In wenigen Jahren endet die Förderung von Steinkohle in Deutschland. Eisen, Zink, Kupfer und andere Metalle werden schon seit Langem nicht mehr aus der Erde geholt. Und bei Hightech-Elementen wie Yttrium, Indium, Germanium und Erbium hat man es nie versucht. Was Deutschlands Erde noch bietet, reicht gerade mal für die Bau-, Düngemittel- und Porzellanindustrie sowie für die Hersteller von Tonwaren. Deutschland – so die weit verbreitete Ansicht – ist ein rohstoffarmes Land, das weitgehend auf Importe angewiesen ist.
Falsch, sagt der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE), der die Bundesregierung seit gut zehn Jahren mit dem Ziel berät, der Wegwerfgesellschaft den Garaus zu machen. „Deutschland kann zum Rohstoffland werden”, lautet die verblüffende Feststellung des RNE in einem gut 40-seitigen Papier, das diesen Weg skizziert. Der Rat fordert den radikalen Umbau der Wirtschaft, sodass Rohstoffe zu 100 Prozent wiederverwertet werden.
Die Wertstofftonne, die nach einem Beschluss des Bundestags bis 2015 eingeführt wird, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Sie soll Papier, Kunststoffe, Metalle und sogar kleine Elektrogeräte wie Haarföhne und Rasierer schlucken. In einer Recyclinganlage werden die darin enthaltenen Wertstoffe künftig abgetrennt, sodass sie sich wiederverwerten lassen. Angesichts stetig steigender Rohölpreise ist selbst zerbrochenes Spielzeug zu schade zum Verbrennen.
Das ziel: 100 Prozent Kreislauf
Die Stadt wird zum Bergwerk. „Urban Mining” nennen das die Fachleute. Auf der UN-Konferenz für Nachhaltige Entwicklung vom 4. bis 6. Juni in Rio de Janeiro soll Deutschland Mitstreiter für die Etablierung einer 100-prozentigen Kreislaufwirtschaft finden, empfahl der RNE. In letzter Konsequenz werden Autos, Wäschetrockner, Computer und Mobiltelefone in Zukunft nicht mehr verkauft, sondern an die Nutzer vermietet. Am Ende der Lebensdauer nimmt der Hersteller die Geräte zurück und recycelt die Wertstoffe. Der Bergbau der Zukunft findet in Recyclingzentren statt, deren Mitarbeiter mit raffinierten Methoden noch das letzte Mikrogramm Gold oder Tantal zum Beispiel aus einem Handy herauskitzeln.
Eine der effektivsten Methoden, Metalle aus Elektro- und elektronischen Geräten wiederzugewinnen, ist das Verbrennen des Gemischs aus metallischen Materialien und Kunststoffen bei Temperaturen von etwa 1000 Grad Celsius. Die Wertstoffe auf Kunststoff-Platinen und in der Elektronik, die in Silikon eingebettet ist, werden so fast vollständig abgetrennt. Letztlich landen sie in der Asche.
Zurückgewinnen lassen sie durch einen Verhüttungsprozess, bei dem das Asche-Metall-Gemisch erhitzt wird. Da die unterschiedlichen Metalle unterschiedliche Schmelzpunkte haben, lassen sie sich nach und nach voneinander trennen – ein lohnendes Verfahren. Eine Tonne Elektronikschrott beispielsweise enthält zwischen 20 und 500 Gramm Gold. In dem in Südafrika geförderten goldhaltigen Gestein sind gerade mal 5 Gramm pro Tonne enthalten. Neben Gold lassen sich auch Kupfer, Silber, Palladium, Platin, Indium, Tantal, Gallium, Aluminium und zunehmend auch Seltene Erden aus elektronischen Geräten gewinnen.
Radikale Mülltrennung
Jahrtausendelang haben Menschen ihre Abfälle vergraben oder zu Bergen aufgetürmt. Uralte Müllkippen – und selbst die Standorte von Latrinen – sind für Wissenschaftler reiche Informationsquellen. Anhand der Funde lässt sich das Leben von Menschen nachvollziehen, die die Erde vor etlichen Tausend Jahren bevölkert haben. Künftige Generationen werden derart aufschlussreiche Reste nicht finden. Selbst das, was in den vergangenen Jahrzehnten scheinbar auf Nimmerwiedersehen auf Müllkippen verschwand, werden sie womöglich nicht mehr entdecken. Denn die Vision ist: Es wird bald keine Zahnbürsten mehr geben, keine Tuben, keine Kochtöpfe und keine Energiesparlampen. Das alles soll, beginnend etwa mit dem Jahr 2015, vom wirklichen Müll getrennt und recycelt werden. Auch das ist eine Form des Urban Mining.
Detektivarbeit auf der Deponie
Die Vorarbeiten dazu sind angelaufen. Vor allem Stefan Gäth, Inhaber der Professur für Abfall- und Ressourcenmanagement an der Universität Gießen, ist hier aktiv. Wie Mülldetektive arbeiten er und sein Team daran, herauszufinden, welche Wertstoffe in welchen Mengen in stillgelegten Deponien verborgen sind. Daran besteht kein Mangel. Der Sachverständigenrat aus sieben Hochschulprofessoren geht davon aus, dass es in Deutschland rund 50 000 reguläre und wilde Altdeponien gibt. Zahlreiche Indizien helfen den Wissenschaftlern, Art und Menge der Inhaltsstoffe abzuschätzen.
Die Zusammensetzung von Hausmüll hat sich über die Jahrzehnte stark verändert. So landeten bis weit in die 1970er-Jahre praktisch keine Telefone in der Mülltonne. Sie waren eine Leihgabe der damaligen Deutschen Bundespost. Waren sie defekt oder überholt, wurden sie gegen neue Geräte ausgetauscht, die alten Apparate recycelt. Doch spätestens mit der Einführung der Schnurlostelefone entwickelten sich kommunikationstechnische Geräte aller Art zu Wegwerfprodukten, die einfach auf dem Müll landeten, wenn sie defekt oder technisch überholt waren.
Die Mülldetektive berücksichtigen auch die Strukturen der jeweiligen Einzugsgebiete und deren Veränderungen im Verlauf der Zeit. So ist die Zusammensetzung des Mülls in ländlichen Gebieten eine andere als in der Stadt. Schließlich helfen Bohrungen, die ohnehin nötig sind, um Deponiegas zu gewinnen. Selbst viele Jahre nach der Stilllegung einer Deponie entstehen tief in ihrem Inneren durch das Vergären von organischem Material noch brennbare Gase, die in Brunnen gesammelt und in Motoren zur Strom- und Wärmeerzeugung verbrannt werden. Der Müll, den die Brunnenbauer ans Tageslicht befördern, wird sorgfältig sortiert und bewertet.
150 Millionen Euro im Müll
Alle diese Indizien lassen eine Abschätzung der Werte zu, die in Deponien verborgen sind. Weltweit am besten untersucht und bewertet ist der Inhalt der Deponie Reiskirchen in der Nähe von Gießen, die 2001 nach fast 30-jährigem Betrieb geschlossen wurde. Der dort entstandene Hügel besteht aus 2,4 bis 3,4 Millionen Tonnen Müll. Darin befinden sich, so die Schätzung der Mülldetektive, bis zu 87 000 Tonnen Eisen- und 54 000 Tonnen Nichteisenmetalle wie Kupfer und Aluminium, die einen Wert von insgesamt rund 150 Millionen Euro haben.
Vor allem Elektrogeräte, etwa komplette Fernseher, sind wertvoll. Denn sie enthalten begehrte Metalle und zum Teil sogar geringe Mengen an Seltenen Erden, die heute für jedes Mobiltelefon und viele andere Kommunikations- und Informationsgeräte benötigt werden. Angesichts der gewaltigen Produktionsmengen – pro Jahr werden allein mehr als 1,5 Milliarden Handys hergestellt – summiert sich der Bedarf auf Hunderttausende Tonnen. Weil China fast einziger Lieferant dieser Hightech-Metalle ist, werden sie immer teurer. Das macht die Suche in Hausmülldeponien bald lukrativ. Selbst eine Renaissance des Metallbergbaus in Deutschland ist deshalb schon angedacht. So soll im sächsischen Erzgebirge nach 100 Jahren Unterbrechung bald wieder Silbererz gefördert werden, und die Vorkommen von Zinn in Sachsen werden neu erkundet.
Derzeit, so der Gießener Abfallforscher Gäth, lohnt sich die Ausbeutung der Deponie Reiskirchen noch nicht. Der Gewinn aus dem Verkauf der Wertstoffe würde die Kosten für ihre Förderung und die Verbrennung des Restmülls im besten Fall gerade decken. Schlimmstenfalls wäre es ein Verlustgeschäft – vor allem dann, wenn viele Schadstoffe auftauchen sollten, die als Sondermüll entsorgt werden müssen.
Doch Gäth ist überzeugt, dass die Rechnung in einigen Jahren ganz anders aussehen wird. Die Rohstoffpreise dürften weiter steigen, der Energieinhalt der Deponie wird angesichts der kletternden Strompreise immer wertvoller, und selbst dem Klärschlamm lässt sich noch etwas abgewinnen: zum Beispiel Phosphor, der für die Düngemittelproduktion benötigt wird. Zudem kostet jede stillgelegte Müllkippe die Betreiber noch jahrzehntelang Geld. So muss das bei der Zersetzung der Düngemittel entstehende Gas ständig abgesaugt werden, um zu verhindern, dass es zur Klimaveränderung beiträgt – das darin enthaltene Methan ist 23 Mal so schädlich wie Kohlendioxid. Außerdem muss Sickerwasser aufgefangen und gereinigt werden, ehe es ins Grundwasser gelangt. Die Kosten für das alles summieren sich in 30 Jahren auf bis zu 40 Millionen Euro.
Die Gießener Wissenschaftler haben noch eine zweite Lagerstätte unter die Lupe genommen: die ehemalige Kreismülldeponie bei Hechingen in Baden-Württemberg. Von 1982 bis 2005 landeten dort bis zu 2,6 Millionen Tonnen Abfälle aus dem Zollernalbkreis. Nach ersten Schätzungen haben die dort verborgenen Metalle einen Wert von lediglich 27 Millionen Euro. Die Kosten für ihre Gewinnung lägen dagegen bei stolzen 80 Millionen Euro. Gerhard Rettenberger, der an der Fachhochschule Trier Versorgungstechnik lehrt, geht davon aus, dass in allen deutschen Deponien zusammen 26 Millionen Tonnen Eisen schlummern. Das ist mehr als der hiesige Jahresbedarf. Dazu kommen 850 000 Tonnen Kupfer und 500 000 Tonnen Aluminium. Die Menschen in den USA gingen in der Vergangenheit noch weitaus verschwenderischer mit den einst fast unerschöpflich erscheinenden Rohstoffen um. So sollen in amerikanischen Müllkippen drei Weltjahresproduktionen an Eisen stecken.
Schlaraffenland USA
Überhaupt könnten die USA zu einem Schlaraffenland für Recycler werden. Bisher werden allenfalls 20 Prozent aller elektronischen Geräte sachgemäß recycelt – also gerade mal 20 von 100 Millionen Mobiltelefonen, die die US-Bürger pro Jahr durch neue ersetzen. Die staatliche Umweltorganisation EPA (Environmental Protection Agency) wird nicht müde, das Urban Mining zu propagieren. Das Recycling von einer Million Mobiltelefonen etwa spare so viel Energie ein, wie 185 US-Haushalte in einem Jahr verbrauchen, wirbt sie auf ihrer Homepage.
Richtig lukrativ wird Urban Mining aber erst in etlichen Jahren werden. Dann sollen Wertstoffe nicht erst nach der Zwischenstation Müllkippe gewonnen werden, sondern unmittelbar nachdem die Geräte ausgedient haben. Moderne Technik und Umweltschutz werden dafür sorgen, dass sich die städtischen Bergwerke füllen wie nie zuvor. So enthalten die 1,5 Milliarden Mobiltelefone, die derzeit pro Jahr hergestellt werden, 250 Tonnen Silber, 24 Tonnen Gold, 9 Tonnen Palladium und weitere Metalle im Gesamtwert von über einer Milliarde Euro. Elektroautos, denen möglicherweise die Zukunft gehört, bergen über 100 Kilogramm Kupfer – mehr als doppelt so viel wie Benzin- oder Diesel-Fahrzeuge. Dazu kommen 1 bis 3 Kilogramm Lithium, das in den Akkus steckt. In einer 100-Quadratmeter-Wohnung sind 7,5 Tonnen Metalle verbaut, vor allem Eisen und Kupfer.
Zu den Lieblingen der Recycler werden die Windenergie-Anlagen gehören. Deren Generatoren und Transformatoren enthalten bis zu 8 Tonnen Kupfer. Allein in den über 22 000 Windturbinen, die derzeit in Deutschland stehen, stecken rund 150 000 Tonnen des Metalls – fast 10 Prozent dessen, was in Deutschland Jahr für Jahr verbraucht wird. ■
Wolfgang Kempkens, ehemals Redakteur der Wirtschaftswoche, fordert seit Jahrzehnten die Abkehr von der Wegwerfgesellschaft.
von Wolfgang Kempkens
Kompakt
· Vor allem Metalle sind ins Visier der Müllsammler geraten.
· Handys und Fernseher enthalten viel Gold und sogenannte Seltene Erden.
· Schon bald könnte es sich rentieren, Mülldeponien als Wertstoffhalden zu nutzen.
Was heute recycelt wird
Rohstoffe werden immer teurer. Dennoch ist Recycling noch nicht gang und gäbe. So werden in Deutschland gerade mal 40 Prozent des Elektroschrotts verwertet. Bis 2019 sollen es europaweit 65 Prozent sein, so eine Vereinbarung der EU-Umweltminister. Bei Reststoffen, die getrennt gesammelt werden, ist die Bilanz deutlich besser. 88 Prozent des Papiers, 87 Prozent des Glases, 72 Prozent des Metalls und 67 Prozent der Kunststoffe aus Verpackungen werden bereits aufbereitet und als Rohstoff genutzt. Das schont nicht nur die begrenzten Vorräte, sondern spart auch Energie und andere Ressourcen. Die Herstellung von Recyclingpapier benötigt nur halb so viel Energie wie die Produktion von Neuware. Entsprechend sinkt die Emission von Schadstoffen und Klimagasen wie Kohlendioxid. Die Wassereinsparung beträgt rund zwei Drittel. Glasrecycling reduziert den Energieverbrauch um ein Viertel, bei Kupfer sind es 80 Prozent.
Die Wertstofftonne, die bis 2015 deutschlandweit eingeführt wird, soll vor allem das Recycling von kleinen Elektrogeräten ankurbeln und das Sammeln vereinfachen. Metalle aller Art und Kunststoffe werden dann in einer einzigen Tonne gesammelt.
Internet
Professur für Abfall- und Ressourcenmanagement an der Universität Gießen: www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb09/institute/ ilr/abfall-und-ressourcenmanagement
Themenseite des Umweltbundesamts zur Ressourcenschonung: www.umweltbundesamt.de/ressourcen/ index.htm
Stefan Gäth
Er hat ein Faible für Abfall – nicht nur, weil er an der Universität Gießen Professor für Ressourcenmanagement mit dem Schwerpunkt Abfall- und Stoffstrommanagement ist. „Abfall”, sagt Stefan Gäth, „ist für mich immer ein Wertstoff.” Ihn einfach zu entsorgen, kommt für ihn nicht infrage. Gäth plädiert für eine „ In-Sorge-Nahme” dessen, was am Ende des Lebenszyklus angekommen ist. Sein Motto: „Einfälle für Abfälle”. Stefan Gäth wurde 1959 in Berlin geboren. An der Universität Göttingen studierte er Agrarwissenschaften und Geologie, promovierte und habilitierte sich. Die Kreislaufwirtschaft der Natur hatte ihn schon früh fasziniert. Genauso müsse es der Mensch machen, ist er überzeugt. Gäth sucht nach Lösungen, Abfälle zur Substitution natürlicher Rohstoffe zu nutzen. Für die Zukunft schwebt ihm eine 100-prozentige Wiederverwertung all dessen vor, was der Mensch benutzt und verbraucht hat. Die Auswertung stillgelegter Mülldeponien soll die Fehler der Wegwerfgesellschaft beheben, bei der sämtliche Abfälle, egal wie wertvoll, in der grauen Tonne landeten.





