Eine junge Frau in den Presswehen: Mit einem Knall schießt das Baby wie eine Kanonenkugel durch den Kreißsaal und durchs Fenster. Auf seinem Flug altert das Neugeborene in Sekunden zum Greis, der schließlich in ein Grab stürzt. Ein grünes „X” leuchtet auf und der Slogan „Das Leben ist kurz – spiel mehr!” ist zu sehen. Mit diesem Brachialspot wirbt Microsoft für die neue Spielkonsole Xbox, die seit Mitte März europaweit in den Läden steht. Der schwarze Kasten soll den Markt der Spielkisten aufmischen, der zurzeit allein von Japan beherrscht wird – insbesondere von Sonys PlayStation 2, für die es ein riesiges Angebot an Software gibt. Anfang Mai zog Nintendo – bekannt durch den Gameboy – mit seinem Gamecube nach, den es in Japan schon seit letztem Jahr gibt. Wie hart der Kampf um Marktanteile geworden ist, zeigt der Eklat auf der CeBIT letzten März in Hannover: Nach einem Protest von Microsoft musste Sony auf seinem Messestand sämtliche Playstations abbauen, weil an den Konsolen aus Japan gespielt wurde. Nach den Statuten der Messe ist das verboten, in den vergangenen Jahren hatte es aber niemanden gestört. Microsoft zeigte die Xbox deshalb nur hinter Glas. Rund 2,6 Millionen Haushalte in Deutschland besitzen eine Spielkonsole, knapp ein Drittel davon die PlayStation 2. Nach Angaben des Verbandes der Unterhaltungssoftware Deutschland in Paderborn wurden hierzulande im Jahr 2001 Konsolenspiele für mehr als eine halbe Milliarde Euro verkauft. Der typische Zocker ist männlich, unter 20 Jahre alt und versucht mit dem Joystick das Universum von fiesen Aliens zu säubern oder mit PS-starken Boliden andere von der Rennstrecke zu rempeln. Microsoft strebt nach Höherem und möchte die Xbox statt im Kinderzimmer lieber im Wohnzimmer etablieren. „Unsere Zielgruppe ist männlich und zwischen 19 und 26 Jahre alt”, lautet die Marschroute von Thomas Caric, Marketing-Manager für die Xbox. Rund 2,6 Millionen potenzielle Kunden will Caric in Deutschland nach Umfragen ausfindig gemacht haben, 230000 von ihnen so genannte „early adopters”, die zwanghaft jeden neuen technischen Schnickschnack kaufen. Für den weltgrößten Software-Konzern, der bisher außer Mäusen und Tastaturen keine Hardware im Sortiment hatte, bedeutet die Xbox keine Abkehr vom Software-Geschäft – im Gegenteil: „Die Xbox ist nur Mittel zum Zweck”, gibt Caric zu. Das Geschäft werde weiterhin mit Software gemacht. In den USA verkauft Microsoft mit jeder Xbox im Schnitt 3,2 Spiele – bei einem Preis von 69 Euro der entscheidende Umsatzfaktor. An jedem eigenen Spiel verdient Microsoft zwischen 25 und 30 Euro, an Lizenztiteln immerhin 7 bis 8 Euro. Doch die Strategie gerät ins Wanken. Weil die Xbox in den Verkaufsregalen klebt, wurde Mitte April der Preis drastisch von 479 Euro auf 299 Euro und damit auf das Niveau der PlayStation 2 gesenkt. Damit dürfte der Verlust pro Gerät so hoch sein wie der Ladenpreis, denn die Herstellungskosten liegen laut Branchenschätzungen bei knapp 600 Euro. Welche Strategie Microsoft mit der Xbox in Zukunft verfolgen wird, ist ungewiss. Letzten Herbst hatte Microsoft-Chef Steve Ballmer auch in den eigenen Reihen für Unruhe gesorgt. Vor Analysten hatte er behauptet, die Xbox sei Teil einer größeren Strategie, in der die Konsole zu einem universellen Multimedia-Center für Digital-TV und Internet mutieren soll. Technisch wäre das möglich: In der schwarzen Kiste steckt im Prinzip ein PC mit Pentium-III-Prozessor, ein DVD-Player und – erstmals bei einer Spielkonsole – auch eine Festplatte. Sogar ein schneller Netzwerk- Anschluss ist eingebaut. Thomas Caric dementiert die multimedialen Absichten: Die Festplatte diene lediglich zum Speichern der Spielstände, der Netzwerk-Anschluss sei für künftige Online-Spiele gedacht, bei denen mehrere Spieler übers Internet gegeneinander antreten können. Und den DVD- Player würden bestenfalls 20 Prozent der Käufer nutzen. Um Filme anzuschauen, braucht man deshalb noch eine Fernsteuerung, die 40 Euro extra kostet. Bei Sony hat man andere Erfahrungen. „Die PlayStation wird zur Hälfte für Spiele, zur anderen Hälfte als DVD-Player genutzt”, versichert Manfred Gerdes, Chef von Sony Computer Entertainment Deutschland. Gerdes macht keinen Hehl daraus, dass auch die PlayStation 2 Schritt für Schritt um neue Funktionen erweitert werden soll, zum Beispiel um einen Internet-Zugang. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, hofft man bei Nintendo. Der Gamecube soll ganz nach Firmentradition nur zum Spielen da sein. Auch wenn man offiziell eine ältere Zielgruppe ansprechen will, ist der robuste Würfel mit dem Henkel der ideale Zeitvertreib für die Pokémon-Generation. Ganz sicher ist sich Nintendo seiner Sache aber offenbar nicht: Schon vor Verkaufsstart wurde der Preis um 50 Euro auf 199 Euro gesenkt.
Bernd Müller





