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Der lange Weg zum modernen Glas
Egal ob in der Architektur, dem Fahrzeugbau, der Technik oder dem Alltagsgebrauch: Gegenstände aus Glas sind völlig unverzichtbar. Doch selbst wenn es heute noch Gläser „wie früher“ gibt, so hat sich über die Jahrhunderte vieles verändert.
Gläserne Kuppel im Pariser Kaufhaus Printemps. Bild: GFreihalter / CC BY-SA 4.0
7,87 Millionen Tonnen Glas wurden anno 2022 allein in Deutschland produziert. Gut die Hälfte davon war Behälterglas, mehr als ein weiteres Viertel Flachglas. Der geringe Rest entfiel auf Spezialgläser, Glaswolle und Ähnliches.
7,87 Millionen Tonnen Glas. Zum Vergleich: Der Burj Khalifa in Dubai bringt es als höchstes Gebäude der Welt „nur“ auf 500.000 Tonnen Gesamtgewicht. Was die Welt-Glasproduktion anbelangt, sprechen wir sogar von jährlich etwa 130 Millionen Tonnen. Das entspricht ziemlich genau dem Gewicht eines Drittels der Erdbevölkerung – die wiegt zusammen 390 Millionen Tonnen.
Solche Zahlen zeigen eines ganz eindeutig – Glas ist ein völlig unverzichtbares Material. Denn es vereint so wichtige Eigenschaften wie
Transluzenz bzw. Transparenz,
enorme Härte,
freie Verformbarkeit,
Hygiene und
chemische und physikalische Resistenz
mit einer nahezu unbegrenzten Wiederverwertbarkeit. Doch selbst wenn manche heutigen Glassorten stark demjenigen ähneln, was bereits zu römischen Zeiten produziert wurde, so hat sich trotzdem vieles getan.
Glas – eine Definition
Selbst ein kundenberatender Optiker würde wohl von einem Brillenglas sprechen, obwohl es sich eigentlich um ein Polycarbonat handelt – also einen Kunststoff.
Denn Tatsache ist, es gibt „Glas“ und „Glas“ – der dem Germanischen entstammende Begriff hat heute sowohl eine originär-technische als auch eine generische Bedeutung. Stellt sich die Frage, was „echtes“ Glas ist und was nur dem Namen nach.
Hier gibt es mehrere Definitionsmöglichkeiten:
Glas ist jedes feste Material, das eine vergleichsweise hohe Lichttransmission aufweist – egal ob natürlich oder künstlich entstanden.
Glas besteht nur aus Materialien, die durch eine Schmelze entstanden sind. Hier könnte man noch auf einen menschlichen Herstellungsprozess eingrenzen.
Glas kann nur sein, was hauptsächlich auf einigen distinktiven Materialien wie insbesondere Siliziumdioxid besteht.
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Es gäbe noch mehr Definitionsmöglichkeiten. Keine davon wäre alleinig richtig oder völlig falsch. Beispielsweise könnte man nichtkristallin erstarrte Metall-Legierungen oder Vulkangesteine aufgrund ihrer Transparenz ebenso als Glas bezeichnen – oder natürlich transluzente Materialien wie Bernstein.
Die große Masse aller Gläser hat jedoch einen silikatischen Ursprung, weshalb wir uns im weiteren Textverlauf etwas auf sie fokussieren werden.
Dazu noch eine kurze Begriffskunde:
Transluzenz: Durchscheinend für Licht, aber nicht durchsichtig.
Transparenz: Durchsichtig für das menschliche Auge. Gegenstände sind dahinter erkennbar.
Wie der Mensch zum Glas fand und es über Jahrtausende herstellte
Der moderne Mensch verwendet Glas bereits seit der Jungsteinzeit – allerdings nicht im heutigen Sinn. Über viele Jahrtausende hinweg zogen unsere Vorfahren ausschließlich natürlich entstandene Gläser (hauptsächlich Obsidian) heran, die sie aufgrund ihrer Härte und scharfen Kanten als Schneidwerkzeuge verwendeten.
Jedoch ist die Nutzung als wenigstens transluzentes Wandmaterial (etwa Fensterglas) ebenfalls sehr alt – selbst wenn erst ab der Antike eine derartige Nutzung von Glimmer oder spaltbaren Kristallen wie Selenit wirklich nachgewiesen ist.
Als Zeitstrahl sieht das folgendermaßen aus:
ca. 10.000 v. Chr. – Beginn der Nutzung von u.a. Obsidian als Werkzeug sowie künstlich (Blitzeinschläge, Vulkanismus etc.) entstandenen Gläsern als Schmuckstücke.
ca. 1.500 v. Chr. – Verwendung künstlich hergestellter Siliziumgläser in Ägypten und im Bereich des Fruchtbaren Halbmondes für Schmuck, Trinkgefäße und diverse andere Gegenstände. Damals wurden ebenso bereits erste farbige Gläser hergestellt.
ca. 500 v. bis 500 n. Chr. – Umfassende Herstellung von Gläsern in den griechischen, römischen und weiteren antiken Kulturen. Hierunter bereits erste großflächige Flachgläser. In Rom wurden zudem transluzente Mineralien als lichtdurchlässige Fenstermaterialien genutzt.
Kunstvolles römisches Diatretglas. Bild: Museo Archeologico di Milano – Immagini di Mediolanum / Gemeinfrei
Speziell im alten Rom hatte sich bereits eine überraschend diversifizierte Glasindustrie mit Primär- und Sekundärherstellung etabliert. Das Material war überaus gängig, wurde in sämtlichen Bevölkerungsschichten genutzt. Damals wurden zudem Glasperlen zu einem hochbeliebten Gegenstand. Er konnte sich noch bis in die Renaissance in vielen Ecken Europas als Zahlungsmittel und Handelsware behaupten.
Nach dem Untergang des (West-)Römischen Reiches übernahmen nachfolgenden Kulturen viele Praktiken. Aufgrund der Rohstoffsituation wurde aber noch bis ins frühe Mittelalter Römisches recycelt – durch das Ende der römischen Handelswege mangelte es in Mitteleuropa lange Zeit an Flussmitteln. Dann erkannte man jedoch die Möglichkeit, dafür Bleioxid und Kalziumkarbonat aus Holzasche nutzen zu können.
In dieser Zeit bildete sich in Europa eine erste eigenständige Glasart heraus, das sogenannte Waldglas*: Buchenholzasche und Sand wurden getrocknet und vermischt und anschließend zu Glas verschmolzen. Erkennbar ist dieses Glas an seiner eisenbedingt grünlichen Verfärbung. Aufgrund limitierter Möglichkeiten zur Herstellung von größeren Flachgläsern wurde es häufig bei der Produktion von Butzenscheiben genutzt – also größere Glasscheiben, die aus mehreren kleinen, flachen Glaszylindern zusammengesetzt sind.
Nach heutigem Wissensstand führte dies zu einer frühen Form von Raubbau: Da sowohl für die Asche als auch die Hitze enorme Holzmengen nötig waren, wurden innerhalb weniger Jahrhunderte große Waldflächen Mitteleuropas gerodet.
Die wichtigsten Bestandteile der Glasherstellung
Gläser lassen sich, wie im ersten Kapitel erwähnt, aus unterschiedlichsten Materialien herstellen. Rein mengenmäßig stellen allerdings silikatische Gläser die mit Abstand wichtigste Gruppe dar. Sie sind amorph, nicht kristallin und basieren mehrheitlich auf Siliziumdioxid. Genauer werden solche Gläser Kalk-Natron-Glas genannt.
Siliziumdioxid in Form von Quarzsand;
Natriumkarbonat in Form von Soda;
Kalziumkarbonat in Form von Kalk.
Diese drei Bestandteile werden pulverisiert und zu einer homogenen Masse vermischt. Erhitzt auf mehr als 1.200°C entsteht ein je nach Reinheitsgrad transluzentes bis transparentes Silikat.
Je nach gewünschtem Ergebnis können weitere Bestandteile ergänzt oder ersetzt werden. Einige Beispiele hierzu:
Bleiglas: Durch Beigabe von Bleioxid wird das beim Schmelzen entstehende Kalziumdioxid ersetzt. Es entsteht ein Glas, das selbst bei großer Dicke hervorragende optische Eigenschaften aufweist (und radioaktive Strahlung abschirmt).
Quarzglas: Wird durch reines Siliziumdioxid hergestellt, ist extrem temperaturbeständig und – im Gegensatz zu vielen anderen Gläsern – weit in den infraroten und ultravioletten Bereich durchlässig.
Borosilikatglas: Dem Siliziumdioxid werden unter anderem Aluminiumoxid, Bortrioxid und (Erd-)Alkalioxide beigefügt. Dadurch entsteht ein Glas mit hoher chemischer Resilienz und Temperaturunempfindlichkeit. Labor-Glasgeräte etwa bestehen praktisch ausschließlich aus Borosilikatglas.
Diese vier Glassorten gehören zu den mit Abstand wichtigsten und geläufigsten im Bereich der anorganischen, nichtmetallischen Gläser. Allein schon aufgrund der hochinteressanten Zusammensetzung seien im Folgenden allerdings auch kurz metallische Gläser näher erläutert.
Normalerweise besitzen Metalle bzw. Metalllegierungen eine kristalline Struktur. Werden jedoch sogenannte Netzwerk- bzw. Glasbildner in ausreichender Menge beigegeben (etwa Bor) und die Schmelze sehr schnell abgekühlt, wird eine Kristallisation verhindert. Es entsteht ein Metall mit amorpher Struktur und einer überlegenen Härte und Korrosionsbeständigkeit.
Bislang allerdings existieren keine transluzenten oder gar transparenten Gläser dieser Art. Metallische Gläser sind mit bloßem Auge nicht von herkömmlichen Metallen zu unterscheiden.
Das Floatglasverfahren: Das heute wichtigste Verfahren zur Flachglasproduktion
Über Jahrtausende hinweg musste die Menschheit mit zwei Limitierungen leben:
War ein wirklich transparentes Glas gewünscht, musste dieses in zähflüssigem Zustand durch Blasen und Saugen in Form gebracht werden. Dabei ist jedoch gerade bei Flachglas die Größe stark limitiert. In den 1500er Jahren etwa entstand das Mondglasverfahren. Dabei wird eine noch weiche, geblasene Glaskugel ähnlich wie ein Pizzateig geschleudert, dadurch rund und recht flach. Es entsteht jedoch zwangsläufig ein Flachzylinder mit höchstens zirka 1.200 mm Durchmesser und einer markanten Verdickung in der Mitte – die Butze und somit das wichtigste Merkmal von Butzenglas.
Dünnes, (heterogen) sehr flaches oder allgemein größeres Glas musste gegossen werden. Bereits im alten Rom nutzte man dafür Sandformen. Sie sorgten allerdings für eine merkliche Rauheit dieser Scheibenseite, wodurch die Transparenz stark reduziert wurde. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts nutzte man glattere Kupferformen und Walzen – jedoch waren dann immer noch teils aufwendige Polierarbeiten nötig.
Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts entstanden Verfahren, die zu vertretbaren Preisen dünnes, vollständig transparentes Flachglas gestatteten – sogenanntes Spiegelglas. Seit den 1960er Jahren überwiegt jedoch bei der industriellen Großserienfertigung eine andere Methode, das Floatglasverfahren.
Der Name ist hier buchstäblich Programm: Die Glasschmelze schwimmt (engl. float) im flüssigen Zustand. Genutzt werden hierbei Becken, die mit flüssigem Zinn gefüllt sind.
Die allermeisten Gläser haben eine geringere Dichte als Zinn. Zudem hat dieses eine recht hohe Oberflächenspannung. Die Schmelze schwimmt also problemlos darauf.
Zinn hat einen vergleichsweise niedrigen Schmelzpunkt (231,93°C), das sorgt für einen geringen Energiebedarf. Im Gegensatz zu anderen Metallen mit ähnlichen Eigenschaften ist es jedoch nicht toxisch.
Aufgrund der Dichte und der Oberflächenspannung ist die Zinnschmelze unempfindlich gegen Vibrationen und andere Erschütterungen von außen.
Die Glasschmelze wird kontinuierlich in hintereinandergeschaltete Zinnbecken gegeben. Diese sind in allmählich geringer werdende Temperaturbereiche unterteilt. Die Glasschmelze verteilt sich darauf, wodurch eine einheitliche (und sehr geringe) Dicke möglich wird. Derart wird das „Glasband“ über mehrere Becken geleitet, bis es erstarrt ist und keine unkontrollierten Spannungen mehr drohen.
Was die geringstmögliche Dicke sowie die allgemeine Glasgüte und die Produktionskosten pro Flächeneinheit anbelangt, ist das Floatglasverfahren aktuell die mit Abstand beste Herangehensweise. Das Ergebnis ist so überzeugend, dass heutzutage weit über 90 Prozent aller weltweit hergestellten Gläser so gefertigt werden.
Pro Stunde lassen sich damit in einer durchschnittlich großen Anlage pro Stunde mehrere tausend Quadratmeter Glas in einer typischen „Fensterglasdicke“ von etwa 4 bis 5 mm herstellen – die hernach in beliebige Formen geschnitten werden können.
Panzerglas-Schaufenster eines Juweliers nach einem Einbruchsversuch. Bild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
Zwischen Verbund-Sicherheitsglas und ALON: Spezialgläser im Portrait
Herkömmliche Gläser haben zwei ausgeprägte Eigenschaften, die je nach Nutzung starke Nachteile sein können:
Durch die hohe Härte ist das Glas recht spröde. Bei entsprechender Belastung bricht es deshalb ohne vorherige plastische Verformung – meist ganzflächig.
Bricht Glas, entstehen große und an den Rändern scharfe bzw. spitze Splitter.
Für verschiedene Anwendungen fallen herkömmliche Gläser deshalb (heutzutage) aus oder sind sogar gesetzlich verboten.
Ein wichtiges Beispiel hierfür sind Fahrzeuge. Egal ob PKW, LKW oder Sonderfahrzeug: Hier darf nur sogenanntes Sicherheitsglas verwendet werden. Das kann zu Situationen führen, in denen ein schneller Austausch selbst für Spezialvarianten zwingend nötig ist, um einen (gesetzeskonformen) Weiterbetrieb zu gewährleisten – denn selbst Sicherheitsglas ist definitiv nicht unzerstörbar. Es hat jedoch diesbezüglich deutlich bessere Eigenschaften. Sie entstehen durch eine spezielle Produktionsweise:
Grundsätzlich handelt es sich dabei um „herkömmliches“ Flachglas. Wo es, unter anderem für Fahrzeuge, nötig ist, dieses zu biegen, so geschieht dies, indem die plane Glasscheibe wieder erhitzt wird, bis sie sich durch ihr eigenes Gewicht über eine Form biegt. Dann erfolgt der eigentliche Prozess:
Das Kalk-Natron-Glas wird nach dem Erhitzen sehr rasch auf kontrollierte Werte abgekühlt. Dadurch entstehen Spannungen zwischen Außenseite und innerem Kern der Scheibe. Das Ergebnis ist ein Glas, das
deutlich resistenter gegen mechanische Belastungen ist,
plötzliche Temperaturveränderungen oder ungleiche Erwärmung deutlich besser verkraftet und
bei Beschädigungen in viel kleinere und dadurch leichtere Scherben zerbricht.
Wohl haben diese Bruchstücke immer noch scharfe Kanten und können spitz sein. Durch das geringere Gewicht ist ihr Verletzungspotenzial, insbesondere beim Herabfallen, jedoch deutlich verringert.
Ein solches Basis-Sicherheitsglas ist im deutschsprachigen Raum als Einscheibensicherheitsglas (ESG) bekannt. Es ist für viele Fahrzeugverglasungen ebenso Standard wie bei gläsernen Regalböden, Duschverkleidungen und vielem mehr.
Dort allerdings, wo es bei Schäden möglichst gar keine Absplitterungen geben bzw. die Scheibe als Ganzes erhalten bleiben soll, wird ein darauf aufbauendes Glas genutzt: Mehrscheibensicherheitsglas, besser bekannt als Verbundsicherheitsglas (VSG).
Solche Scheiben entstehen, indem zwei dünne ESG-Scheiben mit einer besonders belastbaren Kunststofffolie als Kern zu einem Sandwich-Verbund laminiert werden. Indem der Brechungsindex von Gläsern, Folien und Klebern aufeinander abgestimmt wird, wirken diese Scheiben dennoch wie „aus einem Guss“.
Kommt es zu einer Beschädigung, hält die Folie die Bruchstücke beider Seiten weitgehend zusammen. Die Scheibe bietet daher noch einen Restschutz. In Deutschland ist VSG im Fahrzeugbau zumindest für die Windschutzscheibe gesetzlich vorgeschrieben. Je nach Fahrzeugklasse bestehen jedoch ebenso andere Scheiben daraus.
Ferner wird Verbundsicherheitsglas überall dort genutzt, wo die Integrität der ganzen Scheibe selbst in ungünstigsten Fällen gewahrt bleiben muss, das sind etwa:
Gläserne Geländer bzw. Brüstungen;
Allgemeine Verglasungen in gefährdeten Bereichen wie Schulen, Pflegeeinrichtungen, Tierparks oder Schwimmbädern;
Deckenverglasungen über menschlich genutzten Bereichen.
Allerdings ist VSG aktuell nicht mehr die Antwort auf alle Fragen. Beispielhaft für eine völlig andere Herangehensweise ist Aluminiumoxynitrit, besser bekannt unter seinem Handelsnamen ALON.
Dabei handelt es sich ebenfalls um einen transparenten Werkstoff, jedoch kein Glas herkömmlicher Prägung. Vielmehr ist ALON ein keramischer (und daher im Gegensatz zu Glas kristalliner) Werkstoff. Er basiert auf einer Verbindung von
Aluminium,
Sauerstoff und
Stickstoff.
Die Herstellung ist ebenfalls anders. Die pulverförmigen Bestandteile werden verpresst und dann gesintert (nicht wie herkömmliches Glas aufgeschmolzen). Dennoch entsteht ein vollständig transparenter Werkstoff.
Seine große Stärke liegt in der enormen Härte, die nahe an diejenige des Saphirs heranreicht. Dadurch ist ALON unter anderem sehr interessant für eine weitere Anwendung, bei der bislang primär ganz spezielle VSG genutzt werden:
Extrem hart im Nehmen: Panzerglas
Bei verschiedenen Anwendungen gibt es keine Alternative zu einem transparenten Material. Gleichsam darf dieses jedoch aufgrund des Einsatzzwecks selbst bei extremen kinetischen Belastungen zumindest keinen vollständigen Bruch erleiden.
Was diese Faktoren anbelangt, ähneln sich Gläser vor bedeutenden Kunstwerken, Bankschaltern, in unterschiedlichsten Panzerfahrzeugen und im Frontbereich von verschiedenen Flugzeugen sowie weiteren Installationsorten bemerkenswert.
Denn bei jedem davon drohen unter anderem Impakte mit hoher kinetischer Energie auf einer ziemlich kleinen Fläche: Der Pflasterstein eines Randalierers, der Hammer eines Einbrechers, eine auftreffende Gewehrkugel, ein großes Hagelkorn oder Druckwellen und Splitter von Detonationen.
Für einen überraschend großen Einsatzbereich werden deshalb Panzergläser benötigt.
ALON ist durch seine inhärente Härte grundsätzlich sehr gut dafür geeignet. Es bewies seine Leistungsfähigkeit bereits beim testweisen Beschuss mit mehreren speziell panzerbrechenden, sehr großkalibrigen Gehwehrprojektilen.
VSG kann zu Panzerglas gemacht werden. Dafür werden besonders harte Gläser und spezielle Laminatfolien genutzt. Außerdem besteht der Verbund – je nach Schutzklasse – aus mehr als lediglich drei Schichten. Bei Tiefsee-Forschungs-U-Booten etwa können diese Glasblöcke 100 mm und stärker ausfallen.
Polykarbonat- und Acrylgläser aus Kunststoffen können für sich allein Panzerglas sein. Typischerweise werden sie jedoch nur für untere Schutzklassen herangezogen.
Bei VSG-Panzerglas wird zudem häufig auf der „sicheren“ Seite eine finale Schicht aus einem besonders widerstandsfähigen Polykarbonat aufgebracht. Dessen Hauptzweck ist es, als sogenannter Spall Liner zu dienen. Werden durch den Impakt auf der letzten Glasschicht Bruchstücke herausgelöst, werden sie dadurch aufgefangen, bevor sie womöglich eine Person oder den zu schützenden Gegenstand treffen.
Dabei bestimmen drei Faktoren die Wahl des Panzerglases:
Die Art der Belastung. So unterscheiden etwa die deutschen Testnormen zur Ermittlung von Schutzklassen die Belastungen Durchwurf/Durchbruch, Beschuss und Sprengwirkung.
Der erwartbare Grad der Belastung. Beispielsweise müssten die Sichtblöcke eines militärischen Panzerfahrzeugs deutlich größere Auftreffenergien verkraften als die Schaufensterscheibe eines Juweliergeschäfts.
Das erlaubte Gewicht. Es spielt sowohl hinsichtlich der Statik als auch des Energieverbrauchs eine Rolle. Bei der gepanzerten Limousine von Bundeskanzler Olaf Scholz etwa wuchs das Leergewicht von 2,35 auf rund 4,20 Tonnen nur durch die Schutzumbauten (wobei hierzu allerdings nicht nur Panzerglas gehört).
Naturgemäß gehört Panzerglas pro Flächeneinheit zu den kostspieligsten Gläsern überhaupt.
Glas und das Thema Nachhaltigkeit
Für das abschließende Kapitel erinnern wir kurz an die enormen Glasmengen, die alljährlich produziert werden. Angesichts dessen ist es zwingend nötig, auf die Positiva und Negativa von Gläsern hinsichtlich des breiten Nachhaltigkeitsthemas zu blicken. Das gestaltet sich bei „traditionellen“ Gläsern auf Silikatbasis folgendermaßen:
Positiv: Glas lässt sich sehr gut reinigen und ist dadurch für hygienisch einwandfreie Wiederverwendbarkeit nutzbar – etwa bei Pfandflaschen.
Negativ: Viele Glassorten nehmen durch ihre große Härte recht leicht Schaden – leichter als andere Materialien wie etwa herkömmliche Metallwerkstoffe.
Positiv: Die für Herstellung und Umformung nötige Hitze kann mit sehr nachhaltigen Energieträgern erfolgen und ist an keinen bestimmten Energieträger gebunden.
Negativ: Es sind recht hohe Temperaturen (und somit Energiemengen) deutlich jenseits von 1.000°C vonnöten, um Glas herzustellen und zu verformen.
Positiv: Glas ist enorm kratzfest und witterungsbeständig. Dadurch kann es viele Jahrzehnte und mehr überdauern.
Negativ: Das Gewicht ist recht hoch, weshalb beim Transport hohe Energiemengen nötig sind.
Positiv: Abgesehen von Bleiglas (bei dem sich Blei durch Säuren herauslösen kann) gibt es bei Glas keinerlei Wechselwirkungen und es findet keine Transmission bedenklicher Stoffe, wie etwa BPA bei Plastik, statt.
Zudem muss noch eines bedacht werden: Ähnlich wie Metalle kann Glas nahezu unbegrenzt oft aufgeschmolzen, dadurch in seine Bestandteile zerlegt und somit recycelt werden. Das einzige, was diese Wiederverwertung buchstäblich „eintrüben“ kann, sind Farbstoffe – weshalb farbige Gläser streng getrennt werden sollten.
Zusammengefasst
Von Obsidian, mit dem unsere steinzeitlichen Vorfahren überlegene Werkzeuge herstellen konnten, über Waldglas, das zu einer frühen Form von Raubbau beitrug, bis zu modernen Verbundsicherheitsgläsern war es nicht nur in kalendarischer Hinsicht ein weiter Weg.
Glas hat sich längst von seinen primären Einsatzzwecken ebenso weit entfernt wie von seinen wenigen Rezepturen und Herstellungsverfahren. Dennoch ist ebenso vieles heute noch exakt so, wie vor vielen Jahrhunderten – egal ob beim Trinkglas oder bloß einer dekorativen Kette aus Glasperlen.
Glas ist daher im besten Sinn ein zeitloses Material, das vor allem im technischen Bereich selbst in fernster Zukunft zweifellos eine enorme Bedeutung beibehalten wird.
*Wegen des Holzbedarfs standen derartige Glashütten inmitten von Wäldern in Gewässernähe, daher der Name.
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