Forscher aus Japan haben den elektronischen Kuss übers Internet erfunden.
Tanja studiert in Berlin, Tommy baut in Kenia einen Staudamm. Moderne Kommunikation macht es möglich, dass sie via Skype allabendlich von Angesicht zu Angesicht sehnsuchtsvolles Liebesgeflüster austauschen können. Um sich noch näher zu sein, küssen sie unter körperlichen Verrenkungen sogar gelegentlich ihre Monitore ab. Solche Liebesakrobatik werden die beiden künftig nicht mehr vollführen müssen, denn japanische Forscher an der Universität für Elektrokommunikation in Tokio haben eine Technologie entwickelt, um Küsse per Internet zu übertragen. Das „ Kiss Transmission Device” macht das Zungenspiel der Liebenden via Web spürbar.
An der Entwicklung war Nobuhiro Takahashi beteiligt, der das lustvolle Vergnügen in einem Youtube-Video (www.youtube.com/watch?v=PspagsTFvlg) vorführt. Er zeigt auf zwei handliche Plastikboxen, aus denen je ein Röhrchen herausragt. Takahashi spielt mit seiner Zunge am Plastikrohr der einen Box herum und bringt es dadurch in Bewegung. Deutlich erkennbar vollzieht das Rohr an der anderen Box dieselben Kreise – völlig synchron.
Die vom Absender mit der Zunge erzeugten Bewegungen reicht ein Motor in der Kussbox an einen Signalwandler weiter. Der macht aus den analogen Messdaten von Richtung, Dauer und Geschwindigkeit der Drehungen digitale Informationen, die an den PC gesendet werden. Dort komprimiert eine Software die Daten zu einem transportfähigen Paket und schickt sie via Web auf die Reise. Beim Empfänger-PC angekommen, dekomprimiert die gleiche Software das Paket und sendet die Daten an den Signalwandler in der Kussbox, wo die digitale Information wieder in eine analoge übersetzt und an den Motor der Kussbox übertragen wird. Dann kann dort das Röhrchen die Zungengrüße ausrichten. Die E-Küsse lassen sich auch speichern. Wenn sich Tanja in der Vorlesung langweilt, kann sie auf ihrem Laptop die Kuss-Datei anklicken, mit dem Mund das Röhrchen ihrer Kussbox umschließen und sich vom Zungenspiel ihres Liebsten in die Hitze Kenias entführen lassen. Allerdings: Zu kaufen gibt es das gefühlsechte Gerät noch nicht.
Bald auch mit Geschmack
Fraglich ist, ob der elektronische Zungenkuss so wirkt wie ein echter. Der regt die Produktion von Sexualhormonen und Serotonin an und hemmt das Stresshormon Cortisol. Das Küssen gilt durch seine positiven Auswirkungen auf Gehirn, Herz und Immunsystem als gesundheitsfördernd. Nobuhiro Takahashi hat bereits die Weiterentwicklung des Kiss Transmission Device angekündigt. So soll künftig auch der Geschmack des Kusses übertragen werden. Dann kann der Partner das persönliche Kussgemisch aus Wasser, Eiweiß, Drüsensekret, Salz und Fett des anderen schmecken. Später möchten die japanischen E-Kiss-Erfinder auch Berührungen und Atmung via Internet übermitteln.
Die technologische Grundlage für dieses haptische Vergnügen könnte eine Entwicklung aus München bieten. Dort haben Forscherteams um Angelika Peer vom Institut für Steuerungs- und Regelungstechnik sowie Martin Rothbucher vom Lehrstuhl für Datenverarbeitung der Technischen Universität einen Spezialhandschuh für die Arbeit mit Telerobotern in weit entfernten Einsatzgebieten geschaffen. Er ermöglicht es, bei der Fernsteuerung über Sensoren die Eindrücke des Roboters wie Druck, Hitze, Kälte oder Rauheit hautnah zu fühlen. Räumlich getrennte Paare könnten so die warme, weiche Haut des anderen am Ende der Leitung spüren. ■
von Rowena Grell





