Sanfte Musik träufelt aus dem Kopfhörer: entspannende Klänge – passend zu dem Bild „Blick in eine Gasse” von August Macke. Sobald sich der Besucher des Bonner Kunstmuseums dem Werk des Expressionisten nähert, ertönt eine Stimme: „Die größte Inspiration erfuhr August Macke während seiner Fahrt nach Tunesien im Jahr 1914, auf der ihn Paul Klee und Louis Moilliet begleiteten. Auf der Reise entstanden 38 meisterhafte Aquarelle und über hundert Zeichnungen, darunter auch das Aquarell ‚Blick in eine Gasse‘.” Um diese Stimme zu hören, muss der Museumsgast keine Exponat-Nummern eingeben. Das System weiß auch so genau, wo er sich gerade befindet – sogar, in welche Richtung er schaut: die Vorbedingung für so genannte Location Based Services. Im Kunstmuseum Bonn wird demnächst jeder Besucher mit einem Kopfhörer durch die Ausstellung geschickt, über den er stets die zu dem gerade betrachteten Kunstwerk passenden Informationen und Eindrücke vermittelt bekommt. „Der Kopfhörer besitzt zwei Antennen. Sie senden in kurzen Zeitintervallen Signale aus, die von Antennen überall im Raum empfangen werden”, erklärt Prof. Alois Goiser, wie der Besucher im Museum lokalisiert wird. Goiser leitet die Arbeitsgruppe „Störungstolerante Kommunikationssysteme” am Institut für Industrielle Elektronik und Materialwissenschaften der Technischen Universität Wien. „Ein Computer im Nebenraum errechnet aus den empfangenen Signalen die exakte Kopfposition des Betrachters und stellt den von ihm zurückgelegten Weg durch das Museum grafisch dar”, sagt Goiser. Eine solche Lokalisierung des Betrachters ist die Voraussetzung, um ihm genau dann über Mackes Tunesienreise zu erzählen, wenn er vor dem Bild des Malers steht. Und nur so bekommt das System den Schwenk zur daneben hängenden „Landschaft am Meer” mit, jenem großen Farbteppich des Expressionisten, in den die Blumen und Palmen Tunesiens eingewoben sind. „Nomadische Informationssysteme” nennen das die Wissenschaftler. „Solche Anwendungen sind bislang noch im Versuchsstadium”, beschreibt Prof. Reinhard Oppermann vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnologie in St. Augustin den Stand der Dinge. „Das Problem solcher Systeme ist die bisher mangelhafte Berücksichtigung der aktuellen Interessen des Benutzers”, stellt Oppermann fest. „Einfach nur alle Informationen zu jeder Zeit und überall zugänglich zu machen, reicht nicht aus. Gerade, wenn sich der Benutzer fortbewegt und nur kurz an einzelnen relevanten Stellen verweilt, müssen die Informationen an seine Bedürfnisse angepasst werden.” Sollen Location Based Services hilfreich sein, muss das System die Situation des Benutzers möglichst genau kennen. Es muss seinen Kenntnisstand und seine Interessen ermitteln und zur Präsentation der Informationen die für Umgebung, Technik und Benutzer am besten geeignete Prozedur wählen. „Das schaffen heutige Systeme gar nicht oder nur unzureichend”, klagt Oppermann. Abhilfe soll hier das Projekt „Listen” schaffen, eine Kooperation verschiedener Institute. Das Ziel: Räumliche Umgebungen sollen um akustische Erlebnisse erweitert werden. Dazu erfassen Sensoren die Bewegungen von Menschen in einer virtuellen Umgebung, zur Interaktion erzeugen Computer Sprache, Geräusche, Musik und Klänge. Im Rahmen von „Listen” sollen Museumsbesucher in Bonn ab dem Sommer 2003 multimedial auf Mackes Farben eingestimmt werden. In einem weiteren multimedialen Präsentationsprojekt wird der Schweizer Künstler Beat Zoderer eine Skulpturenlandschaft kreieren, die mit individuellen Klangeindrücken aus Stereo-Kopfhörern kombiniert wird – eigens komponiert von dem Musiker Gerhard Eckel. Ähnliches werden bald auch Touristen in Heidelberg erleben können. Dort schwebt ein Geist durch die Gassen: Er hält inne vor dem Eingang des Klingentors in der Altstadt und erzählt den Besuchern vom bewegten Leben in der Stadt am Neckar, wo er als Wächter vor 380 Jahren den Zugang kontrollierte. Dabei verwandelt sich das Tor vor den Augen der Touristen: Sie sehen das virtuelle Modell des Bauwerks aus der Zeit um 1620. Kein Zauberstab, keine Glaskugel, sondern ein mobiles „Augmented Reality”-Informationssystem ist das magische Instrument für die Touristen von morgen. Virtuelle historische Figuren oder geschichtliche Vorgänge werden ihnen über eine Datenbrille in die reale Umgebung eingeblendet: Die Touristen sehen die tatsächliche Umgebung – und zusätzlich die überlagerten virtuellen Ergänzungen. Der Stadtrundgang wird so zum Rahmen einer spannenden Erzählung, deren Handlung in der Vergangenheit spielt. Die einzelnen Szenarien sind unterschiedlich konzipiert, damit Jugendliche und Erwachsene, Kunstliebhaber, Architekturfans oder Touristen, die einfach nur einige Hintergrundinfos bekommen möchten, die passende Handlung auswählen können. „Mit dem innovativen Informationssystem wird künftig nicht nur die Städtetour, sondern auch der Geschichtsunterricht in der Schule zum Erlebnis”, prophezeit Dr. Uwe Jasnoch, Leiter der Abteilung Graphische Informationssysteme am Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (IGD) in Darmstadt. Mehrere Studentengruppen sollen Prototypen des virtuellen Stadtführers Anfang nächsten Jahres in Heidelberg testen. Alles, was die Touristen brauchen, um mitzuspielen und die Geister sichtbar zu machen, könnte künftig mit dem Spiel-Equipment zusammen geliefert werden, das ihnen die Heidelberger Touristik- Information für die Dauer des Stadtrundgangs ausleihen wird: tragbare Computer mit integriertem GPS-Navigationssystem, spezielle Informationsgeräte und Brillen, in die sich Informationen einblenden lassen. Die Daten sind auf zentralen Servern abgelegt, in die sich der „ Nomade” bei Bedarf einloggt. Das Projekt wird außerdem vom Zentrum für Graphische Datenverarbeitung in Darmstadt und vom European Media Laboratory in Heidelberg betreut. Wissenschaftler am IGD entwickeln ein mobiles Tracking-System für das Umfeld innerhalb der Stadt. Doch es gibt bislang kein Gerät, das seinen eigenen Ort bestimmen und über unterschiedliche Übertragungswege und -protokolle eine Verbindung mit einem Zentralrechner aufbauen kann. Daher werden die Tester der ersten ortsbezogenen Informationssysteme mit einem Rucksack voller Technik durch die Gegend laufen müssen – zum Beispiel bei einem Projekt Stuttgarter Wissenschaftler: „Wir setzen zur Positionierung auf das GPS-System und eine Digitalkamera, die zum Beispiel das Stuttgarter Schloss aufnimmt”, erklärt Martin Bauer, Mitarbeiter an der Abteilung Verteilte Systeme des Instituts für Parallele und Verteilte Höchstleistungsrechner der Universität Stuttgart. Damit weiß die Zentrale, wo sich der Tourist befindet – und kann ihm entsprechende Informationen über die Geschichte des Schlosses anbieten. Die technischen Komponenten bestehen aus einem Laptop mit Lautsprecher oder Kopfhörer, der den gewünschten Inhalt wiedergibt, sowie einem Mobilfunkgerät, das die Datenverbindung aufbaut. Mit dem GPRS-Datendienst funktioniert das schon jetzt recht gut, die Einführung von UMTS in den kommenden Jahren wird die Übertragung der Daten noch wesentlich verbessern. Das Zusammenspiel aller Komponenten wird derzeit in einem Forschungsprojekt namens „Nexus” erprobt. Inzwischen sind an über 40 deutschen Hochschulen Funknetze installiert, in die sich Laptops über spezielle Funkkarten kostenfrei einloggen können. „ So könnte man zum Beispiel auch in der Nähe wichtiger Sehenswürdigkeiten der Stadt Zugangspunkte zu einem Wireless Local Area Network (WLAN) schaffen, über die Personen vor Ort Zugriff auf Internet-Inhalte hätten”, sagt Bauer. An Inhalten herrscht kein Mangel: So entwickelt die Karlsruher Firma YellowMap gemeinsam mit dem Reisebuch-Spezialisten Lonely Planet derzeit ein mobiles Informationssystem im Bereich Tourismus. Per Handy und mit einem geografischen Suchsystem findet der mobile Anwender zahlreiche Sehenswürdigkeiten, Hotels, Campingplätze, Restaurants, Bars und Cafés in verschiedenen Ländern. Zu den abrufbaren Informationen gehören Eintrittspreise, Öffnungszeiten, Hotelkategorien und Ausstattung. Reisetipps komplettieren das Angebot. In einer zweiten Ausbaustufe soll es zudem möglich sein, sich vor Ort über touristische Attraktionen zu informieren. Sobald sich der Reisende dem Eiffelturm, Buckingham Palace oder Kolosseum nähert, werden automatisch die bereitstehenden Informationen zu der Sehenswürdigkeit auf das Handy übertragen. „ Ein zentrales Forschungsthema für Nomadische Informationssysteme ist die Entwicklung von Techniken, um die aktuelle Situation möglichst einfach und unaufdringlich zu ermitteln”, sagt Reinhard Oppermann. „Die Systeme müssen in verschiedenen Umgebungen funktionieren, innerhalb und außerhalb von Gebäuden, grobmaschig und feinmaschig.” Gleichzeitig müssen Belange des Datenschutzes berücksichtigt werden. Denn ein Dienst, der den Aufenthaltsort des Benutzers konsequent verfolgt, wird nur akzeptiert, wenn dieser sicher sein kann, dass seine Daten vor Missbrauch geschützt sind. Die technischen Ausrüster für Mobilfunknetze versuchen deren Betreibern seit Jahren schmackhaft zu machen, ihre Infrastruktur dafür zu nutzen. Das Konzept Nex2me des US-Unternehmens Comverse aus Wakefield in Massachusetts zum Beispiel soll schon bald so genannte Presence Services ermöglichen – transparente und geräteunabhängige Dienste über alle Plattformen hinweg. So könnte man zum Beispiel ein Foto vom PC an einen Persönlichen Digitalen Assistenten (PDA) schicken, mit dem ein Außendienstler unterwegs ist. Sehr komfortabel ist die Möglichkeit, spontan innerhalb einer bestimmten Region Gemeinschaften – so genannte Communitys – mit anderen Nutzern, die ähnliche Interessen haben, bilden zu können. Zum Beispiel könnte man sich auf diese Weise spontan mit Personen, die gerade in der Nähe sind, zu einem Kinobesuch oder einem Tennismatch verabreden. Das System funktioniert ähnlich wie eine so genannte Buddy-Liste im Internet: Darin kann ein Web-Surfer eine Namensliste von beliebig vielen Freunden und Bekannten anlegen – und bekommt durch ein grafisches Symbol stets mitgeteilt, wer von diesen gerade ebenfalls online ist. Impulse für die Einführung von Location Based Services dürften auch vom Militär kommen. So entwickelt das Unternehmen ITT Industries aus White Plains im US-Bundesstaat New York gemeinsam mit mehreren anderen Firmen ein so genanntes taktisches Internet. Ein solches Netz wurde in den USA bereits erfolgreich getestet, im September soll es einsatzbereit sein. Sein zentrales Element ist ein „ Situationserfassungs-System”: Es vermittelt Soldaten im Einsatz eine Vorstellung, wo sie sich gerade befinden, wo sich ihre Kameraden aufhalten, und wie sie am schnellsten und sichersten an ihr Ziel kommen.
Kompakt
Das Bonner Kunstmuseum plant ein Pilotprojekt zum Einsatz von ortsbezogenen Informationssystemen. Touristen in Heidelberg sollen künftig mithilfe von Virtual-Reality-Technik direkt in die Historie der Stadt eintauchen können. Location Based Services sollen spontan Menschen zusammenbringen, die sich in derselben Gegend aufhalten und ähnliche Interessen haben.
Ulrich Schmitz





