Geschafft! Drei Minuten vor Abfahrt der S-Bahn zum Flughafen ist der Bahnhof erreicht. Jetzt noch schnell eine Fahrkarte aus dem Automaten gelassen – und es wird kein Problem sein, rechtzeitig zum Check-in am Flugschalter einzutreffen. Der Blick ins Portemonnaie beruhigt: Das Kleingeld reicht gerade noch für das Ticket. Doch der Automat weigert sich beharrlich, das letzte nötige Geldstück zu schlucken. Noch eine Minute. Der Zwanzig-Mark-Schein ist zu knitterig, den Fünfziger nimmt das Gerät nicht an. Der Zug rollt ein, „kein Einstieg ohne Fahrausweis” steht an der Tür.
Solche Probleme ließen sich vermeiden. Denn in Deutschland besitzen die meisten eine GeldKarte – separat oder als Chip auf der EC-Karte –, mit der in vielen Städten Tickets für den öffentlichen Nahverkehr gelöst werden können. An Terminals in Bankfilialen kann man die elektronische Geldbörse aufladen. Doch von den rund 50 Millionen GeldKarten, die in Deutschland in Umlauf sind, wird nicht einmal jede Hundertste benutzt. „Es gibt noch zu wenig Stellen, die die GeldKarte als Zahlungsmittel akzeptieren”, beklagt Prof. Rüdiger Grimm, der auf dem Lehrstuhl für Multimediale Anwendungen der Technischen Universität Ilmenau forscht. „Bisher beschränken sich die Einsatzmöglichkeiten weitgehend auf den Kauf von Bahntickets und auf wenige lokale Angebote, zum Beispiel in Parkhäusern.”
Das Interesse an der GeldKarte dürfte wohl erst wachsen, wenn Automatenhersteller verstärkt auf das Bezahlen per Mikrochip statt mit Groschen setzen – und wenn man mit ihr einfach und bequem im Internet shoppen kann. Bislang sind die Angebote spärlich und um sie nutzen zu können, ist die Anschaffung eines Lesegeräts erforderlich, das an den PC angeschlossen wird. Um auf Nummer sicher zu gehen, fordert der Zentrale Kreditausschuss des Deutschen Bankgewerbes Kartenleser, die über ein Display, eine Tastatur und einen eigenen Computer verfügen. Der Vorteil: Man braucht keine sensiblen Daten auf der Festplatte zu speichern. „ Zudem müssen keine PINs über die PC-Tastatur eingegeben werden, sodass ein Abhören über Spionageprogramme ausgeschlossen wird”, sagt Dr. Joachim Henkel vom Institut für Innovationsforschung und Technologiemanagement der Universität München. Der Preis eines solchen Kartenlesers dürfte aber manchen Online-Shopper abschrecken: Rund 200 Mark muss er dafür hinblättern.
Der Handel im Internet ist der wichtigste Motor für die Entwicklung neuer elektronischer Bezahlsysteme. Das Einkaufen in virtuellen Ladenpassagen erfreut sich wachsender Beliebtheit. Und dieser Trend wird bleiben: Das Institut der Deutschen Wirtschaft rechnet für 2002 in Deutschland mit rund 25 Milliarden Mark Umsatz im elektronischen Handel. Nach dem Start von UMTS im Jahr 2003 wird sich die Zahl der potenziellen Kunden vervielfachen: Dann sollen auch Mobiltelefone einen schnellen Zugang zu kostenpflichtigen Angeboten und virtuellen Shopping-Meilen erlauben. Im Jahr 2005, schätzen die Marktforscher von Ovum Ltd., werden weltweit rund eine halbe Milliarde Menschen per Handy einkaufen. Doch nur, wenn einfache und sichere Bezahlverfahren zur Verfügung stehen, werden die Kassen in der erhofften Weise klingeln.
Bislang nutzt die Mehrzahl der Online-Shopper am liebsten klassische Zahlverfahren, wie eine Umfrage des Instituts für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung der Universität Karlsruhe belegt. Demnach bevorzugen über 70 Prozent der Befragten eine Zahlung per Rechnung, jeder Zweite würde auch Lastschrift oder Nachnahme akzeptieren. Immerhin jeder Dritte ist bereit, seine Kreditkartennummer preiszugeben, wenn kryptografische Verfahren für ein hohes Maß an Sicherheit bei der Datenübertagung sorgen. Innovative elektronische Bezahlverfahren landen in der Gunst der Online-Einkäufer abgeschlagen auf den hinteren Plätzen.
Während sich Bücher, CDs oder Fan-Artikel online problemlos per Rechnung, Nachnahme oder Kreditkarte bestellen lassen, erweisen sich diese konventionellen Methoden als unrentabel, wenn es darum geht, Beträge von wenigen Mark oder Pfennigen abzurechnen: Die anfallenden Gebühren stehen in keinem Verhältnis zum Preis. Gerade solche Angebote aber sind es, die Experten als wichtige Einnahmequelle der Internet-Händler ausgemacht haben: etwa das Herunterladen von Spielen, Musikstücken, Logos und Klingeltönen oder Zeitschriften- und Zeitungsartikeln aus dem Web. Lösungen, um solche „Micropayments” schnell, einfach, sicher und rentabel zu erledigen, sind also dringend gefragt.
Die GeldKarte ist nicht das einzige Konzept, das speziell auf das elektronische Bezahlen von kleinen Beträgen ausgerichtet ist. In den letzten Jahren gab es mehrere Versuche, elektronische Münzen, so genannte Tokens, zu etablieren. So schickte die Firma DigiCash 1994 ein gleichnamiges Bezahlsystem an den Start, das es erlaubte, mit einer Seriennummer versehene Dateien ähnlich wie Bargeld zum Bezahlen im Netz zu verwenden. Die elektronischen Münzen konnten dank einer ausgeklügelten Verschlüsselung völlig anonym benutzt werden. Der Händler brauchte bei Erhalt der Dateien lediglich durch eine Bank die Echtheit der Tokens zu prüfen und sicherstellen zu lassen, dass die virtuellen Münzen nicht schon einmal ausgegeben worden waren. Die Deutsche Bank führte die virtuellen Münzen in Deutschland unter dem Namen eCash ein – stellte das Projekt aber Ende Mai wegen mangelnder Akzeptanz wieder ein. Genauso erging es den CyberCoins der Firma CyberCash bereits ein halbes Jahr zuvor – ein vergleichbares Produkt, das 1997 auf den Markt kam und von zahlreichen Banken unterstützt wurde.
„Die bis vor einigen Jahren herrschende Vorstellung von Scheinen und Münzen als dominierendem Zahlungsmittel hat sich gewandelt”, sagt Rüdiger Grimm. Diesem Trend sind auch die elektronischen Münzen zum Opfer gefallen. Der Wissenschaftler sieht noch weitere Gründe für deren Scheitern: „Die Konzepte waren für die Nutzer zu umständlich – man musste zur Bank gehen, um sich identifizieren zu lassen, extra eine Software auf dem Computer installieren, und man konnte im Internet so gut wie nirgends damit einkaufen.” Zudem war das Cybergeld an den Rechner gebunden, auf dem es abgelegt war – von woanders aus konnte man nicht damit bezahlen.
„Um akzeptiert zu werden, muss ein elektronisches Zahlungsmittel vor allem einfach zu benutzen und mobil einsetzbar sein”, sagt Grimm. Gute Chancen gibt er deshalb MicroMoney – einer Rubbelkarte, die seit Oktober von der Deutschen Telekom angeboten und an Postschaltern verkauft wird. Das Prinzip: Man rubbelt auf der Karte eine sechsstellige PIN-Nummer frei, die beim Einkauf im Internet oder im Laden um die Ecke angegeben wird. Der zu zahlende Betrag wird dann vom Wert der Karte abgebucht. Die Buchung läuft über einen zentralen Server, der mit dem System des Händlers kommuniziert. Bereits seit Juni kann man Rubbelkarten der Wiener Firma Paysafecard, die nach demselben Schema funktionieren, in Tabakläden, an Kiosken und in Filialen der Commerzbank kaufen. Die Paysafecard-Karten werden im Wert von 50, 100 oder 200 Mark angeboten. Ihre Besonderheit: Neben der gewöhnlichen Variante gibt es eine Rubbelkarte für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die für Erotikangebote und Glücksspiele gesperrt ist.
Für eine „geniale Idee” hält Rüdiger Grimm das Bezahlen per Handy – eine Möglichkeit, die zum Beispiel das Unternehmen Paybox anbietet (siehe bild der wissenschaft 11/2000: „Das Handy als Geldbörse”). Kunde und Händler lassen sich bei Paybox registrieren, wo Adressdaten und Bankverbindung hinterlegt werden. Wählt der Kunde beim Einkaufen im Internet Paybox als Zahlungsoption aus, werden Preis und Händlerdaten an einen Server gesandt. Von dort erhält er einen Anruf, und ein Sprachcomputer fordert ihn auf, die Bezahlung durch Eingabe einer PIN-Nummer freizugeben. Erst danach wird das Geld überwiesen.
„Der Medienwechsel vom Computer zum Handy erhöht die Sicherheit, da ein Abfangen oder Verfälschen der per Internet übermittelten Zahlungsnachricht nichts nützt”, sagt der Innovationsforscher Joachim Henkel. Weiterer Vorteil für den Nutzer: Der Händler weiß nicht, wer bei ihm einkauft, er erfährt nur die Mobilfunknummer. Zudem braucht man keine zusätzliche Hardware und muss auch nicht extra eine Software installieren. Neben vielen Online-Shops kann man bei rund 3500 Taxen per Handy bezahlen. Zudem ist es möglich, Geld von Handy zu Handy zu übertragen. Ähnlich wie bei Paybox läuft die Bezahlung bei den Konkurrenten Payitmobile und Street Cash. Bei Street Cash lassen sich sogar Kinokarten per Handy bezahlen: Die Tickets werden dann als Kurznachricht zugesandt.
Der Münchner Elektronikkonzern Siemens hat eine Lösung für das mobile Bezahlen mit dem Namen pay@once entwickelt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Abrechnung kleiner Beträge. Das System erlaubt ein sicheres und zuverlässiges Bezahlen per Handy in Echtzeit – zum Beispiel im Internet, im Supermarkt oder an Automaten. Siemens nutzt dabei seine Erfahrungen bei der Planung und Realisierung intelligenter Netze und bei der Verwaltung von weltweit mehr als 100 Millionen Prepaid-Konten.
Kleine Beträge werden direkt über Prepaid- oder Vertragskonten abgerechnet, bei größeren Beträgen werden die Zahlungen bis zum Erreichen eines Grenzwertes gesammelt und dann zusammen mit den Telefonkosten in Rechnung gestellt oder über ein Bankkonto oder Kreditkarte verrechnet. Für Sicherheit beim Bezahlen sorgt eine Vielzahl verschiedener Sicherheitsmechanismen.
„Beim Einkauf werden die Rechnungsbeträge zunächst auf ein Treuhandkonto überwiesen, der Händler erhält damit eine Zahlungsgarantie. Vor allem beim E-Commerce, wo sich Händler und Kunde nicht kennen und keine Informationen über Zahlungsmoral und Solidität haben, bietet dies für alle Beteiligten große Sicherheit”, sagt Dr. Rüdiger Hausmann, Leiter Produktmarketing und Geschäftsentwicklung bei Siemens ICM Intelligent Services. „ Eine Standardisierung ist ein weiterer wichtiger Aspekt”, sagt Dr. Kai Michaelis, Strategie- und Marketing-Direktor bei Siemens ICM Intelligent Services. „Die Akzeptanz bei den Kunden wird durch eine möglichst weite Verbreitung erreicht.” Gemeinsam mit anderen Unternehmen wie Hewlett Packard arbeitet Siemens daran, einheitliche Schnittstellen für einen einfachen Einsatz von Payment-Systemen für beliebige Anwendungen und Shop-Systeme bereitzustellen.
„Man müsste Hellseher sein, um vorherzusagen, welche Bezahlverfahren sich durchsetzen werden”, sagt Joachim Henkel. Fest steht allerdings, dass sich die heutige Vielfalt von Payment-Systemen ausdünnen wird. „Viele Systeme werden sterben oder mit anderen zusammenfließen”, prophezeit Rüdiger Grimm.
Zu den Gewinnern dürften die Smartcards zählen – Chipkarten á la GeldKarte mit reichlich Speicherplatz, einer Krypto-Steuereinheit und einem Mikroprozessor, die künftig zu echten Multifunktions-Karten mutieren werden. Auf solche Smartcards werden sich zahlreiche Anwendungen packen lassen, zum Beispiel Zugangsberechtigungen, Fahrkarten, Ausweise, Parkhaus-Tickets und digitale Signaturen. „Schon heute sind Chipkarten rund 150-mal leistungsfähiger als die ersten PCs”, sagt Matthias Zollver, der bei der Siemens-Tochter Infineon den Bereich Mikrochips für Chipkarten leitet. Dafür sorgen Prozessoren mit 66 Megahertz Taktfrequenz, bis zu 128 Megabyte Speicherplatz und einer Krypto-Einheit, die Schlüssel von bis zu 2048 Bit Länge codieren kann. Sie zu knacken, ist für Hacker eine praktisch unlösbare Aufgabe.
Im Chip-Entwicklungszentrum von Infineon in München entwickeln Ingenieure hinter Zugangsschleusen, schusssicheren Türen und Fenstern, die durch Rauschgeneratoren gegen Abhören von außen gesichert sind, die elektronische Geldbörse von morgen. In wenigen Jahren wollen sie die heutigen Chipkarten in ein „ System-on-a-card” verwandelt haben: Smartcards, die kein Terminal mehr brauchen, um einen Benutzer zu identifizieren oder den aktuellen Ladezustand anzuzeigen. Dazu wird künftig ein Fingerabdruck-Sensor auf den Chipkarten integriert. Außerdem sollen diese ein kleines Display erhalten, auf dem sich Transaktionen verfolgen lassen. Ultradünne biegsame Silizium-Scheibchen sollen es erlauben, größere und damit leistungsfähigere Chips als heute auf den Plastikkarten anzubringen. Biometrische Merkmale des Karteninhabers sind dann zusammen mit persönlichen Daten und elektronischem Geld im Speicher des Chips abgelegt.
Den Prototypen eines Fingerprint-Sensors auf einer Chipkarte hat Infineon vor kurzem vorgestellt. Der „Mikrochip zum Anfassen” enthält auf einer Fläche von der Größe einer PC-Tastaturtaste 65000 Elektroden, die beim Auflegen des Daumens den Abstand zwischen der Hautoberfläche und dem Sensor vermessen und daraus ein digitales Bild des Daumenabdrucks errechnen. Eine Software vergleicht das Bild mit den gespeicherten Referenzdaten des Kartenbesitzers. „Derzeit entwickeln wir einen Sensor, über den der Daumen nur geschoben werden muss, wobei die Fingerkuppe blitzschnell abgetastet wird”, sagt Matthias Zollver.
Elektronisches Geld wird das Bargeld wohl nie ganz verdrängen – oft aber kann es das Bezahlen einfacher machen. Sollten sich etwa Smartcards als elektronische Geldbörsen durchsetzen, wird der Ticketkauf vielleicht bald so ablaufen: Nachdem Sie die Chipkarte durch Antippen mit dem Daumen freigegeben und das Fahrtziel ausgewählt haben, führen Sie die Karte in den Automat ein. Der Preis des Tickets wird dann automatisch vom gespeicherten Guthaben abgebucht, der Fahrschein wird elektronisch auf dem Chip hinterlegt und in der Bahn mit einem speziellen Lesegerät kontrolliert und entwertet.
Ralf Butscher





