„Beim Sex würden Sie sich das nicht gefallen lassen.” Mit diesem Slogan macht der Pay-TV-Sender Premiere World Front gegen das Schlimmste, was Fernsehzuschauern passieren kann: Werbeunterbrechungen. Schätzungsweise gut zwei Millionen Abonnenten hat der zum Medienkonzern Kirch Gruppe gehörende Fernsehkanal damit angelockt. 90 Prozent von ihnen empfangen das verschlüsselte Programm digital – damit ist Premiere World Vorreiter beim Digital-TV. Laut einer Studie der ARD-Medienkommission setzen die meisten Deutschen Digital-TV mit Premiere World gleich. Dabei gibt es seit 1997 ein digitales Programm-Bouquet der ARD, und zwar kostenlos. Doch „MuXx”, „Extra” oder „Festival” – 3 der 18 digitalen Kanäle – kennt fast niemand. Kein Wunder: „In Deutschland gibt es nur etwa 100000 Satelliten-Decoder, mit denen das komplette Programm der ARD digital zu empfangen ist”, schätzt Michael Albrecht, ARD-Koordinator für Digital Video Broadcasting (DVB). Unsere Nachbarn sind da fortschrittlicher: In Europa nutzen schon 28 Millionen Zuschauer diese Zukunftstechnik, bis 2005 sollen es 80 Millionen sein, prophezeien die Marktforscher von IDC. „ Deutschland ist beim Digital-TV weit hinten”, klagt Herbert Tillmann, technischer Direktor beim Bayerischen Rundfunk. „Wir laufen Gefahr, an die letzte Stelle zu geraten.” Das ehrgeizige Ziel der „Initiative digitaler Rundfunk” der Bundesregierung, das analoge Fernsehen bis 2010 komplett zu digitalisieren, scheint in Gefahr. Die Zuschauer warten ab – zu Recht. Wer bisher eine so genannte Settop-Box für den digitalen TV-Empfang gekauft oder gemietet hat, kann ziemlich sicher sein, dass er sie schon bald wieder verschrotten muss. Der Grund: Einen einheitlichen Standard zur Decodierung der Programme gibt es nicht. Besonders Premiere World-Abonnenten stecken mit der betagten und unflexiblen d-box in einer technologischen Sackgasse, denn die Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender lassen sich damit nicht nutzen. Die ARD empfahl deshalb bisher Decoder mit dem Open-TV-Betriebs-system. Doch diese Boxen empfangen kein Premiere World und werden für die multimediale Fernsehzukunft ebenfalls nicht ausreichen. Seit kurzem machen Politiker Druck: Ein Richtlinienentwurf der EU sieht vor, dass alle Digital-Empfänger ab 2002 eine Schnittstelle für unterschiedliche Entschlüsselungssysteme der Pay-TV-Anbieter haben müssen. Seit dem 1. November 2000 ist in der Satzung der Landesmedienanstalten eine „offene, diskriminierungsfreie Technologie” für das digitale Fernsehen vorgeschrieben. Der Kirch-Konzern gab daher im September bekannt, dass die d-box nicht mehr weiter entwickelt werden soll. ARD, ZDF, Kirch Gruppe, RTL und die Landesmedienanstalten einigten sich auf die so genannte Multimedia Home Platform, kurz MHP. MHP-Settop-Boxen empfangen nicht nur Free- und Pay-TV digital, sondern sollen in Zukunft zur multimedialen Schaltzentrale jedes Haushalts werden. Festplatten-Videorecorder, Internet-Zugang zum Verwalten des Bankkontos oder zum Einkaufen während des laufenden Programms, CD-, DVD- und MP3-Player sowie Spielekonsole könnten in einem Gehäuse vereint werden. In trockenen Tüchern ist MHP aber noch lange nicht. Liberty Media, das große Teile des Kabelnetzes der Deutschen Telekom gekauft hat und jährlich bis zu eine Milliarde Euro in dessen Ausbau investiert, hat im Oktober angekündigt, dass bis Ende 2002 rund zehn Millionen Kabelhaushalte eine kostenlose Settop-Box für Digital-TV bekommen werden. Man geht offenbar davon aus, dass die deutschen Kunden die mindestens 250 Euro für eine Box nicht freiwillig berappen werden. Schlecht für MHP: Die Liberty-Boxen unterstützen den MHP-Standard nicht und würden – massenhaft verschenkt – den Markt für die teureren MHP-Boxen kaputt machen. Auch die MHP-Macher halten den Ball erstmal flach: „Wir haben Marktprognosen für MHP, aber die will ich im Moment nicht nennen”, wiegelte Lütteke im Mai auf dem Deutschen Multimedia Kongress in Stuttgart ab. Man konzentriert sich vorerst auf die Verbesserung der Technik. Der digitale TV-Empfang funktioniert schon, wie fast serienreife Prototypen auf der Funkausstellung im August bewiesen. Als nächstes werden in den MHP-Standard breitbandige Internet-Zugänge und Speichertechnologien zum Aufzeichnen von Sendungen integriert. In Zukunft soll die MHP-Box auch als Zentrale zur Vernetzung der Wohnung dienen, aber auch in mobile Geräte wie Taschenfernseher oder Multimedia-Handys integriert werden. Kaufanreize sollen vor allem interaktive Spiele wecken. „90000 Zuschauer spielen im Internet mit, wenn ‚Wer wird Millionär‘ läuft”, verrät Jürgen Sewczyk von RTL New Media. Im Digital-Bouquet der ARD können bereits interaktive Spiele zu „Verstehen Sie Spaß” oder Infos zu großen Sport-Events simultan zum Programm abgerufen werden. Solange den TV-Zuschauern aber nicht deutlich mehr geboten wird als aufgemotzter Videotext, dürften sie mit dem Kauf einer MHP-Box zögern. Lutz Mahnke, Vorsitzender des Free Universe Network, einer Allianz aus 40 Unternehmen mit dem Ziel, die Einführung eines universellen Decoderstandards zu forcieren, dämpft überzogene Erwartungen: „Das Thema ist nicht innerhalb des kommenden Jahres marktfähig.” Dass sich der deutsche Fernsehzuschauer multimedialen TV-Neuerungen sowieso nur widerwillig öffnet, zeigt die ARD-Studie: Danach wollen sich 57 Prozent gar keinen Digitaldecoder anschaffen. Lieber hält man an Bewährtem fest: Der altertümliche Videotext wurde im Jahr 2000 täglich 459 Sekunden genutzt – länger als je zuvor. Mehr Leistung für interaktives Fernsehen Die technische Ausstattung bisheriger Settop-Boxen reicht nicht aus für ein interaktives Fernsehen. Die neuen Boxen müssen daher aufgerüstet werden. „Die Basis-Terminals für interaktives Digital-TV brauchen 16 Megabyte Speicher und eine 16 Bit-Grafikkarte”, fordert Wilfried Geuen von den Panasonic European Labs. Die nächste Generation mit Internet-Zugang werde sogar die doppelte Leistung haben. Um MHP mit akzeptablem Tempo auszustatten, ist auch das noch zu wenig. Wahrscheinlich ist, dass in den MHP-Boxen komplette PCs stecken werden: etwa ein Pentium-Rechner mit 300 Megahertz Taktfrequenz, 64 Megabyte Speicher und eine großzügige Festplatte zum Aufzeichnen von Sendungen.
Ralf Butscher





