Mein Onkel Jakob ist ein Ingenieur wie er im Bilderbuch steht. Er entspricht genau dem Klischee des emotionslosen und staubtrockenen Technikers. Für ihn existiert nur, was sich zählen, messen oder wiegen lässt. Gefühle, Kunst und Kultur hält er für Hirngespinste und die Beschäftigung damit für Zeitverschwendung. Onkel Jakob ist Junggeselle. Seine einzige ernsthafte Beziehung, die er kurz nach seinem Studium hatte, endete abrupt, als er auf die Frage seiner Verlobten, ob er sie liebe, antwortete: „Das kann ich dir nicht sagen. Ich weiß zwar, dass Liebe ein elektrochemischer Prozess im Gehirn ist, aber ich bin Maschinenbau-Ingenieur und kein Biochemiker und deshalb nicht in der Lage, diesen Prozess zu quantifizieren.” Vor ein paar Tagen hatte Onkel Jakob für das Wochenende seinen Besuch bei uns angekündigt. „Was machen wir nur drei Tage lang mit ihm?”, fragte meine Frau am Freitagmorgen beim Frühstück. „Lass uns doch zusammen in die Uhrenausstellung gehen, die letzte Woche eröffnet wurde”, schlug ich vor. „Zahnräder und Getriebe von Chronometern müssten einen Maschinenbau-Ingenieur doch interessieren.” Als wir dies Onkel Jakob am Samstag vorschlugen, war er einverstanden, und so fuhren wir in die Stadt. Doch zum Leidwesen meines Onkels hatten die Ausstellungsmacher die Uhren vor allem nach künstlerischen und weniger nach technischen Kriterien ausgewählt. Was meine Frau und mich begeisterte, rief bei ihm nur Unwillen hervor. Mit säuerlichem Gesicht betrachtete er die Exponate. „ Uhren sind Zeitmessgeräte”, erklärte er. „Sie sollten präzise und funktional sein und auf jeden Schnickschnack verzichten. Diese Geräte hier haben völlig überflüssige Figürchen, Türmchen und Bildchen, aber die wichtige Angabe der Messgenauigkeit fehlt.” Er ging auf eine wunderschöne Kaminuhr des Schweizer Uhrmachers Abraham Louis Breguet aus dem Jahr 1780 zu. „25 Minuten nach 2″, sagte er und schaute auf seine Armbanduhr. „Zumindest geht sie richtig.” Dann zog er ein kleines Lasermeter aus der Tasche und richtete es auf die Uhr. „Die Spitzen der beiden Zeiger haben einen Abstand von genau 161 Millimetern”, verkündete er, ohne dass ich verstand, was er damit bezweckte. Als wir uns eine gute Stunde später wieder dem Ausgang näherten, kamen wir erneut an der Breguet-Uhr vorbei. Onkel Jakob trat wieder mit seinem Lasermeter an die Uhr, machte eine Messung und sagte: „Es ist jetzt 25 Minuten vor 4, und die Zeigerspitzen sind genau 199 Millimeter voneinander entfernt.” Nun wurde ich doch neugierig: „ Was sollen diese Messungen?” Onkel Jakobs Antwort kam prompt: „ Wenn ihr nicht nur über die sogenannte Schönheit der Uhren faseln, sondern stattdessen über ihre Funktionen und Maße nachdenken würdet, könntet ihr mir jetzt sagen, welchen Abstand die Zeigerspitzen um genau 9 Uhr hätten.” Sprach’s und verließ ohne eine weiteres Wort die Ausstellung. Wissen Sie, wie weit die beiden Zeigerspitzen um 9 Uhr voneinander entfernt waren?
So machen Sie diesen Monat mit
Teilnehmen kann jeder, außer den Mitarbeitern des Verlags und deren Angehörigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Schicken Sie bitte Ihre Lösung (ausschließlich!) auf einer Postkarte bis zum 31. Juli 2011 an:
bild der wissenschaft, Kennwort „Cogito 07|11″
Ernst-Mey-Str. 8, 70771 Leinfelden-Echterdingen
Die Lösung und die Namen der Gewinner werden im Oktober-Heft 2011 auf der Leserbrief-Seite veröffentlicht.
Zu gewinnen
Unter den Einsendern der richtigen Lösung werden fünf Hörbücher ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Im Hörbuch „Das feurige Ende der Welt” blickt bild der wissenschaft in die ferne Zukunft und berichtet, was Astronomen und Geoforscher darüber wissen. Etwa, dass der Weltuntergang wohl in 7,59 Milliarden Jahren kommt. Dann stürzt die glühende Erde in die sterbende Sonne. Schon viel früher wird das Leben ausgelöscht. Die Ozeane verdampfen, und unser Planet verwandelt sich in einen bizarren Himmelskörper am Sonnenrand. Das Weltall selbst könnte in einigen Trillionen Jahren in sich zusammenstürzen. Mehr Informationen dazu finden Sie unter www.komplett-media.de





