energieversorgern die Unruhe. Eine Dunkelflaute kann theoretisch mehrere Tage oder gar Wochen dauern. Je länger sie anhält, desto größer ist die Gefahr, dass das Stromnetz kollabiert und die Lichter ausgehen.
Dunkelflauten sind das Damoklesschwert, das insbesondere im Winter ständig über dem deutschen Stromnetz schwebt. Denn die hiesige Energieversorgung stützt sich in zunehmendem Maß auf die Eckpfeiler Sonne und Wind. 2020 lieferten Solaranlagen und Windräder gut ein Drittel des Stroms ins deutsche Netz. Bis 2030 sollen nach dem Willen der Bundesregierung sogar 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Vor allem der Anteil aus Wind und Sonne soll massiv ausgebaut werden. Aus der fossilen Energieerzeugung mittels Kernspaltung und Kohlefeuerung will man dagegen aussteigen. Die letzten drei noch laufenden Atomkraftwerke sollen am 15. April dieses Jahres abgeschaltet werden, das letzte Kohlekraftwerk 2038.
Kohlekraftwerke springen ein
Doch wenn, wie bei einer Dunkelflaute, der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, stockt die Stromerzeugung von Solaranlagen und Windrädern. Herrschen noch dazu eisige Temperaturen, steigt zudem der Strombedarf, denn auch elektrische Wärmepumpen, die deutschlandweit inzwischen viele Wohnungen warmhalten, zapfen ihre Energie aus dem Netz. Damit es nicht zum Kollaps kommt, müssen Back-up-Systeme ran. In Deutschland sind das vor allem Kohlekraftwerke, deren Stromproduktion sich leicht steuern lässt – mit entsprechenden Folgen für die Klimabilanz: Während der Dunkelflaute Anfang Dezember wurden pro Kilowattstunde Strom 720 Gramm CO2 in die Atmosphäre geblasen. Damit war Deutschland zweitgrößter Klimasünder der EU, nur übertroffen vom Kohleland Polen.
Doch was passiert, wenn kein Back-up-System rechtzeitig in die Bresche springt? Damit das Stromnetz stabil bleibt, müssen die Kraftwerke immer genauso viel elektrische Energie einspeisen, wie gerade verbraucht wird. Wie gut Einspeisung und Verbrauch ausbalanciert sind, zeigt sich in der Netzfrequenz. Schwingt der Wechselstrom aus der Steckdose 50-mal pro Sekunde – beträgt seine Frequenz also 50 Hertz –, passt alles. Zapfen die Verbraucher jedoch mehr Strom aus dem Netz, als nachgespeist wird, sinkt die Netzfrequenz unter 50 Hertz. Und umgekehrt: Wird weniger Strom verbraucht, als hereinkommt, steigt die Netzfrequenz über den Zielwert. Leichte Schwankungen sind normal. Doch bei Abweichungen über 0,2 Hertz nach unten oder oben wird es ernst. Schalten die Netzbetreiber dann nicht sofort Kraftwerke zu oder ab, droht der Blackout.





