Wie ein Raubvogel kreist der Stift über der virtuellen Tastatur auf dem Touchscreen, um sich dann auf den gesuchten Buchstaben zu stürzen – und gleich darauf wieder zum Erkundungskreisen abzuheben. Es kann einen schon in den Wahnsinn treiben, das stockende Antippen von Buchstaben auf dem Bildschirm-Keyboard eines elektronischen Terminplaners oder gar die leidige Tipperei von SMS auf eine winzige Handy-Tastatur. Auch die Handschrifterkennung, die manche Organizer beherrschen, wird häufig zur Geduldsprobe: Man braucht oft mehrere Anläufe, bis das System erkennt, welchen Buchstaben man mit dem Spezialstift auf den Touchscreen geschrieben hat.
Ginge es nach Shumin Zhai, wäre es damit bald vorbei. Begeistert wedelt der IBM-Forscher in seinem Labor in Almaden (Kalifornien) mit einem Stift vor einem Display herum – und kritzelt ein Muster nach dem anderen auf die virtuelle Tastatur auf dem Monitor. „Statt Taste für Taste auf einer externen Tastatur anzutippen, verbindet man bei dem neuen Eingabesystem die einzelnen Buchstaben auf dem Touchscreen zum gewünschten Wort” , erklärt Zhai. „Den Stift braucht man bei der Eingabe nicht vom Display zu nehmen – man schreibt in einem Zug.” Die Software erkennt problemlos die Muster, die Zhai mit seinem Stift gezeichnet hat, vergleicht sie mit einem gespeicherten Lexikon und übersetzt das Muster in das damit identifizierte Wort. Zwar fährt der Stift beim Kritzeln auch über Buchstaben, die nicht zum eingegebenen Wort gehören. Doch Algorithmen lassen das System erkennen, welche Kombination aller „überfahrenen” Buchstaben mit der größten Wahrscheinlichkeit die Richtige ist. Buchstaben, die nur zufällig auf dem Weg des Stiftes lagen, werden ignoriert. Fischt das System doch einmal einen falschen Begriff aus dem Lexikon heraus, lässt sich der Fehler rasch korrigieren, indem man den richtigen Begriff aus einem Menü mit mehreren möglichen Wörtern auswählt.
„ShapeWriter” (Formenschreiber) heißt das neue Eingabesystem, das die Verständigung zwischen Mensch und tragbaren elektronischen Geräten aller Art erleichtern soll. In der Schnelligkeit und der einfachen Handhabung sieht Zhai den großen Vorteil der Technologie. „Gibt man damit Wörter oder Texte ein, erfordert das viel weniger Konzentration als beim Tippen”, erklärt er. Manche Anwender bringen es auf 70 Wörter pro Minute. Das ist zwar etwas weniger als über eine herkömmliche Tastatur, doch handschriftlich wären nur etwa 20 Wörter pro Minute drin. Zum Vergleich: Mit virtuellen Tastaturen, bei denen jeder Buchstabe der Reihe nach mit einem Stift angetippt werden muss, schaffen geübte Anwender 45 Wörter pro Minute. „Will man nur Namen und Telefonnummern eingeben, reicht Tippen auf dem Touchscreen oder Handschrifterkennung aus”, sagt Zhai, „für längere Texte aber taugen beide Methoden nichts.”
Auch beim ShapeWriter muss man anfangs nach den richtigen Buchstaben suchen, doch die Muster von Wörtern lassen sich rasch merken. Nach einiger Übung konnten die Tester die Muster zeichnen, ohne hinzusehen. „Schon nach vier Trainingsstunden haben sich die meisten Anwender rund 60 Muster gemerkt”, fasst Zhai eine Studie zusammen, die er bei IBM gemacht hat. „Das sind fast 40 Prozent der Wörter, die man üblicherweise braucht, um sich auszudrücken.” Auch die Anordnung der Buchstaben auf dem Display soll den Benutzern das Leben erleichtern: Die Forscher haben sie so gestaltet, dass die am häufigsten verwendeten Lettern möglichst dicht beieinander liegen. Zudem sind die Buchstaben von A bis Z von oben links nach unten rechts angeordnet, damit man Buchstaben, deren Platz auf der „Tastatur” man sich noch nicht gemerkt hat, schnell finden kann.
Bislang existiert der ShapeWriter nur im IBM-Labor. Wann die ersten Organizer oder Handys damit ausgestattet sein werden, ist noch offen. Shumin Zhai ist fest davon überzeugt, dass sich sein System dann gegen die Konkurrenten zur Texteingabe spielend durchsetzen wird. ■
Janine Drexler





